Konflikte mit den Nachbarn kennen viele. In Berlin gibt es seit wenigen Wochen jedoch eine neue Nachbarschaft, bei der mehr Stress drohen könnte als Streit über Ruhestörungen und unerledigte Gartenarbeit. Anfang Juli ist eine Außenstelle des Bundesdigitalministeriums in die Taubenstraße 42/43 in Berlin-Mitte gezogen. Direkt nebenan: das „Russische Haus der Wissenschaft und Kultur“. Die Einrichtung steht schon seit Langem im Verdacht, nicht bloß eine Kultureinrichtung zu sein. Das französische Innenministerium etwa geht davon aus, dass russische Geheimdienste die Einrichtung als Tarnung nutzen.

Die direkte Nachbarschaft eines Bundesministeriums zu einer derart umstrittenen Einrichtung berge Risiken, sagt auch der Cybersicherheitsexperte Dennis-Kenji Kipker. Kurze Distanzen eröffneten zusätzliche Möglichkeiten, Informationen abzuschöpfen.

Die Nachbarn könnten zum Beispiel Lasermikrofone einsetzen, um Gespräche in der Außenstelle des Ministeriums zu rekonstruieren. Die Laser würden dabei auf Fensterscheiben gerichtet, um zu messen, wie sehr Töne aus dem Inneren diese zum Schwingen brächten, erklärt Kipker. Die Lichtimpulse könnten anschließend wieder in hörbaren Ton umgewandelt werden. Zudem könne man „die elektromagnetische Abstrahlung von Computern, Tastaturen, Bildschirmen oder Netzwerkkabeln analysieren“, sagt der Experte. So ließen sich Informationen abgreifen, die auf den Geräten verarbeitet werden.

Auch in der Nutzung von WLAN schlummert ein Risiko: Über sogenannte Rogue-Access-Points können Angreifer ein gefälschtes Netzwerk aufsetzen, das für Nutzer kaum vom echten zu unterscheiden ist. Verbindet sich ein Gerät damit, lässt sich der Datenverkehr mitlesen und gegebenenfalls manipulieren. „Mit einer gerichteten Antenne wäre es theoretisch auch denkbar, Bluetooth-Verbindungen zu kompromittieren“, sagt Kipker. Die Verwendung von Bluetooth in sicherheitssensiblen Bereichen sei jedoch in der Regel untersagt.

Nicht zu unterschätzen ist der Aspekt des Social Engineering. Dort nutzen Angreifer gezielt die menschliche Psychologie aus. Das werde durch die räumliche Nähe wesentlich einfacher. Angreifer könnten zum Beispiel beobachten, wer das Ministerium wann betritt und verlässt, und daraus Muster erstellen – auch, wann Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) kommt und geht. Anschließend könnten sie die Mitarbeiter in der Umgebung der Außenstelle ansprechen.

Gegen die meisten dieser Angriffswege gebe es allerdings Schutzvorkehrungen. „Man kann IT-Systeme abschirmen, das Personal entsprechend trainieren, Sichtschutz in Fenster einbauen oder Fenster verspiegeln und abhörsichere Konferenzräume errichten“, erklärt Kipker. Auch das Digitalministerium selbst teilt mit, alle Vorkehrungen zu ergreifen, um Risiken auszuschließen.

Dennoch facht die Wahl der Ministeriumsaußenstelle die Debatte ums Russische Haus neu an. So kritisiert beispielsweise die FDP-Europaabgeordnete Marie-Agnes Strack-Zimmermann die direkte Nachbarschaft. „Wie man so blöd sein kann, ist eine Frage, die nur diese Bundesregierung beantworten kann“, schreibt sie auf X. Grünen-Digitalpolitikerin Jeanne Dillschneider sagt: „Wir sollten Spionage und Sabotage entschlossen bekämpfen, statt die Tür zu öffnen.“

Bereits seit 2022, nach Beginn der russischen Invasion der Ukraine, gibt es immer wieder Forderungen danach, das Russische Haus zu schließen. Zuletzt forderte zum Beispiel der CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter bei WELT TV, dass die Bundesregierung das Haus schließen lasse: „Dieses Haus ist Symbol unserer Schwäche und russischer Einflussnahme.“

Den Pro-Newsletter „Technologie & KI“ von „Politico“ können Sie hier abonnieren.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.