Der Satiriker Ingmar Stadelmann sieht nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt einen „deutschen Brexit-Maga-Moment“ gekommen. „Das ist jetzt unser kleiner Brexit-Augenblick, das ist unser dramatischer Maga-Augenblick“, sagte der Sohn des früheren sachsen-anhaltischen CDU-Landtagsabgeordneten Jürgen Stadelmann in seinem Podcast „Für Mutti“.

Alle drei Bewegungen funktionierten nach ähnlichen Prinzipien. „Es gibt dieses politische Versprechen: Das System hat euch betrogen, gebt uns mal die Macht, dann machen wir diese komplizierte Welt wieder einfach“, erläuterte er. „Brexit – ‚Take back control‘, Maga – ‚Make America great again‘ und AfD – ‚Alles ist möglich‘. Diese ganzen ähnlichen Sprüche.“

Bei allen drei politischen Bewegungen gehe es weniger um konkrete Problemlösung als vielmehr um eine „extrem wirkungsvolle Diagnose von Kontrollverlust“, erklärte der Comedian, der selbst aus Salzwedel stammt. „Migration, wirtschaftlicher Wandel, Globalisierung, kulturelle Veränderung, Vertrauensverlust: All das kommt zusammen und wird da angespielt.“ Für die Strömungen funktioniere diese Strategie allerdings nur aus der Opposition heraus, wenn die „Energie aus dem Dagegen gewonnen“ werde. „In der Opposition, da kann man natürlich sagen, alles wäre anders, wenn man uns endlich ließe.“

Sobald jene Bewegungen jedoch politische Verantwortung trügen, gebe es „plötzlich Gerichte, Haushalte, Unternehmen, EU-Recht, Fachkräftemangel, demografische Entwicklung und die unangenehme Erkenntnis, dass so ein Ministerpräsident nicht morgens aufsteht und per Dekret einfach mal den Weltmarkt reparieren“ könne. Die Leave-Bewegung trat 2016 mit dem Versprechen an, die britische Souveränität zurückzuerlangen.

Zehn Jahre später hielten 61 Prozent der Briten den EU-Austritt für falsch. „Wir haben also einen Zeitraum von zehn Jahren, den diese Fehlentscheidung gebraucht hat, bis sie gesamtgesellschaftlich zumindest so weit durchschaut wurde, dass sie nicht wiederholt werden würde“, sagte Stadelmann. „Diese zehn Jahre stehen uns wahrscheinlich politisch auch bevor.“

„Es könnte sein, dass Deutschland gerade in eine Phase eintritt, in der der Rechtspopulismus nicht mehr nur versprochen, sondern eben auch politisch getestet wird“, erklärte er angesichts des Wahlergebnisses. Sachsen-Anhalt werde damit zum „politischen Labor“. Die AfD habe ein Ergebnis erzielt, „bei dem man nicht mehr glaubwürdig sagen kann: Die Leute kennen uns noch nicht so richtig“, stellte er ernüchtert fest. „Die Leute wissen ganz genau, was die AfD ist. Es gab unfassbar viele öffentliche Debatten, es wurde wahnsinnig viel Diskurs betrieben in den letzten Wochen und Monaten – und trotzdem haben sie fast die Hälfte der Wähler gewählt.“

Bis zur Überwindung einer mutmaßlich bevorstehenden AfD-Regierung könnten einige Jahre vergehen. „Populistische Bewegungen besitzen so eine Art eingebauten Mechanismus gegen empirisches Scheitern“, erläuterte Stadelmann. „Wenn es schiefgeht, sagt man halt: Wir konnten unsere Politik ja nicht umsetzen, weil Brüssel, Berlin, die Gerichte, die Medien, die Opposition, der Deep State. Das ist immer dasselbe Playbook.“

Obwohl Nigel Farage zentrale Versprechen beim Brexit nicht habe einlösen können, sei seine Partei Reform UK noch immer eine politische Macht. Und auch US-Präsident Trump sei wiedergewählt worden, obwohl er in seiner ersten Amtszeit „komplett gescheitert“ sei. Aufgrund dieser beiden Ereignisse sowie der langen Zeit, die der Rechtspopulismus benötigt habe, um in Deutschland anzukommen, sei es aber auch denkbar, dass der hiesige Lernprozess schneller vonstattengehen werde.

Dennoch prognostizierte Stadelmann eine „wilde politische Dekade“, an deren Ende Ernüchterung und eine Form der Normalisierung stehen werden. „Wenn es gut läuft, erneuert sich das demokratische Parteiensystem dadurch oder bringt irgendeine Gegenbewegung hervor, die wir jetzt vielleicht noch nicht sehen“, schilderte der Satiriker. „Wenn es schlecht läuft, reißt es das Land – zumindest wirtschaftlich – in eine Situation, aus der wir uns auch in zehn Jahren nicht erholen werden.“

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