Unionsfraktionschef Jens Spahn und sein Mann Daniel Funke haben mit der Bekanntgabe ihrer Elternschaft in Deutschland scharfe Kritik ausgelöst – auch aus den eigenen Reihen.

Die thüringische Frauen-Union-Landesvorsitzende Marion Rosin forderte gar seinen Rücktritt, Feministin Alice Schwarzer warf Spahn vor, persönliche Interessen über das Recht zu stellen, und mehrere Kirchenvertreter warnten vor der Ausbeutung von Frauen. Auslöser ist die am Mittwoch bekannt gewordene Geburt von Spahns Sohn Georg, den eine Leihmutter in den USA austrug – ein Verfahren, das in Deutschland verboten ist.

Rosin forderte als Erste Konsequenzen. Wer das Verbot durch eine Auslandslösung umgehe, setze sich über den Geist des deutschen Gesetzes hinweg, sagte die CDU-Landtagsabgeordnete den Funke-Medien. Gehe die Glaubwürdigkeit eines Spitzenpolitikers verloren, sei „Rücktritt eine Frage der Konsequenz“. Die Frauen Union bekräftigte zugleich, sie sehe keinen Grund, an der geltenden Rechtslage etwas zu ändern.

Auch Alice Schwarzer griff Spahn scharf an. „Zu Recht ist Leihmutterschaft in Deutschland verboten“, sagte sie der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). „Denn Menschen sind keine Ware. Käuflich sollte weder eine Frau als Gebärmaschine sein noch ein für Geld produziertes Kaufkind.“ Spahn habe seine persönlichen Interessen über das Recht gestellt und trage zur Akzeptanz einer Praxis bei, in der Frauen fremde Kinder für Geld austrügen und den Forderungen der Käufer ausgeliefert seien.

Heftige Kritik im Netz

Auf Instagram gab es unter dem Bild von Funke und Spahn mit Kinderwagen kritische Kommentare, zumal sich auch Spahn in der Vergangenheit gegen Leihmutterschaft positioniert hatte. Die frühere Grüne-Jugend-Chefin Jette Nietzard schrieb auf der Plattform: „Doppelmoral und Glückwunsch zum Babykauf“.

Aus dem katholischen Umfeld meldeten sich mehrere Stimmen zu Wort. Der Freiburger Medizinethiker Giovanni Maio nannte die Gefahr einer Ausbeutung der Leihmutter „virulent“; zugleich sei das Kindeswohl berührt, weil von vornherein ein Abbruch der in der Schwangerschaft entstandenen Bindung programmiert werde. Der Regensburger Moraltheologe Rupert Scheule stimmte Spahns Aussage zu, dass sich Gott über jedes Kind freue – es gebe keine verminderte Wertigkeit aufgrund der Art der Zeugung. Zugleich sei Leihmutterschaft oft mit Ausbeutung verbunden, sagte er mit Blick auf die Ukraine und die USA. Der Renovabis-Chef Thomas Schwartz erklärte, das Recht auf Selbstverwirklichung ende dort, wo andere Menschen zum Mittel würden.

Jens Spahns Vaterglück wurde möglich durch Leihmutterschaft. Spahns CDU lehnt diese Methode grundsätzlich ab. „Da kriegt der Normalsterbliche natürlich das Gefühl, Politiker machen Gesetze, an die sie sich selbst nicht halten“, sagt WELT-Chefreporterin Anna Schneider.

Spahn selbst äußerte sich zu der Kritik zunächst nicht. Aus seinem Umfeld hieß es, er leite aus seinem Privatleben grundsätzlich keine politischen Forderungen ab. Für die Entscheidung sei auch die Lage der Leihmutter ausschlaggebend gewesen: Leihmutter könne dort nur werden, wer finanziell unabhängig sei, bereits eigene Kinder und ein geordnetes Familienleben habe. Sein Ehemann Daniel Funke war in der „Bild“ auf mögliche Vorbehalte eingegangen: „Uns ist bewusst, dass beim Thema Leihmutterschaft oft Unsicherheit herrscht und auch manches Vorurteil besteht“, sagte er und verwies auf Franz Beckenbauer: „Der liebe Gott freut sich über jedes Kind.“

Familienministerium äußert sich

Brisant ist die Kritik auch, weil Spahn sich früher selbst ablehnend geäußert hatte. In einem Gastbeitrag für das Magazin „GQ“ schrieb er 2015, er könne sich als schwuler Mann und Christ nur schwer mit der Idee eines gemieteten Mutterbauchs anfreunden. In Deutschland ist Leihmutterschaft verboten; strafbar machen sich allerdings nur Ärzte, die sie ermöglichen, nicht die Wunscheltern. In mehreren US-Bundesstaaten ist die Praxis legal, weshalb deutsche Paare dorthin ausweichen. Erst vor wenigen Monaten war der CDU-Abgeordnete Hendrik Streeck mit seinem Ehemann denselben Weg gegangen.

Die CDU-Spitze hält an ihrer Linie fest. Die geltende Rechtslage solle bleiben, wie sie ist, teilte eine Sprecherin mit; die Partei verwies auf ihren Parteitagsbeschluss vom Februar in Stuttgart, in dem sie ein Verbot der Leihmutterschaft auch in altruistischen Modellen gefordert hatte.

Ein Sprecher des Familienministeriums (unter der Leitung von CDU-Politikerin Karin Prien) verwies auf das Verbot der Ersatzmuttervermittlung nach dem Adoptionsvermittlungsgesetz; der Koalitionsvertrag sehe keine Änderung vor.

Kanzler Friedrich Merz (CDU) wollte sich nicht näher äußern; er habe Spahn zur Elternschaft gratuliert. Justizministerin Stefanie Hubig (SPD) bekräftigte, am Verbot solle nichts geändert werden, kündigte aber an, über eine „doppelte Mutterschaft“ für Frauen in langjähriger Partnerschaft nachzudenken.

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