Russland sollte den Krieg gegen die Ukraine bis 2030 mit einem vollständigen Sieg beenden, um sich darauf vorzubereiten, eine Aggression der Nato-Staaten, darunter Polen, abzuwehren“, erklärte kürzlich Viktor Sobolew, Mitglied des Verteidigungsausschusses der russischen Staatsduma. Sind Sobolews Worte lediglich Propaganda, oder hat Russland tatsächlich das Potenzial, die Ukraine zu besiegen und später den Westen zu bedrohen? Darüber sprach die WELT-Partnerpublikation „Onet“ mit General Ben Hodges, dem früheren Oberkommandierenden der US-Landstreitkräfte in Europa.
Frage: Wie beurteilen Sie Russlands derzeitige Fähigkeiten? Ist der Kreml in der Lage, Nato-Staaten zu bedrohen?
Ben Hodges: Russland befindet sich bereits im Krieg mit uns. Die Russen greifen uns bereits an. Vielleicht nicht mit Iskander-Raketen, aber mit russischen Drohnen, Sabotageakten auf den Eisenbahnstrecken und der Störung unserer Institutionen. Und sogar mit Anschlagsversuchen auf Führungskräfte der Rüstungsindustrie. Wir alle müssen aufwachen und begreifen, dass Russland sich tatsächlich bereits im Krieg mit uns befindet. Wir müssen diese Bedrohung ernst nehmen.
Frage: Könnte Russland ein Nato-Land angreifen?
Hodges: Das sollte man auf jeden Fall im Hinterkopf behalten. Ja, ein solches Szenario ist möglich. Früher haben viele Menschen gesagt, Russland werde die Ukraine niemals angreifen, doch es kam anders. Wenn man versteht, was Russland ist und was Wladimir Putin antreibt, muss man davon ausgehen, dass der russische Präsident seine Expansion fortsetzen will. Die Wahrscheinlichkeit einer solchen Eskalation wird deutlich sinken, wenn wir der Ukraine helfen, Russland zu besiegen. Wenn Russland jedoch erkennt, dass dem Westen sowohl die Fähigkeiten als auch der politische Wille fehlen, der Ukraine zu helfen, und wenn Russland darüber hinaus zu der Überzeugung gelangt, dass die Vereinigten Staaten sich nicht wirklich der Nato verpflichtet fühlen, wird das Eskalationsrisiko erheblich steigen.
Frage: Engagieren sich die USA derzeit ausreichend für die Unterstützung der Ukraine?
Hodges: Ich dachte, Sie würden mich fragen, ob die USA der Nato wirklich verpflichtet sind. Ich glaube, das sind sie. Aber allein die Tatsache, dass solche Fragen überhaupt gestellt werden müssen, zeigt genau die Gefahr der Situation, in der wir uns befinden. Ich glaube nicht, dass diese Regierung die Ukraine wirklich unterstützen will. Das Einzige, was die derzeitige US-Regierung im Moment will, ist, sich einen wie auch immer gearteten Friedensdeal als Erfolg anrechnen zu lassen, der diesen Krieg beendet. Das ist ein grundlegender Denkfehler. Diese Regierung lag ohnehin von Anfang an falsch. Es hat sie nie interessiert, wie dieser Krieg begonnen hat. Sie hat nicht einmal anerkannt, dass Russland der Aggressor ist. Sie hat nie gesagt, dass sie die Unabhängigkeit der Ukraine schützen will. Diese Regierung ist nicht einmal bereit, die grundlegenden Dinge zu tun, die nötig wären, um der Ukraine zu helfen. Vizepräsident J. D. Vance hat damit geprahlt, dass es zu ihren Erfolgen gehöre, die Hilfe für die Ukraine eingestellt zu haben. Ich habe keinerlei Vertrauen darin, dass diese Regierung wirklich entschlossen ist, der Ukraine zu helfen. Leider.
Frage: In Polen hört man häufig das Argument, Russland sei nicht einmal in der Lage, die Ukraine zu besiegen, deshalb gebe es keinen Grund, den Menschen Angst zu machen, indem man behaupte, Russland werde die Nato angreifen. Was halten Sie von dieser Argumentation – dass Russland schlicht zu schwach sei, um den Westen herauszufordern?
Hodges: Ich verstehe diese Argumentation, aber sie ist zu simpel. Zunächst einmal müssen die Menschen verstehen, warum Russland überhaupt ein Nato-Land angreifen würde ...
