Drei Stunden vor dem Startschuss der Christopher Street Day-Parade ist es noch recht ruhig in der Lübecker Straße in Hamburg. An den etwa 60 Trucks werden die letzten Verzierungsarbeiten vorgenommen. Getränkekisten werden verladen, Ballons angebracht. Über einem der Lkw tanzt ein Ballon in Herzform und in den Regenbogenfarben in der Luft. Ein besseres Symbol hätte es eine Woche nach dem Anschlag auf den CSD in Berlin mit einer Toten und 31 zum Teil schwer verletzten Menschen wohl kaum geben können.

Allmählich füllt sich der Straßenzug, der zwischen dem Mühlendamm und der Güntherstraße von der Polizei abgesperrt ist. Die Sonne bricht durch die Wolken, blauer Himmel wird sichtbar. Immer mehr Menschen strömen aus der U-Bahn-Station und von den Zugangswegen. Bunte Kostüme, hohe Absätze, Leder, Latex, Seifenblasen und viel Glitter prägen das Bild. In den Cafés wird noch ein schnelles Frühstück genossen, ein Kiosk hat seine Ladenfläche kurzfristig auf den Gehweg verlegt.

Ein Polizist auf dem CSD in Hamburg

Die Stimmung ist positiv angespannt, aber nicht ängstlich. Das gilt auch für Florian, der einen halben Bart im Gesicht trägt, und sich dem dritten Geschlecht zugehörig fühlt. „Schlimm, was in Berlin passiert ist“, sagt der gebürtige Heidelberger, der vor eineinhalb Jahren wegen der toleranten und weltoffenen Stimmung im Stadtteil St. Pauli in die Hansestadt gezogen ist. „Die Frau war ja extra aus dem Ausland nach Berlin gereist.“

Die Teilnehmenden fühlen sich auch durch die starke Präsenz der Polizei geschützt. „Angst bringt uns alle nicht weiter“, sagt Thomas Jager, der zum Vorstand des CSD in Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern gehört. „Ich habe mich noch nie bei einem CSD unsicher gefühlt, und heute fühle ich mich sogar noch sicherer. Wir lassen uns nicht unterkriegen.“

„Niemand kann erklären, wen Liebe bedroht“

Die Vielfalt der Trucks ist ebenso groß wie die der Menschen. Der Verein Buntes Handwerk ist mit dem Slogan „Alle Hände fürs Handwerk – Alle Hände für Queerrechte“ ebenso dabei wie der Hamburger Dom, dessen Hänger von einem Hanomag-Traktor aus dem Jahr 1958 gezogen wird. Ein Engel, dessen Flügel in den Farben des Regenbogens gestaltet sind, steht neben den „Omas gegen Rechts“. Auf einem selbstgeschriebenen Pappschild ist zu lesen: „Leider konnte mir noch niemand erklären, wen Liebe bedroht“.

Tausende feiern am Samstag in Hamburg

Er spüre bei den Menschen und auch bei der Stimmung im Internet ein echtes „Jetzt-erst-Recht-Gefühl“, sagt Manuel Opitz, der Sprecher von Hamburg Pride, dem Organisator des Christopher Street Day in Hamburg. Eine treffende Zusammenfassung.

Je dichter der Start rückt, desto elektrisierter wird die Stimmung. Die Leistungsfähigkeit der Musikboxen wird getestet. Rosa und weißes Konfetti fliegt durch die Luft, aus den Boxen klingt „Heal the world“ von Michael Jackson. „Heal the world, make it a better place. For you and for me and the entire human race“ heißt es in dem Song aus dem Jahr 1992. „Mach die Welt gesund, mach sie zu einem besseren Ort. Für Dich und für mich und für die ganz menschliche Rasse.“

Dann macht sich der Zug auf seinen Weg durch die Stadt. Mehrere Stunden soll die Parade gehen. Im Anschluss wird auf dem Rathausmarkt und an der Binnenalster noch bis zum Sonntag weitergefeiert. Alles unter dem Motto „Solidarisch queer. Haltung zeigen – für eine Zukunft ohne Angst!“

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