Vor dem historischen Gebäude mit der Adresse Dr. Luis Agote 2412 im Herzen von Buenos Aires marschieren Sicherheitskräfte auf. Großräumig zieht sich bald ein Netz aus rund 300 Bundespolizisten um die Botschaft des Vereinigten Königreichs in der argentinischen Hauptstadt. „Es werden Vorkehrungen getroffen, als wäre es der 2. April“, berichtete die Zeitung „Nación“ in dieser Woche.

Dieses Datum kennt im Land des Fußball-Weltmeisters jedes Kind, denn es ist der Tag der Veteranen und der Gefallenen im Falklandkrieg.

In Atlanta treffen am Abend die Nationalmannschaften Argentiniens und Englands im zweiten WM-Halbfinale aufeinander. Sportlich betrachtet geht es um die Frage, wer am Sonntag beim Endspiel in East Rutherford Spanien herausfordern wird. Doch jeder Argentinier und jeder Brite weiß, dass es in diesem Spiel um viel mehr geht.

Keine andere Partie dieser Weltmeisterschaft ist politisch derart aufgeladen und historisch so belastet wie das Duell der „Albiceleste“ (der Weißhimmelblauen) gegen die „Piraten“, wie die Engländer in Argentinien genannt werden. „Piratas“, weil sie die „Falkland-Inseln“ gestohlen haben, so die argentinische Lesart.

Zur Sicherheit gibt das Außenministerium den Fans für das Spiel einen Rat: Sie sollten keine Flaggen mitbringen, die die Falkland-Inseln zeigen. Denn das könne als politische Aussage gewertet werden und sei verboten.

Luftaufnahme des Ortes Stanley auf den Falklandinseln

Die betreffende Inselgruppe liegt rund 700 Kilometer östlich der südargentinischen Atlantikküste. Auf ihr leben nahezu ausschließlich Briten, die sich 2013 in einem Referendum dafür entschieden haben, im Vereinigten Königreich bleiben zu wollen. Direktflüge auf die Insel gibt es aus Argentinien nicht. Die Argentinier hingegen argumentieren, die britische Krone habe die Insel vor Jahrhunderten widerrechtlich besetzt.

In den Netzwerken ist längst ein digitaler Fankrieg entbrannt. Ein Fake-Foto, das die britischen Superstars Harry Kane und Co. in Soldatenuniform auf den Falkland-Inseln zeigt, wird von den englischen Fans gefeiert. Die argentinischen Fans rufen ihre Nationalspieler dazu auf, „für unsere gefallenen Jungs von den Malvinas“ zu spielen.

70 Tage Krieg um die Falkland-Inseln und 900 Tote

Vor fast exakt 40 Jahren war die Erinnerung an den kriegerischen Konflikt vier Jahre zuvor noch frisch. Argentinien hatte nach einer Militärdiktatur den Weg zurück in eine Demokratie gefunden. Das lag auch daran, dass die Junta sich 1982 gründlich verschätzt hatte.

Die Besetzung der „Islas Malvinas“, wie sie in Argentinien heißen, wurde damals von Zehntausenden Menschen aus allen politischen Lagern auf den Plätzen des Landes gefeiert. Doch sie hatten nicht damit gerechnet, dass die „Eiserne Lady“, die britische Premierministerin Margaret Thatcher (1925–2013), ihre Armada auf die wochenlange Reise in den Südatlantik schicken würde.

Im Gepäck hatten die Soldaten die unmissverständliche Botschaft: „Wir müssen diese Inseln zurückgewinnen.“ Insgesamt dauerten die Gefechte 70 Tage, 900 Menschen verloren ihr Leben. Danach waren die Islas Malvinas wieder die Falkland-Inseln, die Generäle hatten ihr Gesicht verloren und die argentinische Volksseele war tief getroffen.

Vier Jahre später hatten die Argentinier dann ihren „Wir sind wieder wer“-Moment. Im legendären Aztekenstadion in Mexiko-Stadt trafen die Kriegsgegner wieder aufeinander – dieses Mal in Fußballtrikots. Am Rande der Partie gab es zwischen den verfeindeten Fan-Lagern wüste Schlägereien.

