Das Bernabéu-Stadion in der spanischen Hauptstadt Madrid bebt. Die rund 80.000 Zuschauer skandieren „contigo Leon – un solo corazón!“, was sich auf Spanisch wunderbar reimt. Auf Deutsch übersetzt wird es zum holprigen „Mit dir, Leo – ein einziges Herz“. Der Chor geht in Klatschen und Jubeln über. Und dann ist es soweit: Papst Leo XIV. tritt in weißer Soutane mit federnden Schritten aus den Katakomben des Stadions, flankiert von seinen Leibwächtern in ihren perfekt sitzenden Anzügen. Er winkt der jubelnden Menge zu, lächelt verschmitzt. Die Menschen toben vor Begeisterung.
Papst Leo XIV. ist seit Mai vergangenen Jahres im Amt. Und war Robert Francis Prevost nach der Überraschung über seine Wahl in den ersten Monaten in der breiten Öffentlichkeit nicht groß wahrgenommen worden, so wird er mittlerweile vielerorts wie ein Superstar gefeiert.
Und zwar nicht nur von den rund 1,4 Milliarden Katholiken weltweit. Er hat sich innerhalb kürzester Zeit zu einer moralischen Instanz aufgeschwungen, die auch von Atheisten und progressiven Milieus beachtet wird, die bislang eher für eine Kritik an der Rückwärtsgewandtheit der Katholischen Kirche standen.
Die Zeiten, in denen eine Negativschlagzeile zur Kirche die nächste jagte – häufig zu sexuellem Missbrauch oder Korruptionsskandalen –, scheinen erst einmal vorbei zu sein. Und auch der starke Rückgang der Zahl von Menschen in westlichen Ländern, die sich als Katholiken identifizieren, steht vorerst nicht mehr im Fokus.
Dabei belegt eine Studie des PEW-Research Center zur Religionszugehörigkeit aus dem Jahr 2024, dass der katholische Glaube in allen großen westlichen Ländern mehr Mitglieder verliert, als er neue hinzugewinnt. Einzige Ausnahme: Ungarn. In Deutschland, Spanien, Frankreich und den USA haben jeweils über 40 Prozent der Menschen, die katholisch aufgewachsen sind, der Kirche mittlerweile den Rücken gekehrt.
Zuletzt gab es aber auch wieder Erfolgsmeldungen. So berichtete die Papal Foundation, eine der wichtigsten US‑Stiftungen zur Unterstützung des Vatikans, dass die Spendenbereitschaft seit dem Antritt Leos XIV. wieder gestiegen sei. Was ist passiert?
„Wer heute etwas anderes als die fatalistischen Schreckensnachrichten hören will, wendet sich an Papst Leo“, sagt der Kirchenhistoriker Massimo Faggioli vom Trinity College in Dublin. Und die Mischung aus Charisma und seiner strategisch klugen, unaufgeregten Kommunikation sorgt dafür, dass es einfach ist, dem Heiligen Vater dabei zuzuhören.
Der Papst mit einer Mütze des Baseball-Teams Chicago White Sox, die ihm ein frisch verheiratetes Paar bei einer Generalaudienz geschenkt hatMit seinen 70 Jahren ist er ein vergleichsweise junger, fitter und nahbarer Papst. Er nutzt ein Smartphone, mag Pizza und trägt eine Apple Watch. Seine Freizeit verbringt er in der päpstlichen Residenz bei Rom „mit ein bisschen Lektüre, Arbeit, Tennis und Schwimmen“, sagte er einmal zu Journalisten. Und riet: „Jeder sollte etwas für Körper und Seele tun.“ Bei einer Audienz setzte er sich einmal die Schirmmütze seines favorisierten Baseball-Teams, den Chicago White Sox, auf, die ihm Besucher mitgebracht hatten.
Vor wenigen Wochen schaute er sich den neuen Ferrari Luce, den ersten vollelektrischen Ferrari, aus der Nähe an, als dieser in Rom der Weltöffentlichkeit vorgestellt wurde – Fototermin inklusive. „Leo versteht, wie die Popkultur funktioniert“, resümiert Faggioli.
Papst Leo XIV. (r.) und John Elkann, Aufsichtsratsvorsitzender von Ferrari, mit dem neuen Modell LuceDas ist nicht zu übersehen. So traf er den italienischen Tennisstar Jannik Sinner zur Privataudienz und witzelte, dass sie besser im Audienzsaal keine Partie spielen sollten. Mitte November gab er eine Sonderaudienz für die Filmbranche, an der Cate Blanchett, Monica Bellucci und Spike Lee teilnahmen, und verriet zu dem Anlass, dass „Das Leben ist schön“ von Roberto Benigni aus dem Jahr 1997 zu seinen Lieblingsfilmen zählt.
Robert Francis Prevost, geboren in Chicago, studierte Philosophie und Mathematik in Pennsylvania, Theologie in Chicago und Kirchenrecht in Rom. Er besitzt auch die peruanische Staatsbürgerschaft, weil er in dem südamerikanischen Land viele Jahre lang gelebt und gearbeitet hat. Die Kardinäle hofften, dass ihm seine Biografie, die die Nord- und Südhalbkugel verbindet, helfen würde, die zuletzt tief gespaltene Kirche wieder zusammenzuführen.
