Im Anschluss an das Treffen der sogenannten „Koalition der Willigen“ in Paris hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron am Montagabend angekündigt, dass die multinationale Friedenstruppe für die Ukraine (MNF-U) in den nächsten Monaten mit militärischen Übungen in den Nachbarländern der Ukraine beginnen werde. Bislang hatte man sich im französisch-britischen Generalstab in Mont-Valérien bei Paris lediglich mit der Planung eines multinationalen Einsatzes befasst.

Inzwischen seien alle Einsatzpläne der Koalition „bereit“, hieß es aus dem Élysée. Man wolle damit die Einsatzbereitschaft „an Land, zur See und in der Luft“ unter Beweis stellen. „Wir sind bereit, entschlossen und glaubwürdig“, sagte Macron am Montag.

Die inzwischen auf 37 Mitglieder angewachsene „Koalition der Willigen“ bekräftigte ihre „Pariser Erklärung“ von Januar dieses Jahres. Bundeskanzler Friedrich Merz sprach von einer „neuen Dynamik“, die er an militärischen Erfolgen der Ukraine festmachte, aber auch an der transatlantischen Einigkeit auf dem G-7-Gipfel in Évian und dem Nato-Gipfel in Ankara.

Gemeinsam werde man weiter Druck auf Russland ausüben. „Es ist an der Zeit für Russland, an den Verhandlungstisch zurückzukehren“, sagte Merz. Der Deutsche Bundestag werde „zu gegebener Zeit“ über Art und Umfang des deutschen Beitrags entscheiden, ergänzte Merz.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj lobte „wichtige und konkrete Ergebnisse“ des Pariser Treffens. Dazu gehört vor allem die Schaffung einer „integrierten Raketenabwehr-Koalition“, die acht europäische Länder gemeinsam mit der Ukraine unter Verweis auf die wachsende Bedrohung durch ballistische Raketen gebildet haben.

Man wolle gemeinsam ein europäisches „rein defensives“ Raketenabwehrsystem entwickeln. „Wir sind der Überzeugung, dass der Schutz Europas eine globale Lösung in Form einer integrierten Raketenabwehr-Architektur erfordert, um künftige Raketenbedrohungen abzuschrecken und abzuwehren“, heißt es in der gemeinsamen Erklärung. Es geht darum, die verteidigungsindustrielle Basis, Forschung und operative Erfahrungen zu bündeln. Neben Frankreich und Deutschland gehören auch Dänemark, Italien, die Niederlande, Norwegen, Schweden, Großbritannien und die Ukraine zu den Gründungsmitgliedern. Die Koalition stehe weiteren Interessenten offen, hieß es in der Gründungserklärung.

Russland wird nicht genannt – aber ist gemeint

„Wir tun dies nicht gegen ein Volk, sondern zur Verteidigung unseres eigenen“, endet die gemeinsame Erklärung. Russland wird darin zwar mit keinem Wort erwähnt, aber zwischen den Zeilen wird kein Zweifel daran gelassen, wer sich gemeint fühlen soll.

„Angesichts der ballistischen Bedrohung treffen wir eine klare Entscheidung: Wir schützen die Ukraine, stärken unsere gemeinsame Sicherheit und bauen das Europa der Verteidigung auf“, schrieb Macron nach dem Treffen im französischen Außenministerium auf X.

Die Tatsache, dass die Ukraine als Nicht-Nato-Staat Gründungsmitglied der Raketenabwehr-Allianz ist, darf man als klares Signal ihrer engen Anbindung an westliche Sicherheitsstrukturen auch nach einem möglichen Frieden mit Russland werten. Zudem scheint die Raketenabwehr-Initiative einen Vorgeschmack darauf zu geben, wie eine künftige europäische Säule der Nato aussehen könnte.

Nachdem US-Präsident Donald Trump auf dem Nato-Gipfel in Ankara die Zusage für USA-Lizenzen für die Produktion von Patriot-Raketenabwehrsystemen direkt in der Ukraine gegeben hat, wollen die Gründungsländer diese Zusage durch eigene Systeme ergänzen.

Beim gemeinsamen Raketenabwehr-Programm handelt es sich um das System Freya, das Selenskyj vergangene Woche angekündigt hat und das von der ukrainischen Firma Fire Point gemeinsam mit deutschen, französischen, italienischen und norwegischen Rüstungsunternehmen entwickelt wird. Vertreter europäischer Rüstungsfirmen waren in Paris dabei. Statt der 3,8 Millionen Dollar einer amerikanischen Patriot PAC-3 kostet das Freya-Programm 700.000 Dollar pro Abschuss. Selenskyj betonte, dass es kein drängenderes Problem für die Ukraine gebe als die Abwehr ballistischer Raketen aus Russland. Allein im Juli wurden Dutzende Zivilisten getötet.

„Koalition der Willigen“: EU-Ratspräsident Antonio Costa, Bundeskanzler Friedrich Merz, ukrainischer Präsident Wolodymyr Selenskyj, französischer Präsident Emmanuel Macron, britischer Premierminister Keir Starmer, polnischer Ministerpräsident Donald Tusk und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (v.l.n.r.)

Die „Koalition der Willigen“ traf sich am Vorabend der traditionellen Militärparade am französischen Nationalfeiertag, die dieses Jahr in einem XXL-Format mit 6800 Teilnehmern auf den Pariser Champs-Élysées als „historisch“ angekündigt wurde.

Die zehnte und damit letzte Militärparade von Präsident Macron, der sein Amt 2017 antrat, steht dieses Jahr unter dem Motto „Das strategische Erwachen Europas“. Mit dieser militärischen Machtdemonstration will Paris ein klares Signal Richtung Moskau aussenden.

Militärparade als Machtdemonstration

„Die Streitkräfte, die am 14. Juli an der Parade teilnehmen, haben nichts mehr mit den Streitkräften von 2017 zu tun“, wie es ein militärischer Berater des französischen Präsidenten formulierte. Es handele sich um eine „modernisierte, einsatzbereite Armee“.

Über 30 der inzwischen 37 Staats- und Regierungschefs der „Koalition der Willigen“ haben ihre Teilnahme auf der Gästetribüne auf der Place de la Concorde angekündigt, auch der deutsche Bundeskanzler ist dabei.

Insgesamt 500 Soldaten aus Mitgliedsländern der Koalition nehmen an der Parade teil, darunter 21 Soldaten des deutschen Artilleriebataillons 295 aus Stetten am kalten Markt, ein Bataillon, das der Deutsch-Französischen Brigade untersteht. Neben zwei franko-ukrainischen Mirage-Kampfjets werden auch ein deutscher Eurofighter sowie drei Transportflugzeuge der deutschen Luftwaffe durch den Himmel über Paris fliegen.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.