Mit seinem Austritt aus der SPD nach 22 Jahren Parteizugehörigkeit löste Stefan Kerth 2023 bundesweit Diskussionen aus. Nun legt der Rügener Landrat wenige Wochen vor den anstehenden Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern nach. „Die Migrationspolitik ist der Indikator für den Grad des Wahnsinns – und der steht nach wie vor auf Rot“, sagte Kerth in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und rechnet dabei scharf mit der aktuellen Migrationspolitik und der Brandmauer-Debatte ab.

Aus Sicht des 53‑jährigen Politikers werde lieber über den Umgang mit der AfD diskutiert, statt die Themen anzugehen, die Wähler überhaupt erst zur AfD treiben. Dabei gehe das auch anders: „In Dänemark räumt die Sozialdemokratie genau die Themen ab, die hier der AfD überlassen werden“, sagte Kerth. Diese Politik würde man hierzulande als „völkisch“ bezeichnen, obwohl sie „Probleme lösen will. Warum kann das nicht auch die deutsche SPD?“

Auch eine Koalition mit der AfD möchte Kerth nicht ausschließen. „Eine Offenheit gegenüber Koalitionen mit der AfD würde nach meiner Überzeugung auch zu einem neuen Realismus im linken politischen Lager führen.“ Die Strategie der politischen Abgrenzung hält Kerth dagegen für gescheitert. Auf die Frage, ob die Brandmauer die AfD stärke, antwortete er knapp: „Auf jeden Fall.“ Mit Blick auf die anderen Parteien ergänzte er: „Das Schlimmste, was der AfD passieren könnte, wäre, wenn sie die kostenlose Wahlkampfhilfe versteuern müsste, die ihr die anderen Parteien durch ihr Verhalten liefern. Dann wäre sie sofort pleite.“

Auch ein mögliches Verbot der AfD sieht Kerth deshalb kritisch. „Keiner wählt die AfD aus Zufall. Und das Grundgesetz sieht keine politisch halbmündigen Bürger vor“, sagte er. Forderungen nach einem Parteiverbot bezeichnete der frühere Sozialdemokrat als „unfassbar“.

Kritisch äußerte sich der Landrat auch über den Umgang mit AfD‑Wählern. „Wir delegitimieren mit der Bezeichnung ,rechtsextrem‘ im Osten 40 Prozent der Wähler“, sagte er. „Wir sagen diesen Menschen: Du bist zwar Staatsbürger, aber so richtig auch wieder nicht.“ Auf diese Weise entstünden „Bürger erster und zweiter Klasse – solche, die richtig wählen, und solche, die falsch wählen“.

Falsch sei auch die Vorstellung, AfD-Wähler seien vor allem einkommensschwache oder bildungsferne Menschen. „Das Klischee des ostdeutschen Skinheads war von Anfang an falsch“, sagte er. Die Menschen würden reflektieren, was politisch geschehe, und hätten den Eindruck, dass sich das Land in einer politischen Sackgasse befinde.

Für Kerth stehe das Thema Migration inzwischen sinnbildlich für die politischen Fehlentwicklungen. „Migration ist für mich das Thema, das den Menschen zeigt, dass im Land nichts verstanden wurde“, sagte er. Als Beispiel verwies er auf Äußerungen von Bundestagspräsidentin Bärbel Bas: „Wenn Frau Bas sagt, es gebe keine Einwanderung ins Sozialsystem, dann sagen sich die Leute: Die haben doch alle einen an der Klatsche.“

Eine Rückkehr zur SPD kommt für Kerth trotz rückläufiger Migrationszahlen nicht infrage. „Real hat sich nichts geändert“, sagte Kerth. Seine frühere Partei sei aus seiner Sicht noch immer nicht bereit, die Migrationspolitik grundlegend zu ändern.

Kerth ist seit 2018 Landrat des Landkreises Vorpommern-Rügen. Auch nach seinem Parteiaustritt blieb er populär. Bei der Landratswahl im Mai 2025 wurde der parteilose Jurist deutlich im Amt bestätigt. In der Stichwahl setzte er sich nach Angaben des Landkreises mit 75,1 Prozent der Stimmen gegen den AfD-Kandidaten Carlos Dias Rodrigues durch.

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