Die Nato baut an einem gigantischen digitalen Gefechtsfeld für einen möglichen Krieg mit Russland. KI-gestützte Drohnen, Sensoren und Satelliten sollen an der Ostflanke des Bündnisses ein engmaschiges Netz bilden, das russische Bedrohungen erkennen und dabei helfen soll, sie möglichst schon in der ersten Verteidigungslinie abzuwehren.
Bei der Nato ist der Drohneneinsatz Teil des neuen Konzeptes „Eastern Flank Deterrence Initiative“, kurz EFDI, das entlang der Grenze zu Russland und Belarus aufgebaut werden soll – von Nordfinnland bis zum Schwarzen Meer. Panzer, Kampfjets und Artillerie bleiben zwar das Rückgrat der Nato. Doch künftig soll ein großer Teil der Aufklärung und Zielsuche von selbstständig fliegenden Maschinen übernommen werden.
Der Bundeswehr-Brigadegeneral Thomas Lowin hatte im Interview mit WELT im Januar erstmals von den Plänen berichtet. „Der Grundgedanke ist, ein komplexes, mehrschichtiges Verteidigungssystem entlang der Grenze zu Russland und Belarus aufzubauen und zur Verteidigung nicht nur konventionelle Truppen einzusetzen, sondern durch Hindernisse und den Einsatz von Technik eine robotisierte oder automatisierte Zone im grenznahen Bereich zum Gegner zu schaffen, die dieser dann erst einmal überwinden muss“, sagte er.
Bei der Entwicklung lasse die Nato auch die Erfahrungen der Ukraine in ihrem Verteidigungskampf gegen Russland einfließen, so Lowin weiter. Die Ukraine setzt immer stärker auf künstliche Intelligenz bei ihren Drohnen. Eine entscheidende Aufgabe aber bleibt beim Menschen: die Entscheidung zum Angriff. Denn auch wenn der Krieg immer stärker von Maschinen geprägt wird, sollen Menschen weiterhin über den Einsatz tödlicher Gewalt entscheiden, betonen ukrainische Soldaten und Rüstungsfirmen.
Von der „Kill Chain“ zum „Kill Web“
Wie das neue System funktionieren soll, erklärt US-Major Ben Schiff, Software-Experte der US-Armee, im Gespräch mit „Bild“, das wie WELT zum Axel Springer Global Reporters Network gehört. Sowohl Russland als auch die Ukraine setzten bei ihren Drohnen weiterhin auf menschliche Piloten, sagt Schiff. Zwar können einige Systeme mithilfe von KI und maschinellem Lernen kurzzeitig selbstständig fliegen. Grundsätzlich sitzen die Piloten aber noch am Boden.
„Was wir versuchen, ist, das Konzept gewissermaßen umzudrehen“, sagt Schiff im Hauptquartier der US-Armee Europa und Afrika in Wiesbaden. Schiff ist für das sogenannte EFDI Data Backbone verantwortlich – das digitale „Nervensystem“ des Nato‑Konzepts. Es soll die verschiedenen nationalen Systeme miteinander verbinden.
Seine Idee: Die langweiligsten Aufgaben sollen die Maschinen übernehmen. Drohnen könnten zum Beispiel selbstständig über einem Schlachtfeld kreisen und nach möglichen Zielen suchen. „Die Menschen entscheiden also, was die Drohne tut“, sagt Schiff. „Sie müssen aber nicht unbedingt selbst den Flug steuern, denn wir haben keine Million Piloten. Wir können nicht gleichzeitig eine Million Drohnen fliegen lassen.“
Mit der EFDI will die Nato außerdem weg von einer klassischen Tötungskette („Kill-Chain“). Stattdessen soll ein dezentrales Tötungsnetz („Kill Web“) entstehen. Sensoren erkennen eine Bedrohung. Die Daten werden sofort weitergegeben, Waffen und Soldaten können darauf reagieren. Die Nato beschreibt das System deshalb auch als eine Art „Datenautobahn“.
Die einzelnen Staaten sollen ihre bereits vorhandenen Systeme einfach in dieses Netzwerk einbinden können. Dass das funktionieren kann, wurde laut US-Angaben bereits im Kampfeinsatz gezeigt. US-Streitkräfte im Nahen Osten nutzten eine solche Datenverbindung, um den ersten amerikanischen Abschuss einer iranischen Shahed-Drohne im Kampf in Kuwait mit dem Merops-Abfangsystem zu koordinieren.
US-Major Matt Blubaugh, ein Sprecher der US-Armee in Europa und Afrika, sagt: „Der Wert einer Drohne, eines Sensors oder einer anderen Fähigkeit wird nicht allein durch ihre individuelle Leistung bestimmt. Ihre Wirksamkeit hängt davon ab, wie gut sie sich in das größere operative Ökosystem integriert.“
Die Ukraine als Vorbild
Bei der Entwicklung dieser Systeme schaut die Nato genau auf die Ukraine. Das Land ist einer der Vorreiter bei der Integration von KI in militärische Prozesse. Andrii Hrytseniuk, Chef der ukrainischen staatlich unterstützten Innovationsplattform Brave1, sagte „Business Insider“, das ebenfalls zum Global Reporters Network gehört, dass mehr als 200 ukrainische Unternehmen an KI-Komponenten für Drohnen, Raketen, Radare und andere Systeme arbeiten.
Der Drohnenhersteller Wild Hornets, der die Sting-Abfangdrohne produziert, erklärte im Mai, KI werde schrittweise in fast jede Phase des Fluges eingebaut – von der Zielerkennung über die Identifizierung bis später zur Endphasensteuerung. Die Entscheidung über den Angriff solle aber beim Menschen bleiben, weil Russland seine Taktik ständig verändere und die Entscheidungen entsprechend angepasst werden müssten.
Je mehr autonome Systeme in der Ukraine eingesetzt werden, desto wichtiger wird eine Frage: Wo endet die Entscheidung der Maschine – und wo beginnt die des Menschen? Bodenroboter übernehmen bereits immer häufiger Aufgaben an der Front, die für Soldaten extrem gefährlich sind, transportieren etwa Material und ersetzen Menschen bei besonders riskanten Einsätzen.
Das Ziel der zunehmenden Automatisierung ist dabei nicht, den Menschen vom Schlachtfeld zu verbannen – sondern Menschenleben zu retten. Es gehe darum, „den Menschen zu ermöglichen, sich auf die Aufgaben zu konzentrieren, bei denen menschliches Urteilsvermögen den größten Wert hat“, sagt Grek, ein Roboter-Kompaniechef des 21. Regiments für unbemannte Systeme „Kraken“.
Das Axel Springer Global Reporters Network ist eine markenübergreifende Initiative, die Scoops, investigative Recherchen, Interviews, Meinungsstücke und Analysen globaler Relevanz veröffentlicht. Journalisten aller Axel-Springer-Marken – darunter „Politico“, „The Telegraph“, „Business Insider“, WELT, „Bild“, „Onet„ und „Fakt“ – kooperieren bei großen Geschichten für ein internationales Publikum. Die Berichterstattung erstreckt sich über alle Plattformen von Axel Springer: Online, Print, TV und Audio. Zusammen erreichen diese Veröffentlichungen Hunderte Millionen Menschen weltweit.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.