Frage: Genau. Was wäre das wichtigste Ziel eines solchen Angriffs?
Hodges: Das Ziel liegt auf der Hand: das westliche Bündnis zu zerschlagen. Der Welt zu zeigen, dass die Nato-Mitglieder in Wahrheit nicht bereit sind, wegen – sagen wir – eines Teils von Estland, Litauen oder Lettland in den Krieg zu ziehen. Das war schon immer Russlands Ziel. Natürlich verfügte die Sowjetunion während des Kalten Krieges über die Pläne und die Mittel, einen großen Teil Europas zu erobern. Heute hat Russland solche Fähigkeiten nicht mehr, aber das ist auch gar nicht mehr sein Ziel. Das Ziel besteht vielmehr darin, das Bündnis zu spalten und zu demonstrieren, dass die Nato-Mitglieder sich nicht dazu entschließen werden, Artikel 5 zu aktivieren. Russland will zeigen, dass dem Westen der politische Wille für eine solche Entscheidung fehlt.
Frage: Wie weit sind Russlands Vorbereitungen zur Umsetzung dieses Plans fortgeschritten?
Hodges: Zunächst treibt Russland einen Keil zwischen die Vereinigten Staaten und Europa. Und was könnte danach passieren? Russland könnte zum Beispiel die Suwałki-Lücke oder Daugavpils in Lettland angreifen und die Nato anschließend fragen: Wollt ihr wirklich einen Atomkrieg wegen Daugavpils oder Suwałki? Wenn wir in einer solchen Situation nicht sofort reagieren und sie von dort vertreiben, wird Russland sein Ziel erreicht haben. Deshalb ist es so wichtig, sich bereits gegen Russlands derzeitiges Vorgehen zu wehren. Ich spreche von Sabotage, Drohneneinsätzen und all den Aktivitäten in der Grauzone. Auf den ersten Blick tragen diese Aktionen oft nicht die russische Flagge (das heißt, Russland verschleiert seine Verbindungen dazu), aber es besteht kein Zweifel daran, wer dahintersteckt. Wenn wir gegen solche Aktionen nichts unternehmen, wird Russland versuchen, die Situation weiter zu eskalieren – und dabei Methoden einsetzen, die es in der Ukraine nicht anwendet. Das wäre eine völlig andere Art von Krieg als der Krieg in der Ukraine.
Frage: Was sind derzeit Russlands größte Stärken und Schwächen?
Hodges: Sein größter Vorteil besteht momentan darin, dass die Vereinigten Staaten den Eindruck erwecken, am Rand zu stehen. In Europa gibt es noch immer Länder, die nicht anerkennen wollen, dass Russland sich bereits im Krieg mit uns befindet. Deshalb fehlt die Bereitschaft, wirklich alles Mögliche zu tun, um der Ukraine zu helfen. Russland kann natürlich weiterhin Raketen abschießen und damit unschuldige ukrainische Zivilisten töten, aber das ist auch alles. Russland ist nicht in der Lage, die Ukraine zu besiegen. Dieser Krieg hat vor zwölf Jahren begonnen. In dieser Zeit hat Russland trotz praktisch aller Vorteile lediglich 20 Prozent des ukrainischen Staatsgebiets unter seine Kontrolle gebracht. Die Ukraine ist auf dem richtigen Weg, indem sie ihre Angriffe auf Russlands Treibstoffinfrastruktur fortsetzt. Dadurch wird es für Russland zunehmend schwieriger, die Kosten dieses Krieges zu tragen.
Dieser Text erschien zuerst in der WELT-Partnerpublikation „Onet“.
Das Axel Springer Global Reporters Network ist eine markenübergreifende Initiative, die Scoops, investigative Recherchen, Interviews, Meinungsstücke und Analysen globaler Relevanz veröffentlicht. Journalisten aller Axel-Springer-Marken – darunter „Politico“, „The Telegraph“, „Business Insider“, WELT, „Bild“, „Onet„ und „Fakt“ – kooperieren bei großen Geschichten für ein internationales Publikum. Die Berichterstattung erstreckt sich über alle Plattformen von Axel Springer: Online, Print, TV und Audio. Zusammen erreichen diese Veröffentlichungen Hunderte Millionen Menschen weltweit.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.