Sicherheitsexperte Carlo Masala sieht in der Reaktion des Kremls auf die deutschen Strafmaßnahmen wegen des Drohnenvorfalls von Leipzig einen Beleg dafür, dass Berlin die russische Führung getroffen hat. Russlands Präsident Wladimir Putin hatte die Maßnahmen als „schweren Fehler“ bezeichnet und von Beweisfälschung gesprochen. Das Außenministerium in Moskau kündigte Gegenmaßnahmen an.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) und Außenminister Johann Wadephul (CDU) hatten Russland für den Drohnenvorfall verantwortlich gemacht und Strafmaßnahmen angekündigt. Wadephul sagte, dass etwa das russische Konsulat in Bonn geschlossen werden soll. Zudem werde der Vertrag für das Russische Haus in Berlin gekündigt.
„Zunächst einmal zeigt es, dass das, was gestern von der Bundesrepublik verkündet wurde, unabhängig davon, was man inhaltlich davon hält, etwas war, was die russische Staatsführung dann doch sehr ärgert“, sagte Masala im Nachrichtensender WELT TV. „Ansonsten hätte sich Putin nicht persönlich dazu geäußert“ – zumal der Kremlchef damit auf Politiker antworte, „die aus seiner Perspektive überhaupt nicht auf seiner Ebene stehen, nämlich einen Innenminister und einen Außenminister“.
Dass Russland den hybriden Krieg eskaliere, „das erleben wir ja schon seit Wochen“, betonte der Politikwissenschaftler von der Universität der Bundeswehr in München. Masalas Erklärung dafür: „Man merkt letzten Endes, dass Putin eigentlich keine militärische Strategie mehr hat.“ Die verschärften Angriffe auf Zivilisten in der Ukraine und die hybride Kriegsführung gegen europäische Staaten seien „jetzt der Ersatz für eine fehlende militärische Strategie auf dem Boden“.
Dass Putin in seiner Antwort nicht auf Innenminister Dobrindt und Außenminister Wadephul einging, die die Maßnahmen am Dienstag verkündet hatten, sondern Kanzler Merz direkt ansprach, hält Masala für folgerichtig. „Natürlich macht Putin Merz dafür verantwortlich. Das ist aus Putins Perspektive auch richtig, weil er nur auf der Ebene von Staats- und Regierungschefs verhandelt“, sagte er. Merz selbst hat sich zu dem Fall bislang nicht entschieden öffentlich geäußert – aus taktischen Gründen, wie es aus dem Kanzleramt heißt.
Während Selenskyj vor Flügen über Russland warnt, attackiert Putin Deutschland und Kanzler Merz. Politikwissenschaftler Carlo Masala erklärt, wie sich der Krieg in der Ukraine und der hybride Konflikt mit Europa entwickeln könnten.FDP und Grüne halten die Reaktion der Bundesregierung auf die Russland zugeordneten Angriffe von Leipzig indes für unzureichend. Zwar sei es richtig, dass die Regierung „Putin und seine Schergen“ benannt und mit der Schließung des russischen Generalkonsulats eine Gegenmaßnahme ergriffen habe, sagte die FDP-Europapolitikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann dem „Spiegel“. „Das allein reicht aber nicht.“
Der Kanzler sei nach seinen markigen Worten, die Urheber müssten dafür bezahlen, „lieber in Deckung geblieben“, kritisierte sie. Strack-Zimmermann fordert einen konsequenten Kampf gegen die russische Schattenflotte, die Nutzung eingefrorener russischer Vermögenswerte zur Unterstützung der Ukraine sowie eine Überprüfung des Aufenthalts russischer Staatsangehöriger in Deutschland und ihrer Vermögen.
Auch aus der Grünenfraktion im Europäischen Parlament kommt Kritik. „Der Elefant kreißte und gebar eine Maus“, sagte die Abgeordnete Hannah Neumann. Für die Russland zugeordneten Drohnenangriffe vom Leipziger Flughafen, die bereits drei Wochen zurückliegen, sei die Liste der Konsequenzen „erstaunlich mager“. Neumann verlangt zusätzliche Mittel und Waffen für die Ukraine sowie einen besseren Schutz Europas vor hybriden Angriffen. Die Bundesregierung müsse die Debatte aus eigenem Sicherheitsinteresse in Europa vorantreiben.
Der Anschlagsversuch ereignete sich am Dienstag, dem 4. August 2026, auf dem Flughafen Leipzig/Halle. Dabei wurde eine verdächtige Drohne auf dem Vorfeld nahe einer ukrainischen Antonow-Frachtmaschine entdeckt. Die Bundesanwaltschaft übernahm am 6. August 2026 die Ermittlungen.
Könnte eine internationale Untersuchungskommissioin helfen?
WELT-Kolumnist Peter Gauweiler mahnt derweil zur Besonnenheit. In einem Statement, das WELT vorliegt, regte der ehemalige CSU-Politiker die Bildung einer internationalen Untersuchungskommission an. „Deutschland sollte Russland unter Berufung auf Art. 7 des von Helmut Kohl und Michail Gorbatschow unterschriebenen, von der Russischen Föderation übernommenen und bis 5. Juli 2031 verlängerten deutsch-sowjetischen Nachbarschaftsvertrags von 1990 die Einsetzung einer unabhängigen internationalen Untersuchungskommission nach dem Modell der Art. 9 ff. der Haager Konvention von 1907 anbieten, organisatorisch unterstützt durch den Ständigen Schiedshof in Den Haag“, schreibt der 77‑Jährige.
Drei Varianten müssten, so Gauweiler weiter, nach dem womöglich geplanten Anschlag auf die Antonow unabhängig geprüft werden: War dies „ein russischer Sabotageanschlag auf einen Waffentransport“? Oder eine „eigenmächtige ukrainische Operation“ oder ein „ukrainischer Unfall“? Oder aber, so die dritte Variante, handelte es sich bei dem Szenario um eine „gezielte Provokation eines staatlichen oder nichtstaatlichen Dritten“?
Am Mittwoch befassen sich auch Nato und EU mit dem Drohnen -Vorfall, für den die Bundesregierung Moskau verantwortlich macht. Bei einer Tagung auf Botschafterebene werde es eine Aussprache über die wachsende hybride Bedrohung durch Russland geben, heißt es aus deutschen Regierungskreisen. Artikel 4 des Nato-Vertrags will die Bundesregierung aber nicht ziehen. Er sieht Beratungen der Verbündeten vor, wenn sich ein Nato-Staat für von außen gefährdet erklärt.
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