Polens Ministerpräsident Donald Tusk rechnet nicht mit einem baldigen Frieden in der Ukraine. Er erwarte, dass Russland unter Präsident Wladimir Putin den Krieg mindestens bis zum Winter fortsetzen werde, sagte Tusk am Dienstag vor Journalisten in Paris. „Angesichts der starren Haltung Russlands und Putins scheint es zu diesem Zeitpunkt unwahrscheinlich, dass in naher Zukunft ein Waffenstillstand oder ein Friedensabkommen erreicht wird.“ Stattdessen sei eher mit einer weiteren Eskalation der russischen Angriffe zu rechnen.

Tusk kündigte deshalb an, Polen werde im Herbst Militärübungen mit französischen und britischen Truppen ausrichten. Ziel sei es, die „Koalition der Willigen“ darauf vorzubereiten, nach einem möglichen Waffenstillstand oder Friedensabkommen die Sicherheit der Ukraine und der Region zu gewährleisten.

Vor seinen Äußerungen hatte Tusk nach eigenen Angaben mit Nato-Generalsekretär Mark Rutte und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj über die Lage beraten. Die westlichen Verbündeten der Ukraine hatten bereits am Montag in Paris über das weitere Vorgehen gesprochen.

Der Kreml erteilte unterdessen Sicherheitsgarantien für die Ukraine ohne russische Beteiligung eine Absage. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow reagierte damit am Dienstag auf eine Äußerung von Bundeskanzler Friedrich Merz. Dessen Kommentar verdeutliche die „festgefahrene Position“ der europäischen Regierungen in dem Konflikt. Merz hatte am Montag gesagt, die Frage von Sicherheitsgarantien solle von der Ukraine und ihren Partnern entschieden werden, nicht von Russland.

„Es ist unmöglich, Sicherheitsgarantien ohne die Beteiligung Russlands zu formulieren“, sagte Peskow vor Journalisten. Sollten die Europäer auf dieser Haltung bestehen, schließe dies eine Beteiligung europäischer Länder am Prozess zur Beendigung des Konflikts vollständig aus. Die Ukraine fordert von westlichen Staaten Garantien, um sie vor möglichen zukünftigen Angriffen Moskaus zu schützen. Russische Streitkräfte kontrollieren nach viereinhalb Jahren Krieg derzeit rund ein Fünftel des ukrainischen Staatsgebiets.

Russland-Beobachterin: Putin ist bereit, „fast jeden Preis zu zahlen“

Dass eine Ausweitung des Konflikts und eine weitere Eskalation bevorsteht, erkennt auch Tatiana Stanovaya vom Berliner Thinktank Carnegie Russia Eurasia Center. „Putin scheint zu glauben, dass Russland den Krieg gewinnt und letztlich gewinnen wird“, schreibt die Politologin und Kreml-Beobachterin auf X. „Er scheint bereit zu sein, fast jeden Preis zu zahlen, um dieses Ziel zu erreichen.“ Wer darauf hoffe, dass zunehmender Druck mehr Raum für Verhandlungen schaffe, dürfte nach ihrer Einschätzung enttäuscht werden. „Mehr Druck wird eher zu weiterer Radikalisierung in Moskau und einer stärkeren militärischen Reaktion führen“, warnte die Politologin.

Nach Darstellung der Analystin basiert die aktuelle westliche Strategie auf der Annahme, dass zunehmender Druck Putin schließlich zu Verhandlungen bewegen werde. Doch die Reaktion Moskaus deute „in die entgegengesetzte Richtung“. Diese Folgerung schaffe einen „Anreiz zur Eskalation statt zur Entspannung“, die dazu führe, dass sich der Konflikt geografisch ausweite.

Wladimir Putin auf dem Forum „Alles für den Sieg!“

„Putin glaubt nicht, dass die Offensive der Ukraine die russische Gesellschaft brechen kann“, zitiert Stanovaya zudem in einer aktuellen Analyse eines Thinktanks zur Russland-Politik, dessen Mitgründerin sie ist. Der russische Präsident interpretiere die ukrainischen Angriffe vielmehr als „westlichen Versuch, seine Position zu schwächen“ und ziehe daraus Schlussfolgerungen, die in westlichen Hauptstädten vielfach nicht erwartet würden.

