Der österreichische Militäranalyst Markus Reisner sieht die Ukraine im Krieg gegen Russland zunehmend unter Druck. Im Interview mit n-tv sagte der Österreicher: „Die Ukraine befindet sich in einer dramatischen Situation.“

Grund dafür sei unter anderem der Mangel an Patriots-Abwehrraketen. Die USA hielten diese für ihre eigene Reserve zurück. Wegen des Iran-Kriegs sei der US-Bestand seit Februar von 2300 auf etwa 800 geschrumpft. „Trotzdem könnten die USA noch Raketen an die Ukraine abgeben. Politisch ist das aber nicht gewollt“, sagte Reisner.

Der Ukraine stehe nun ein harter Winter bevor. Wegen der russischen Angriffe auf die ukrainische Infrastruktur könne sie schon jetzt nicht mehr ausreichend Strom für die kalte Jahreszeit produzieren. „Die ukrainische Seite ist auch deshalb längst von allen Maximalforderungen abgerückt. Um Rückeroberungen geht es gar nicht mehr. Selenskyj fordert nur noch einen Waffenstillstand, der durch belastbare Sicherheitsgarantien abgesichert wird“, erklärte Reisner.

Angriff auf Kiew am Wochenende

Hinzu komme, dass die Ukraine befürchte, Russland könne nach der Parlamentswahl im September bis zu 300.000 Männer zusätzlich zum Kriegsdienst einberufen. „Die müsste die russische Armee zwar erst einmal ausbilden und ausstatten, andererseits legt man dort bekanntlich keinen allzu großen Wert auf das Überleben der eigenen Leute an der Front.“

Dass Russland derweil rabiat bei der Rekrutierung von Soldaten vorzugehen scheint, bestätigt ein Medienbericht des „Wall Street Journal“. In kleineren Städten und Ortschaften seien Männer demnach auf der Straße in Gewahrsam genommen, zu einem Rekrutierungsbüro gebracht und zum Kriegsdienst gezwungen worden.

Augenzeugenberichten zufolge soll die russische Polizei Männer teilweise unter Druck setzen, ihnen etwa das Unterschieben von Drogen androhen. Ein Einwohner der Stadt Pensa erklärte der Zeitung, er habe einen vermissten Bekannten im örtlichen Rekrutierungsbüro gefunden. Diesem sei in die Leber und in die Nieren geschlagen worden. Auf sein Drängen sei der Bekannte freigelassen worden. „Wenn wir zwei Stunden später gekommen wären, hätten sie ihn schon mitgenommen. Sie gehen äußerst schnell vor“, berichtete der Einwohner.

Militäranalyst Reisner hält einen Waffenstillstand zwischen Russland und der Ukraine bis zu den US-Midterms im November für möglich. Denn nicht nur die Ukraine, auch Russland stehe unter Druck und könne die anhaltenden Angriffe auf Dauer nicht aushalten, sagte er weiter.

So greife die Ukraine etwa erfolgreich Raffinerien an. Auch nahm die Ukraine zuletzt mehrfach den größten russischen Online-Versandhändler Wildberries ins Visier. Reisner relativierte allerdings: „Weil Russland infolge des Iran-Kriegs aber auf dem Weltmarkt mehr Geld pro Barrel Öl bekommt, federt das die Einbrüche bei den Deviseneinnahmen durch die geringere Produktion ab.“

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