Die beiden Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund (AfD) und Sven Schulze (CDU) stehen aufrecht im Studio, man kennt sich, schließlich ist es nicht das erste Duell vor der richtungsweisenden Wahl am Sonntag in Sachsen-Anhalt – und auch nicht das letzte. Kaum geht es los, fallen sich die beiden ins Wort. „Lassen Sie mich doch mal ausreden“, sagt Siegmund immer wieder. Schulze wartet nicht lange mit der Retourkutsche: „Sie sagen doch immer, ich soll Sie ausreden lassen, jetzt unterbrechen Sie mich.“ „Da haben Sie recht“, entgegnet Siegmund, nur um dem Ministerpräsidenten Sekunden später wieder ins Wort zu fallen.
Es ist ein unruhiger Auftakt zu dem Duell, das die „Mitteldeutsche Zeitung“ und die „Volksstimme“ am Mittwoch veranstalten. Siegmund strahlt zu Beginn der Debatte, aber sein Lächeln verschwindet im Laufe der Auseinandersetzung. Die Moderatoren arbeiten ihre Themen ab: Migration, Demografie, Schulpolitik, innere Sicherheit und die Rente mit 63. Die Kandidaten diskutieren, unterbrechen einander, setzen erneut an.
Schulze wirkt inhaltlich sicher, gelassen bis emotionslos. Siegmund reagiert deutlich emotionaler. Immer wieder, wenn er in Bedrängnis gerät, attackiert er den CDU‑Politiker. „Entspannen Sie sich doch mal, warum sind Sie so aggressiv?“, sagt Siegmund einmal zu dem angriffslustigen, aber nicht aggressiv auftretenden Schulze. Später bezeichnet er den Auftritt des Christdemokraten als „ein sehr, sehr hilfloses Level“. Fragen, auf die er keine Antwort weiß, lächelt der AfD-Kandidat weg.
Auf die Frage, warum er Ministerpräsident werden sollte, will sich der vom „Spiegel“ zum „gefährlichsten Mann Deutschlands“ gekürte Politiker als Mann des Volkes präsentieren. „Ich will endlich wieder eine Politik für unser eigenes Land und für unser eigenes Volk hier umsetzen und bin nicht der Meinung, dass wir die Welt retten sollten.“ Schulze antwortet mit einem Satz, der zum Leitmotiv seines Auftritts wird: „Ich labere nicht nur, ich liefere auch.“ Und er sagt: „Ich habe auch gezeigt, dass ich Ministerpräsident aller Menschen bin, auch derer, die mir vielleicht ihr Vertrauen bei einer Wahl nicht schenken.“
Viele der Themen sind bekannt. Siegmund will den Verfassungsschutz „auf seine eigentliche Grundaufgabe zurückführen“ und unterstellt der weisungsgebundenen Behörde, sie bekämpfe die Opposition – mit anderen Worten: seine Partei. Er sagt, zu viele junge Menschen studierten, es gebe zu viel Bürokratie, und zu viele Deutsche dächten wegen der hohen Steuern ans Auswandern. Die demografische Entwicklung – zu viele Alte, zu wenige Junge – müsse aufgehalten werden.
Schulze bezeichnet das AfD-Programm und dessen Finanzierbarkeit wiederum als nicht umsetzbare „Luftschlösser“. Auf die Frage eines Moderators, ob die Politik „so einfach“ sei, wie Siegmund sie darstelle, antwortet der CDU-Politiker: „Nein. Aber das kennt man ja so von Herrn Siegmund.“ Als Ministerpräsident müsse man Kompromisse eingehen können. Siegmund entgegnet: „Herr Schulze sagt immer, was nicht geht. Ich sage, was geht.“ Später, auf die Umsetzbarkeit seiner eigenen Pläne angesprochen, weicht er aus: „Wir möchten Politik langfristig denken.“ Um dann gegen Schulze auszuteilen: „Sie denken nur von Wahl zu Wahl.“
Auch beim Thema Migration geraten die beiden aneinander. Schulze fordert Zuwanderung in den Arbeitsmarkt, nicht in die Sozialsysteme. Siegmund spricht über die rund 4800 ausreisepflichtigen Menschen in Sachsen-Anhalt, die in Abschiebehaft genommen werden müssten. Der Christdemokrat wiederum verweist auf die niedrigsten Zahlen von „Flüchtlingen“ seit 2012 – „dank Dobrindts (Bundesinnenminister von der CSU, d. Red.) Regime an den Grenzen“. Ein Hauptgrund dafür, dass ausreisepflichtige Menschen trotzdem im Land blieben, sei, dass ihre Herkunftsländer sie nicht wieder aufnähmen.
„Wie konkret würden Sie denn, sollten Sie in der Staatskanzlei in Magdeburg sitzen, ein Land in Europa, ein Land in Asien, in Afrika davon überzeugen, die eigenen Staatsbürger zurückzunehmen, wenn die Bundesregierung das bislang nicht geschafft hat?“, fragt Schulze seinen Kontrahenten. Siegmund spricht von Abschiebezentren in Drittstaaten und verweist auf Anreize, die abgesenkt werden müssten.
