Bundesaußenminister Johann Wadephul war sichtlich bemüht, Hoffnung zu verbreiten. Bei seinem Besuch in Kiew am Wochenende sicherte der CDU-Politiker der Ukraine weitere humanitäre Hilfe von 50 Millionen Euro zu. Und er betonte, dass er weiter versuchen werde, Patriot-Abwehrraketen aufzutreiben – bei den Verbündeten, aber auch in Deutschland. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) müsse „gemeinsam mit seinen Fachleuten in die Bestände gucken und schauen, ob noch etwas möglich ist“.
Es ist ein kleines Pflänzchen Hoffnung. Wadephul weiß genau, dass die Lagerbestände an Abwehrraketen überschaubar sind. Russland weiß das auch. Und nutzt die Schwäche der Ukraine bei der Luftverteidigung brutal aus. In den vergangenen Wochen hat Wladimir Putins Armee die Angriffe auf ukrainische Städte intensiviert – und die Luftabwehr muss viel zu oft hilflos zusehen.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte am Sonntag auf X, er habe „300 Raketen für die Patriot-Systeme als Teil des Winterpakets sichern“ wollen. „Die Anfrage unserer Luftwaffe lautet auf 360. Aber wenn nur 600 pro Jahr produziert werden, sind 360 nicht leicht zu bekommen“, so Selenskyj.
Man arbeite mit Ländern an zusätzlichen Optionen. „Und ich würde sehr gerne glauben, dass wir einen Weg finden können, auf einen kleinen Prozentsatz der US-Vorräte zuzugreifen – sagen wir, fünf oder zehn Prozent.“ Die Ukraine sei bereit, für diese Lieferungen zu zahlen. „Anders gesagt“, so Selenskyj, „Amerika könnte seinen Vorrat auffrischen, und wir könnten den Winter überstehen.“
Wadephul kündigte an, Anfang der Woche mit US-Außenminister Marco Rubio über das Thema Abwehrraketen sprechen zu wollen. Er setze darauf, „dass die USA weiter bereit sind, eine aktive Rolle hier auch zu spielen in den Verhandlungen mit der Ukraine“.
Der Besuch des deutschen Außenministers fand kurz vor dem 35. Unabhängigkeitstag der Ukraine am Montag statt. Am Sonntag trafen weitere Unterstützer des angegriffenen Landes in Kiew ein: Staats- und Regierungschefs aus Dänemark, Estland, Finnland, Lettland, Litauen und Norwegen.
Am Montag soll eine Konferenz der sogenannten Koalition der Willigen stattfinden, die nach Angaben der Nato und aus Paris von Bundeskanzler Friedrich Merz, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und dem britischen Premierminister Andy Burnham ausgerichtet wird. Macron und Merz sind letzten Informationen zufolge allerdings nur zugeschaltet, während Burnham vor Ort sein wird – genauso wie EU-Ratspräsident António Costa.
Dass Macron und Merz, die in Europa Geschlossenheit und Führungsstärke in Sachen Ukraine-Unterstützung zeigen wollten, nicht selbst in Kiew präsent sind, dürfte dort als Rückschlag aufgefasst werden. Hoffnung dürfte dagegen die erste Auslandsreise des neuen britischen Premiers Burnham machen.
Zumal er offenbar eine wichtige Botschaft nach Kiew mitbringen wird. Aus London hieß es, dass er dort voraussichtlich bekannt geben wird, dass das Rüstungsunternehmen MBDA geheime Informationen über britische Komponenten für den Marschflugkörper SCALP freigeben darf.
Dabei handelt es sich um die in Frankreich hergestellte Version der britischen „Storm Shadow“, wobei beide auf gemeinsamer französischer und britischer Technologie basieren. Die Ukraine und Frankreich streben demnach lokale Montagelinien in der Ukraine an. Diese Entwicklung dürfte Merz weiter unter Druck setzen, der bis heute den deutschen Marschflugkörper Taurus nicht freigegeben hat.
Dass die Europäer – ob nun vor Ort oder zugeschaltet – der Ukraine weitere Unterstützung zusichern werden, ist klar. Ebenso klar dürfte ihnen sein: Ohne Druck aus den USA wird Putin sich nicht bewegen.
Die Friedensbemühungen pausierten derzeit, „wir brauchen eine aktivere Beteiligung der amerikanischen Seite“, sagte der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha laut der ukrainischen Nachrichtenagentur Interfax bei seinem Treffen mit Wadephul. Ohne die USA sei es „unrealistisch, in dieser Situation Fortschritte und einen gerechten Frieden zu erreichen“. Sybiha erklärte: „Die Ukraine hat Ideen, darunter auch kreative Ideen, um diesen Prozess so weit wie möglich voranzutreiben. Wir erwarten die Ankunft des amerikanischen Verhandlungsteams.“
Kommen Witkoff und Kushner nach Kiew?
Wann ein solches Team nach Kiew reisen könnte, darüber wurde in diesen Tagen viel spekuliert. Donald Trumps Unterhändler Steve Witkoff und Jared Kushner sollten laut Berichten mehrerer Medien ebenfalls am Montag in Kiew eintreffen. Am Sonntag erfuhren WELT und „Politico“ in Washington und Kiew jedoch, dass es vorerst nicht dazu kommt. Wann der von Trump persönlich in Aussicht gestellte Besuch stattfindet, ist weiterhin offen.