Auf dem Platz aber wurde Diego Maradona zu einem unsterblichen Volkshelden. In weniger als fünf Minuten erzielte er die Tore, die sich fortan für immer ins Gedächtnis der Argentinier einbrennen sollen. Und die heute als Wandmalereien riesige Häuserwände im ganzen Land schmücken.

Maradona-Mural in Buenos Aires

Erst traf Maradona mit einem profanen Handspiel, das zwar sämtliche englischen Spieler erkannten, nicht aber der Schiedsrichter. Maradona erklärte nachher, es sei die Hand Gottes gewesen, die den Ball über die Linie geführt habe. Es war die Sekunde, in der der Mythos Maradona geboren wurde – und die das Duell Argentinien gegen England für alle zukünftigen Generationen zu einer Schicksalsbegegnung werden ließ.

In Argentinien glauben viele Menschen tatsächlich daran, dass Maradonas Legende von der Hand Gottes stimmt. Sie sehen darin die göttliche Strafe für den Raub der Falklandinseln. Dass Maradona anschließend mit seinem Jahrhundertsolo auch noch die ganze britische Hintermannschaft aussteigen ließ, machte den Tag in Mexiko-Stadt perfekt. Denn aus argentinischer Sicht waren es dieses Mal die Briten, die vor den Augen der Welt gedemütigt wurden.

USA erwägen, ihre Position zu ändern

In Argentinien ist es Staatsräson, die Rückgabe der Falkland-Inseln zu fordern. Das gilt für die linksgerichteten Peronisten wie für das libertäre Lager um den aktuellen Präsidenten Javier Milei. Vor einigen Wochen gab es erneut Bewegung in der Sache.

Aus den USA kamen Meldungen, laut denen Republikaner, die Donald Trump besonders nahestehen, aus Enttäuschung über die verweigerte Unterstützung der Briten im Konflikt mit dem Iran daran arbeiten, dass Washington seine bisherige Position zu den Falkland-Inseln überdenkt.

Im Gegenzug für eine US-Militärbasis in Feuerland könnten die USA ihre Unterstützung für Londons Anspruch zurückziehen. Hintergrund ist ein neues panamerikanisches Militärbündnis unter Führung der USA, das die organisierte Kriminalität bekämpfen soll. In diesem Netzwerk wird sich auch Mileis Argentinien einbringen.

Zudem hat jüngst der Sonderausschuss für Entkolonialisierung der Vereinten Nationen die Position Argentiniens gestärkt. Ein entsprechendes Dokument bekräftigte den Aufruf an das Vereinigte Königreich und die Republik Argentinien, die bilateralen Verhandlungen wieder aufzunehmen, um eine friedliche und endgültige Lösung des Souveränitätsstreits zu finden.

Die Briten allerdings sind nicht bereit, über das Thema auch nur zu sprechen. Die britische Außenministerin Yvette Cooper erklärte vor wenigen Wochen: „Die Falklandinseln sind britisch. Die Souveränität liegt beim Vereinigten Königreich, und das Selbstbestimmungsrecht liegt bei den Inselbewohnern.“

Die argentinische Vizepräsidentin Victoria Villarruel hingegen gab den Bewohnern der Falkland-Inseln jüngst einen Rat: „Wenn sie sich als Engländer fühlen, sollen sie in die tausende Kilometer entfernte Heimat zurückkehren.“ Und sie stellte klar, wie Buenos Aires den Konflikt sieht: „Heute mehr denn je gehören die Falklandinseln zu Argentinien.“

Durch die Arena in Atlanta wird heute wieder der Lieblingssong der Fans zu hören sein, die dazu immer wieder aufspringen: „¡El que no salta, es un inglés!“ – „Wer nicht springt, der ist ein Engländer.“ Es ist die Hymne schlechthin der argentinischen Fußballfans.

Tobias Käufer ist Lateinamerika-Korrespondent. Im Auftrag von WELT berichtet er seit 2009 über die Entwicklungen in der Region.

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