Der Frage, wer denn sogenannte kulturfremde Fachkräfte seien, die die AfD nicht ins Land lassen möchte, weicht Siegmund aus. Stattdessen spricht er über den Attentäter von Magdeburg, der im Dezember 2024 sechs Menschen auf dem Weihnachtsmarkt mit einem Fahrzeug tötete und zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Der Mann aus Saudi-Arabien habe „fremde Konflikte“ nach Deutschland „transportiert“, argumentiert Siegmund. Den Islam oder Muslime, wie sonst bei der Rechtsaußenpartei üblich, erwähnt er nicht. Schulze greift ihn an. Vor allem eine Formulierung aus dem AfD-Wahlprogramm müsse erklärt werden: „Was ist kulturfremd?“
CDU und Linke? Da weicht Schulze aus
Dann wird es kurios. Beide Kandidaten sollen einen Gegenstand zeigen, der für sie das wichtigste politische Problem Sachsen-Anhalts symbolisiert. Schulze holt einen Spaten hervor, von einem Spatenstich für ein Ausbildungszentrum im Bereich Landwirtschaft: „Mir persönlich ist wichtig, dass wir in die Ausbildung unserer Kinder investieren.“
Siegmund zieht einen Tankbeleg aus seiner Tasche. Er habe 2,20 Euro für einen Liter Diesel bezahlt. „Über die Hälfte Steuern und Abgaben in diesem Land. In Polen tanken Sie aktuell für 1,60 Euro, 1,70 Euro zum gleichen Ölpreis. Das heißt, wir zocken hier unsere Bürger ab.“ Schulze schüttelt den Kopf: „Sie haben für dieses Thema hier in Magdeburg, in der Staatskanzlei, keinerlei Handhabe, in irgendeiner Form das zu lösen.“
Danach geht es um die Schulen. Siegmund will „zurück zum Leistungsprinzip“ und „den Lehrern eine Stimme geben“ – so fordert er eine verpflichtende Laufbahn-Empfehlung. Eine Aussage seines Parteifreunds Hans-Thomas Tillschneider, der in einer Rede Sicherheitsmänner mit Tränengas auf den Schulhöfen gefordert hatte, bezeichnet Siegmund als „satirische Überspitzung“.
„So etwas möchte ich nicht“, sagt Schulze und attackiert Siegmund: „Wissen Sie, Ihr Problem ist doch, dass Sie sich mit Menschen wie Herrn Tillschneider umgeben.“ Wenn es problematisch werde, etwa bei Tillschneiders Auftreten neben dem AfD-Landesvorsitzenden, der den Hitlergruß gezeigt habe, heiße es immer, es sei nur Spaß gewesen. „Der Hitlergruß ist für mich kein Spaß.“
Siegmund versucht, Schulzes Worte wegzulächeln. Dann holt er zum Gegenschlag aus: „Tillschneider hat inhaltlich hundertmal mehr drauf als Ihr Bildungsminister, der TikTok-Tanzvideos hochlädt.“ Später präzisiert Siegmund: Die Forderung nach Sicherheitsleuten beziehe sich nur auf Problemschulen. War Tillschneiders Aussage also doch nicht nur satirisch? Eine klare Antwort darauf gibt Siegmund nicht.
Den jüngsten Vorgang um Tillschneiders Russland-Nähe – es geht um eine Kaffeetasse der russischen Armee, die er nach „Politico“-Informationen selbst erwarb – wischt Siegmund weg mit den Worten: „Wer die politischen Probleme dieser Zeit an einer Kaffeetasse festmacht, hat keine anderen Probleme.“
Siegmund verteidigt seine Position zur Briefwahl, die seiner Ansicht nach nur in Ausnahmefällen zugelassen werden sollte. Auf die Frage, ob er eine Wahl wegen möglicher Fälschungen bei der Briefwahl infrage stellen würde, antwortet er: „Das muss man im Einzelfall sehen. Wir haben mal Erfahrungen gemacht.“ Später ergänzt er: „Wir werden natürlich das Wahlergebnis so respektieren, wie es ist.“
Dann spricht er von einem Fall mutmaßlicher Wahlfälschung in einem Pflegeheim und kündigt an, dass die AfD noch am Abend damit an die Öffentlichkeit gehen wolle. Schulze attackiert ihn daraufhin: „Sie haben ein Video ins Netz gestellt, in dem Sie unterstellen, dass in Pflegeheimen massenhaft betrogen wird. Schauen Sie sich mal die Reaktionen auch der Pflegerinnen und Pfleger an. Die haben Sie da aber richtig schön reingeritten.“
Ein in manchen Phasen chaotisches Duell endet mit der Gretchenfrage der deutschen Politik: Wie hältst du es mit der „Brandmauer“? Schulze weicht einer Antwort auf die Frage, ob er sich von der Linkspartei tolerieren lassen würde, aus: „Es wird bei mir im Kabinett, sollte es dazu kommen… keinen Minister von AfD oder von Linkspartei geben.“
Siegmunds AfD liegt, je nach Umfrageinstitut, bei 40 Prozent plus in jüngsten Umfragen. Doch würde Siegmund als Ministerpräsident antreten, auch wenn seine Partei die absolute Mehrheit verfehlen sollte? „Selbstverständlich nicht“, sagt Siegmund. „Ich werde jedem die Hand ausstrecken. Aber ich brauche eine stabile Mehrheit.“
Die Hand dürfte Siegmund später am Mittwoch Schulze erneut ausstrecken. Eine TV-Runde mit den beiden und weiteren Spitzenkandidaten findet ab dem späten Nachmittag beim Sender n-tv statt.
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