Er beginnt sein Video mit einem lässigen „Glück auf aus Wattenscheid“: Der CDU-Europaabgeordnete Dennis Radtke hat in einem Beitrag auf X seine Aussagen in der ZDF-Sendung „Markus Lanz“ zur Migration verteidigt und Kritikern vorgeworfen, nicht differenziert genug zu urteilen.
Radtke ist auch Vorsitzender des CDU-Sozialflügels CDA. Er hatte in der Sendung am Donnerstag erklärt, dass Deutschland nie wieder wie früher aussehen werde, auch wenn jeder illegale Migrant abgeschoben werde. Es gebe Entwicklungen, die unumkehrbar seien. Als Beispiel nannte er seine Heimatstadt Wattenscheid, in der es kein Kino mehr gebe und auch keinen deutschen Metzger mehr in der Fußgängerzone – dafür aber eine Halal-Fleischerei.
In dem am Sonntag veröffentlichten Video geht Radtke durch die Innenstadt von Wattenscheid – seit 1975 ein Stadtteil von Bochum – und äußert sich zu diesen Aussagen. Probleme mit illegaler Migration wolle er nicht verneinen oder bestreiten, sagt Radtke. Als Europaabgeordneter habe er dem neuen Asylsystem GEAS zugestimmt, mit dem Ziel, die Zahl der Asylbewerber zu reduzieren und die Außengrenzen besser zu schützen.
„Mir war wichtig und mir ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass nicht jedes Problem, jede Herausforderung in unserer Gesellschaft oder im Stadtbild mit illegaler Migration unmittelbar zu tun hat. Sondern dass die Gründe unter anderem für Leerstand vielfältig sind“, sagt Radtke dann und zeigt auf ein leer stehendes Ladengeschäft hinter ihm.
Dann führt der CDU-Politiker Gründe an, die nach seinem Verständnis entscheidender seien als die Migration: Schuld am Leerstand sei auch das eigene Konsumverhalten. „Wenn wir natürlich mehr und mehr im Internet bestellen, dürfen wir uns auch nicht wundern, dass inhabergeführter Einzelhandel aus unseren Innenstädten schlicht und ergreifend verschwindet“, sagt er.
Dass es keinen deutschen Metzger mehr in der Fußgängerzone gebe, liege daran, dass immer weniger junge Menschen bereit seien, diesen Beruf zu ergreifen. „Dann dürfen wir uns auch nicht wundern, wenn keiner mehr diese Ausbildung macht, dass dann nach und nach auch deutsche Metzgereien aus unseren Städten verschwinden“, sagte Radtke.
Fleischerhandwerk sieht Auswirkungen der Migration auf Fleischkonsum
Tatsächlich ist die Zahl der Auszubildenden im Fleischerhandwerk seit dem Jahr 2000 von über 9500 Azubis auf 2434 im letzten vorliegenden Berichtsjahr 2024 drastisch eingebrochen, auch wenn es zuletzt zum ersten Mal wieder ein leichtes Vorjahresplus gab. Wesentlicher Grund ist nach Angaben des Deutschen Fleischer-Verbandes die Anwerbung von jungen Menschen aus dem Ausland, etwa Vietnam und Indien. Auch die Zahl der Betriebe halbierte sich nahezu, von knapp 19.000 auf 9872 im Jahr 2024. Gründe seien der Mangel an Nachfolgern, der Trend zu größeren Betrieben und eine überbordende Bürokratie.
Was Radtke nicht erwähnt, ist, wie sich der Fleischkonsum durch die Migration ab 2015 verändert hat. Der Pro-Kopf-Verzehr ist in Deutschland 2024 laut DFV-Jahrbuch 2025 zwar wieder leicht gestiegen, insgesamt jedoch rückläufig. Grund sei der demografische Wandel.
„Der Anteil älterer Menschen, die mit fortschreitendem Alter weniger Lebensmittel zu sich nehmen, nimmt zu, ebenso wie der Anteil der Bevölkerung, der aus religiösen Gründen auf Schweinefleisch verzichtet und den Verzicht auch nicht durch einen höheren Konsum anderer Fleischarten kompensiert“, heißt es in dem Jahrbuch. Und auch: „Das einwanderungsbedingte Bevölkerungswachstum der Vorjahre hatte kaum positive Auswirkungen auf den Schweinefleischkonsum.“
Radtke hält es für nicht notwendig, die Zeit zurückzudrehen
Radtke geht gegen Ende seines Rundgangs durch Wattenscheid zum Angriff auf die AfD über. AfD-Co-Chefin Alice Weidel hatte die ursprünglichen Aussagen des CDU-Manns als „Kapitulationserklärung“ bezeichnet. „Wenn die AfD nun verspricht, mit ihnen würde es auf einmal überall wieder Metzger und Kinos geben, dann ist das natürlich genauso dummes Zeug“, sagte Radtke. „Wie die Behauptung, wie die Illusion, man könne die Zeit einfach zurückdrehen. Es geht nicht. Aber es ist auch gar nicht notwendig.“
Jede Zeit habe ihre Herausforderungen. Jetzt gehe es darum, den Blick nach vorn zu richten. „Ich verstehe, dass es den Menschen manchmal nicht schnell genug geht“, sagte Radtke. Aber in Nordrhein-Westfalen sehe man Fortschritte, die den Kommunen Spielräume eröffneten, Innenstädte „lebens- und liebenswert“ zu gestalten. Konkret nannte Radtke den Kampf gegen Clan-Kriminalität, Schrottimmobilien und Regelungen zu Altschulden von Kommunen.
„Ich drücke mich nicht davor, Probleme klar zu benennen, und ich drücke mich auch nicht davor, Probleme anzupacken. Ganz im Gegenteil“, sagt der CDU‑Politiker. „Aber ich weigere mich, alle Probleme, alle Menschen in einen Pott zu werfen. Wer das tut, der macht am Ende Stimmung, aber der hat kein Interesse an Problemlösung. Wer wirklich Probleme lösen will, der muss auch Differenzierungen in den Debatten zulassen.“
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