Besonders wichtig ist diese Aufgabe in den USA. Unter Papst Franziskus wandten sich dort viele Gläubige von der Kirche ab, weil sie sich nicht mit dem US-kritischen Pontifex aus Argentinien identifizieren konnten. Wie der polnische Papst Johannes Paul II. dazu beigetragen hat, den Kommunismus zu Fall zu bringen, hoffen nun einige, der amerikanische Papst könnte den erratischen US-Präsidenten Donald Trump in seine Schranken verweisen.
Manche Beobachter erwarteten deshalb, dass Leo unmittelbar nach seiner Wahl stark gegenüber Trump auftreten würde. Stattdessen richtete er sich ruhig im Amt ein und begann, sein Netzwerk zu erweitern und den Austausch zu suchen. Bereits zweimal hat er alle Kardinäle nach Rom eingeladen, um mit ihnen zu beraten. Unter Franziskus geschah das kein einziges Mal.
Das passt zu den Lehren des Augustiner-Ordens, dem Leo angehört und in dessen Zentrum der Gemeinschaftsgedanke steht. Im Umfeld des Vatikans erzählt man sich, dass Leo ein Thema erst durchdringen wolle, bevor er Entscheidungen treffe, und sich bei der Besetzung von Posten Zeit lasse.
So dauerte es einige Monate, bis er den Vorsitzenden der Päpstlichen Kinderschutzkommission ernannte. Aber als er dann den französischen Erzbischof Thibault Verny berief, war das die klare Nachricht, etwa an die italienische Kirche, die bisher mit der Aufarbeitung der Fälle sexuellen Missbrauchs hinterherhinkt, wie ernst er das Thema nimmt.
Historische Rede
Bevor Papst Leo im großen Stil seine eigene Agenda in Angriff nehmen konnte, musste er die Termine des Heiligen Jahres der katholischen Kirche abarbeiten, die er von seinem Vorgänger geerbt hatte. Erst nach dem Ende der Feierlichkeiten Ende 2025 begann Leo, eigene Akzente zu setzen.
Ein erster solcher Moment war die Rede, die er am 9. Januar vor dem Diplomatischen Korps des Vatikans hielt. Darin warnte Leo nur wenige Tage nach der Gefangennahme des venezolanischen Diktators Nicolás Maduro durch die USA, dass „Krieg wieder in Mode gekommen sei“ und Frieden zunehmend mit Gewalt statt durch Gerechtigkeit angestrebt werde. Als Antwort darauf rief er zu Demut, Dialog und einem erneuten Bekenntnis zum Multilateralismus auf.
Diese Rede gilt als erster politischer Kommentar Leos XIV. in Trumps Richtung. Er begann damit, sich als Gegenpol zu etablieren in einer zunehmend von Gewalt, Krieg und Chaos geprägten Welt, in der das Recht des Stärkeren zu gelten scheint. Das kommt auch in den Milieus gut an, die der schönen alten, vorhersehbaren Welt nachtrauern – auch wenn sie ansonsten nichts mit der Kirche zu tun haben.
Dieser Eindruck verstärkte sich beim ersten direkten Schlagabtausch zwischen dem Vatikan und Washington über den Iran-Krieg. Nachdem Trump gedroht hatte, das iranische Volk auszulöschen, schaltete sich der Papst mit seiner bislang politischsten Stellungnahme ein und rief die Amerikaner indirekt dazu auf, an ihre Kongressabgeordneten zu schreiben, um Frieden zu fordern.
Der US-Präsident startete daraufhin auf Truth Social eine beispiellose verbale Attacke gegen den Papst. Dieser ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen, sondern verwies auf seine Rolle als geistlicher Führer, der für den Frieden eintrete und keine Politik mache. Und er stellte klar: „Ich habe keine Angst vor der Trump-Regierung.“
Leo XIV. im Bernabéu-Stadion in MadridAllein dieses Zitat dürfte bei vielen Menschen in Ländern, die von Trump mit einem militärischen Eingreifen bedroht oder hohen Zöllen belegt wurden, auf Zustimmung stoßen. Er reagiert auch mit Taten, allerdings ohne dabei in Trumps konfrontativen Stil zu verfallen. So traf er nach seinem Auftritt im Bernabéu-Stadion den Popstar Bad Bunny, der wie kein anderer die migrantische Community in den USA verkörpert und zu einem Symbol des Trump-Protestes geworden ist.
Vor wenigen Wochen hat Leo XIV. seine erste Enzyklika „Magnifica Humanitas“ veröffentlicht, in deren Zentrum neben Frieden auch Künstliche Intelligenz (KI) steht. Bei der Präsentation saß ein Vertreter des KI-Unternehmens Anthropic neben ihm – auch das war ein deutliches Signal an Trump. Denn Anthropic weigert sich, sein KI-Modell Claude für Massenüberwachung und vollautonome tödliche Waffen freizugeben, woraufhin das Unternehmen von Verträgen mit Bundesbehörden und dem Pentagon ausgeschlossen wurde.
Auch der Inhalt der Enzyklika kam gut an. Schon ihr Untertitel „Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“ spricht aus, was viele Menschen beschäftigt. Aber sie verteufelt die neue Technologie nicht, sondern zeigt ihre Chancen und Risiken gleichermaßen auf.
Das Schreiben ist außerdem eine Antwort auf die mächtigen Konzerne aus dem Silicon Valley, die Künstliche Intelligenz vorantreiben. Leo fordert in seiner Enzyklika, die „Gleichsetzung von technischer Macht und dem Recht zu herrschen, aufzubrechen“. Mit solchen Forderungen bietet er inmitten der Wertekrise des Westens und im Angesicht einer neuen technologischen Revolution Millionen Menschen weltweit Orientierung und Halt.
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