Insgesamt siebenmal war Witkoff bereits in Russland, um mit Wladimir Putin über die Ukraine zu verhandeln, mindestens zweimal davon begleitet von Kushner. Die Ukraine hat lange dafür geworben, dass die beiden auch einmal das Land besuchen, über das sie so oft mit Putin gesprochen haben. Bei Selenskyjs Besuch im Weißen Haus Ende Juli sicherte Trump ihm zu, dass er seine Verhandler nun nach Kiew schicken würde.
Die letzten diplomatischen Bemühungen der USA, den Ukraine-Krieg zu beenden, hatten zu Jahresbeginn stattgefunden. Im Januar und Februar kam es zu drei von Washington vermittelten direkten Verhandlungsrunden zwischen Moskau und Kiew. Sowohl die Gespräche in Abu Dhabi als auch in Genf endeten ohne Durchbruch.
Wenig später begann der Krieg gegen den Iran, was den Fokus der Regierung in Washington verlagerte. Witkoff und Kushner wurden beordert, mit dem Regime in Teheran zu verhandeln. Bislang ohne Erfolg. Nun also die Ukraine?
„Ich war von der Ankündigung des Besuchs von Kushner und Witkoff überrascht“, sagte der ehemalige US-Botschafter in Kiew und heutige Senior Direktor des Eurasia Centers des Atlantic Council in Washington, John Herbst, im Gespräch mit WELT. „Da nichts Gutes in Sachen Iran passiert, scheint die Regierung sich jetzt wieder der Ukraine zuzuwenden“, so Herbst.
Fraglich sei jedoch, ob das Chancen auf Erfolg habe, sagte der ehemalige Diplomat. Schließlich zeige Russland keinerlei Bereitschaft, den Krieg zu beenden. Bislang hätten die USA auch wenig dafür getan, dies zu erzwingen. „Ein entschlossenes, konsequentes Vorgehen der USA, das die Kosten dieses Krieges erhöht, würde den Tag schneller herbeiführen, an dem Putin beschließt, echten Frieden zu schließen“, sagte Herbst. Bislang sei davon jedoch nichts zu sehen.
Im Gegenteil. Nachdem die Ukraine zuletzt verstärkt russische Ölraffinerien und Logistikzentren angegriffen hatte, drohte Putin Kiew mit einer harten Antwort. Die Ukraine habe mit den gegen Russlands Wirtschaft gerichteten Attacken die „Büchse der Pandora“ geöffnet, sagte Putin in einem Interview mit dem Moskauer Staatsfernsehen. Kiew habe nun selbst den „Geist aus der Flasche“ gelassen.
„Die Gegenmaßnahmen werden nicht lange auf sich warten lassen. Die bekommt ihr“, sagt er an die Adresse der Ukraine. Ultranationalistische Kreise in Russland hatten Putin zuletzt aufgefordert, härter gegen das Land vorzugehen. Nun sagte er: „Dabei werden die Handlungen der russischen Armee noch deutlich spürbarer und zerstörerischer ausfallen.“
In dem Interview mit Pawel Sarubin, der als Putins Haus- und Hofreporter gilt, sagte der Kremlchef, dass die Ukraine zuletzt „exotische Vorschläge“ für eine Friedenslösung gemacht habe, und wies diese durch Vermittler überbrachten Ideen zurück, ohne Details zu nennen.
Zwei mögliche Lesarten des Besuchs
Vor diesem Hintergrund kursieren zwei Interpretationen eines möglichen Besuchs von Witkoff und Kushner in Kiew. Die pessimistische ist die einer Feigenblatt-Aktion. Trump wolle den Druck auf Putin nicht erhöhen, also gebe es wenig Hoffnung auf den Erfolg eines weiteren amerikanischen diplomatischen Vorstoßes, spekulierte ein hochrangiger ukrainischer Diplomat in den USA gegenüber WELT.
„Sie wollen nicht beschuldigt werden, aufgegeben zu haben. Deswegen kommen sie“, sagte er. Auch Ex-US-Botschafter Herbst zieht das in Betracht. „Das könnte einfach eine Alibi-Veranstaltung werden, um endlich sagen zu können, dass man auch mal in der Ukraine war“, sagte er.
Ein positives Szenario wäre die Weiterführung des Stimmungswandels in Washington zugunsten der Ukraine. Anders als noch vor anderthalb Jahren, als es zum Eklat zwischen Trump und Selenskyj kam, soll das Verhältnis der beiden nun sehr gut sein. Im Sommer traf sich der ukrainische Präsident innerhalb weniger Wochen gleich dreimal mit seinem amerikanischen Amtskollegen.
Beim Treffen in Ankara versprach Trump überraschend die Lizenzierung der Patriot-Produktion. Der US-Senat verabschiedete das Sanktionspaket gegen Russland, das jetzt vom Repräsentantenhaus gebilligt werden muss. Und selbst im MAGA-Umfeld änderte sich der Ton.
Auf Fox News führte der Moderator Sean Hannity ein freundliches Interview mit Selenskyj, und die Influencerin Laura Loomer warb eindringlich für mehr Unterstützung für die Ukraine. Ein Besuch von Witkoff und Kushner könnte das vertiefen. „Vielleicht haben sie einen Heureka-Moment in Kiew, indem sie den Horror des russischen Krieges realisieren und Schritte unternehmen, um Putin zum Frieden zu bewegen“, so Herbst.
Die nächsten Tage könnten zeigen, welches Szenario sich durchsetzt.
Gregor Schwung berichtet als Korrespondent für WELT aus Washington D.C. Caroline Turzer leitet seit 2020 das Ressort Außenpolitik. Sie berichtet über Bildungspolitik, Geopolitik und internationale Zusammenarbeit sowie über die Zukunft der EU.
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