Maria ist Anfang dreißig, als sie beschließt: Das ist ihre letzte Chance, alles umzukrempeln. Auf Drängen eines Bekannten verlässt sie Kolumbien, wo sie Buchhaltung studiert und nebenbei als Kindermädchen jobbt. Sie zieht nach Polen – um noch einmal von vorn anzufangen. Und vor allem, so verspricht der Bekannte, vom ersten Tag an dreimal so viel zu verdienen wie zu Hause.
Er hat selbst in polnischen Fleischfabriken gearbeitet und empfiehlt ihr eine Zeitarbeitsagentur und einen Betrieb, der sie einstellen würde. Was Maria nicht ahnt: In Polen gibt es Bildungseinrichtungen, die auf dem Papier Hunderte Ausländer ausbilden, in Wahrheit aber einem ausgeklügelten Betrug dienen. Dahinter stehen Zeitarbeitsfirmen, die die Sozialversicherung und das Finanzamt um hohe Summen betrügen.
Maria heißt eigentlich anders, ihr Name wurde auf eigenen Wunsch von der Redaktion geändert. Sie reist legal in Polen ein. Um Papiere und Genehmigungen kümmert sich der polnische Arbeitgeber, sie muss die nötigen Angaben nur per WhatsApp schicken. Der Bekannte, der seit mehreren Jahren in Polen lebt, macht den Vermittler.
Die Bedingungen entsprechen tatsächlich den Angaben der Firma: Acht-Stunden-Schicht am Fleischband, bezahlte Überstunden möglich, freie Unterkunft dazu. Ideal ist das alles nicht – drei, vier Personen in einem Zimmer, im ganzen Haus ein Dutzend Fremde –, aber für den Anfang geht es.
„Ich bin dann in eine andere Stadt gezogen, dort sollte es angeblich viel Arbeit geben. Zwei Wochen habe ich gewartet – nichts. Also fing ich an, mich nach einer anderen Firma umzusehen. Ein Bekannter hat mir die Zeitarbeitsagentur Dreamteam PL empfohlen, dort hatte er selbst gearbeitet“, erzählt Maria.
Die Arbeit ist dieselbe, nur in einem anderen Fleischverarbeitungsbetrieb. Der Lohn ähnlich – 3500 Zloty netto (rund 810 Euro). Der einzige Unterschied: Dreamteam zieht 600 Zloty für die Wohnung ab. Schnell zeigt sich, dass es dabei nicht nur um die Unterkunft geht.
„Eine Kollegin fragte uns, ob wir Polnisch lernen wollten. Ich meldete mich sofort. Dreamteam bot Sprachkurse an.“ Der Kurs kostet 3000 Zloty, ausländische Arbeitskräfte dürfen in Raten zahlen. Maria beteuert, sie habe wirklich Polnisch lernen wollen. Die Firma zieht die erste Rate ein. Unterricht: keiner. Maria fragt nach, ob der Kurs überhaupt beginnen werde.
„Erst später begann ich, die Puzzleteile zusammenzusetzen“
„Ein paar Wochen später hat Dreamteam alle zusammengerufen, die sich angemeldet hatten. Wir waren 70, 80 Leute. Dort haben wir Bescheinigungen auf Polnisch bekommen. Etwa zwei Wochen später kam ein weiteres Zertifikat – und ein Studentenausweis. Als ich die Papiere übersetzen ließ, kam heraus: Ich bin Studentin. Dabei hatte ich mich nie an einer Hochschule beworben.“
Anfangs versteht Maria nicht, warum der Vertreter der Zeitarbeitsagentur jedem noch einen Zettel mit dem Namen der Hochschule, der Art des Studiengangs und der Fachrichtung gibt. „Wir sollten das auswendig lernen. Und falls die Polizei oder andere Behörden den Betrieb kontrollieren, sollten wir die Angaben von den Zetteln aufsagen können. Erst später begann ich, die Puzzleteile zusammenzusetzen und zu ahnen, dass mit der Rechtmäßigkeit dieser Bescheinigungen und der Nutzung des Studentenstatus etwas nicht stimmen könnte.“
Der Studentenstatus lässt sich doppelt versilbern: für den ausländischen Beschäftigten in Polen ebenso wie für die Firma oder Agentur, die ihn anstellt. Erstens darf man als Student in Polen arbeiten, ohne das langwierige und kostspielige Verfahren zur Arbeitserlaubnis zu durchlaufen.
Zweitens sind Arbeitgeber bei Studenten unter 26 Jahren, die auf Basis eines sogenannten Auftragsvertrags tätig sind – einer im polnischen Arbeitsrecht üblichen, freien Vertragsform ohne feste Sozialabgabenpflicht –, von Beiträgen zur Sozial- und Krankenversicherung befreit. Gerade in dieser Vertragsform stellen polnische Firmen sehr häufig ausländische Arbeitskräfte an.
In Marias Fall spielen beide Aspekte kaum eine Rolle. Sie ist bereits 26 Jahre alt und besitzt eine eigenständige Arbeitserlaubnis für Polen. Für andere aber, die zu jenem Treffen der Agentur kamen und die Zettel mit den Namen von Hochschulen erhielten, dürften sie durchaus relevant sein.
Marias Bescheinigungen machen schon auf den ersten Blick stutzig. Laut den Daten hat sie erst ihr Studium begonnen und danach ihr Abitur gemacht. Dass sie das bestanden hat, ist allerdings auch unmöglich: Maria spricht bis heute kein Polnisch.