Besonders aufmerksam verfolgt Stanovaya die wirtschaftlichen Folgen des Krieges. Die Treibstoffkrise sei inzwischen „zum zentralen Thema der russischen Politik geworden“ und die Behörden steuerten die Lage auf eine Weise, die viel darüber verrate, „wie das System unter Belastung funktioniert“. Die Entwicklung zeige, welche Entscheidungen im Machtapparat getroffen würden, wer sie treffe und welche politischen Kosten der Kreml vor den Abstimmungen im September erwarte.

Tatsächlich spielt die Treibstoffversorgung derzeit eine große Rolle, das räumte sogar der russische Präsident selbst ein. Putin hatte sich dazu auf dem Forum namens „Alles für den Sieg!“ der Allrussischen Volksfront in Moskau geäußert. Dort besichtigte er russische Drohnen und erklärte, Russland entwickle Wirtschaft und Streitkräfte trotz westlicher Sanktionen und ukrainischer Angriffe weiter.

Zwar gestand Putin Probleme bei der Versorgung mit Ölprodukten infolge ukrainischer Angriffe auf Energieanlagen ein. Russland werde auf Angriffe auf sein Territorium reagieren, sagte Putin weiter. Die Reaktionen würden „symmetrisch“, aber „um ein Vielfaches stärker“ ausfallen.

Russlands Präsident Putin (l.) besichtigt am 13. Juli 2026 die Drohnen-Ausstellung zum Forum „Alles für den Sieg!“

Die Russland-Expertin Stanovaya erkennt darin wachsende Spannungen innerhalb des Landes. Viele Unternehmer wünschten sich demnach zunehmend ein Ende des Krieges. Gleichzeitig gebe es „wenig Raum für interne Debatten oder für die Infragestellung von Putins Kurs“. Die Führung scheine vielmehr „auf weitere Eskalation festgelegt zu sein, ohne klare Grenzen“.

Die „starke Erwartung, dass bedeutende Veränderungen bevorstehen“

Besondere Bedeutung misst Stanovaya den kommenden Monaten bei: „Das Jahr 2026 scheint eine besonders wichtige Phase im Krieg zu sein“, schreibt sie. „Zum ersten Mal haben die kumulativen Auswirkungen des Konflikts eine sichtbare Wirkung auf die innenpolitische Situation Russlands“. Dadurch würden Fragen hinsichtlich der Fähigkeit des Staates aufgeworfen, „auf die gleiche Weise weiter zu funktionieren“. Dies schwäche Putin politisch, lasse ihn aber zugleich „radikaler erscheinen“ und verstärke in Teilen der Moskauer Elite die Sorge vor einer drohenden Krise.

Es gebe eine „starke und wachsende Erwartung, dass bedeutende Veränderungen bevorstehen“. Zwar sei unklar, wie diese Veränderungen aussehen oder von wem sie ausgehen könnten. Gleichzeitig verbreite sich jedoch die Überzeugung, „dass, wenn der aktuelle Abnutzungskrieg anhält, Russlands Ressourcen unter wachsendem Druck geraten werden, während die Wirtschaft eingeschränkt bleibt und immer mehr Unternehmen unrentabel werden“.

Stanovaya erkennt eine paradoxe Entwicklung, da „zwei Prozesse gleichzeitig ablaufen: zunehmende externe Eskalation und vertiefte interne Widersprüche“. Die wirtschaftlichen und politischen Folgen des Krieges setzen Russland zunehmend unter Druck, zugleich wird der Kreml nach ihrer Einschätzung dadurch nicht verhandlungsbereiter, sondern reagiert mit weiterer Eskalation. Der Westen sollte sich deshalb auf „unerwartete Entwicklungen“ vorbereiten.

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