Das erste Schreiben trägt ein Aktenzeichen, das Logo der Hochschule und den Stempel des Beauftragten für die Fach- und Weiterbildung, Dr. Dariusz M. Die angegebene Adresse, Ulica Czluchowska 68A in Warschau, ist ein mehrstöckiges Bürogebäude. Aber von einer „Hochschule für Informatik und Gesundheit“ hat hier niemand je gehört. Auch telefonisch ist Dariusz M. nicht zu erreichen.
Die zweite Bescheinigung weist Maria als Schülerin der Parva-Schule aus, eines Abendgymnasiums für Erwachsene in Sieradz, 200 Kilometer südwestlich von Warschau. Auf dem Dokument prangt der Schulstempel, dazu die Unterschrift des Direktors: Dariusz M.
Marias Schule existiert nicht
In Sieradz existierte tatsächlich eine Parva-Schule, im September 2025 wurde der Name in Sokrates geändert. Die Website von Sokrates lockt noch immer mit Fotos lächelnder Schüler. Aber unter keiner der drei angegebenen Telefonnummern nimmt jemand ab. Ein Besuch vor Ort zeigt, dass die Sokrates-Schule in einem repräsentativen Bürogebäude im Zentrum von Sieradz untergebracht ist.
Im dritten und obersten Stock sollen die Sokrates-Schüler Unterricht und Berufskurse besuchen. Sollen – denn der Flur ist leer, alle Klassenzimmer sind verschlossen. Ebenso das Sekretariat. Angestellte des Bürogebäudes versichern, sie hätten hier nie Schüler gesehen.
Ende Mai meldet die Bezirksstaatsanwaltschaft Sieradz die Festnahme von sechs Mitgliedern einer kriminellen Vereinigung. Der Vorwurf: Sie hätte „ausländischen wie polnischen Staatsangehörigen betrügerisch den Studentenstatus bestätigt“. Sie sollen rund 2500 fingierte Immatrikulationsbescheinigungen ausgestellt und eine Druckerei für gefälschte Studentenausweise betrieben haben.
Drei der sechs Beschuldigten sitzen in Untersuchungshaft. Der Schaden für die polnische Sozialversicherungsanstalt ZUS wird auf knapp vier Millionen Zloty geschätzt (rund 920.000 Euro), der Schaden für das Finanzamt auf nahezu 1,4 Millionen Zloty (rund 320.000 Euro).
Die Ermittler geben nicht an, welche Schule konkret betroffen ist. Auf Nachfrage will die Staatsanwaltschaft nicht bestätigen, ob Dariusz M. zu den Festgenommenen zählt. Wie Onet aus drei unabhängigen Quellen erfuhr, bezieht sich die Ermittlung der Staatsanwaltschaft jedoch sehr wohl auf die Schule Parva/Sokrates – und Direktor Dariusz M. gehört zu den Inhaftierten.
Einige Beamte im Landratsamt Sieradz geben zu, ihnen habe der Betrieb der Schule von Dariusz M. schon länger Kopfzerbrechen bereitet. „Offiziell hatten sie 600 bis 700 Schüler in den Büchern. Davon vielleicht zehn aus der Gegend, der Rest Ausländer. Aus aller Welt“, erzählt einer. „Ich verstehe, dass ein Teil des Unterrichts online stattgefunden haben mag“, fügt ein anderer Mitarbeiter hinzu. „Aber bei so vielen Schülern hätte doch von Zeit zu Zeit jemand auftauchen müssen. Und wir haben nie jemanden gesehen.“
Jahrelang überwies der Staat der vermeintlichen Schule Geld
Dennoch floss stetig Geld aus der Kasse des Landratsamts Sieradz an Parva/Sokrates. 2024 erhielt die Schule 304.000 Zloty an öffentlichen Zuschüssen, im Folgejahr 413.000 Zloty. Aber sie hätten keine echten Aufsichtsmittel gehabt, klagt ein Beamter: „Wenn auf dem Papier alles stimmt, müssen wir das Geld überweisen.“
Marias Fall wurde im Dezember 2025 an die Staatsanwaltschaft übergeben. Sie selbst hatte gemeldet, dass sie sehr wahrscheinlich – wenn auch damals ohne es zu wissen – an einer Straftat beteiligt gewesen sei. Am 28. Mai wurde das Verfahren eingestellt. Begründung: Es liege keine Straftat vor.
Aber die Folgen sind bis heute spürbar. Rocío Flores, die selbst aus Mexiko stammt, engagiert sich in der Kommission der lateinamerikanischen Arbeitnehmer in Polen, Teil der Gewerkschaft „Arbeiterinitiative“. Etwa alle zwei Wochen, erzählt sie, wenden sich Betroffene des Hochschulschwindels an ihre Gewerkschaft. Auf der einen Seite fürchten die Migranten ihre Zeitarbeitsagenturen. Auf der anderen die Abschiebung.
„In den meisten Fällen wissen die Beschäftigten nicht einmal, dass sie an etwas Illegalem beteiligt sind. Sie vertrauen der Agentur. Wenn dann eine Kontrolle kommt, stellt sich heraus, dass ihre Papiere illegal sind. Und diese Menschen werden abgeschoben“, so Flores. „Wir Migranten sind es, die die Hauptlast tragen. Es geht um Gerechtigkeit.“
Dieser Artikel erschien zuerst in der WELT-Partnerpublikation Onet.
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