Am Flughafen von Düsseldorf herrscht am frühen Morgen eine bedächtige Stimmung. Gleich soll einer der ersten Direktflüge aus Deutschland nach Damaskus starten und viele der Menschen hier werden ihre alte Heimat Syrien seit mehr als zehn Jahren das erste Mal wiedersehen. Diktator Baschar al-Assad wurde Ende 2024 vertrieben, seitdem ist für viele von ihnen ihr Fluchtgrund verschwunden.
Am Check-in stehen Männer, viele Frauen mit Kopftüchern, Kleinkinder. Für den Informatiker Mohammed ist es die erste Reise in die alte Heimat seit 14 Jahren. In Aleppo hatte er Informatik studiert. Er hat den Pass mit dem goldenen Adler drauf und ist seit sechs Jahren in Festanstellung. „Ich fühle mich in Deutschland sehr zu Hause. Ich habe mich als Mensch hier sehr würdig gefühlt. Ich bin sehr stolz, Deutscher zu sein“, sagt der 36-Jährige in perfektem Deutsch.
Zu Zeiten, in denen die AfD in Deutschland bundesweit in Umfragen führt, sind solche Reisen politischer Sprengstoff. Politiker der Partei reden über arbeitslose Syrer, die sich den deutschen Pass erschwindelt hätten und Deutschland zerstören würden und doch eigentlich in ihre Heimat zurückkönnten. Tatsächlich sind etwa 30 Prozent der Syrer in Deutschland arbeitslos. Allerdings sinkt diese Quote, je länger sie im Land sind. So ist es bei Mohammed und auch bei Ahmed, der ebenfalls am Check-in steht.
Ahmed (37), der zwei Jahre in Assads Gefängnissen saß, jetzt eine Physiotherapie-Praxis mit sechs Angestellten führt, vier davon Syrer, sagt leise: „Die Syrer, die bei mir arbeiten, haben Disziplin, sind zuverlässig. Ich habe nie ein Problem gehabt in Deutschland, toi, toi, toi. Hoffentlich bleibt das auch so. Wie jeder merkt, wird der Druck auf Ausländer mehr und mehr.“
Fast alle hier haben einen deutschen Pass oder sind per Familienzusammenführung nach Deutschland gekommen. Sie können legal ein- und ausreisen. Jene, die noch einen Flüchtlingsstatus haben, könnten diesen verlieren, wenn sie in das Land reisen, aus dem sie flohen. Wer dann doch unbedingt in die Heimat will, so hört man, reist über den Landweg aus dem Libanon ein, ohne einen Stempel in den Pass zu bekommen.
Unter dem syrischen Präsidenten Ahmed al-Scharaa soll es jetzt vorangehen. Der war mal Islamist, habe sich aber gemäßigt, sagen seine Leute. Es gibt immer noch Checkpoints wie unter Assad, doch die bärtigen Männer mit Kalaschnikows winken einen freundlich weiter.
Viele Sanktionen wurden aufgehoben. Kürzlich bezahlte al-Scharaa in einem Hotel in Damaskus einen Kaffee mit einer Visa-Karte. Das war 15 Jahre lang nicht möglich. US-Präsident Donald Trump hat Syrien von der Liste der Terrorunterstützer gestrichen, auf der es seit 1979 geführt wurde.
Die veränderte Lage in Syrien führt dazu, dass laufende Asylverfahren in Deutschland fortlaufend geprüft werden. „Aufgrund der volatilen Lage in Syrien hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge seit Anfang Dezember 2024 Entscheidungen im Anerkennungs- und Widerrufsverfahren syrischer Antragstellender bis auf Weiteres aufgeschoben, soweit die Entscheidung von der Lage in Syrien abhängt“, schreibt eine Sprecherin des Innenministeriums auf Anfrage. Bei Abschiebungen wolle man sich zunächst auf „Straftäter und Gefährder“ konzentrieren.
Die in Deutschland lebende 28-jährige Maha traut dem Ganzen trotzdem nicht so recht. „Ich freue mich, dass Assad weg ist, aber hoffe auf eine bessere Regierung“, sagt sie. „Der Hass zwischen uns muss sich ändern. Wir erwarten, dass die Regierung den Hass stoppt, aber momentan passiert es nicht. Alle wollen Rache.“ Es gebe viele „kleine Genozide“, sagt sie. Die hätte die neue Regierung lapidar als „Fehler“ bezeichnet – ein viel zu schwaches Wort, findet sie, dem keine Taten folgten.
Die Einreise am Flughafen von Damaskus läuft auch für deutsche Staatsangehörige ohne syrischen Hintergrund problemlos. Man zahlt an einem Schalter 75 Dollar in bar und ist im Land.
Außenminister Johann Wadephul (CDU) hatte im Oktober 2025 gesagt, Syrien sei in Teilen schlimmer zerstört als Deutschland 1945. Botschaften und Sicherheitsfirmen warnen vor Reisen in das Land. Wer vom Flughafen in die Stadt fährt, denkt zunächst, das wäre übertrieben. Da sind kaum Zerstörungen zu sehen. Aber der Schein trügt.
Assad achtete darauf, seine Prunkstücke zu bewahren. Für ihn unwichtige Vororte hingegen, wie Dschubbar, sind eine Mondlandschaft. Hier verschanzten sich Rebellen der Al-Rahman-Legion. Von den teils uralten Häusern, darunter eine Synagoge, in der sich einst der Prophet Elia versteckt haben soll, sind nur noch Trümmer übrig.
In den Vororten von Damaskus ist noch sehr viel Zerstörung sichtbarWassim Bahra (51), ein jetzt meist arbeitsloser Touristenführer, zeigt einen Tunnel, den die Rebellen mit ihren Händen gegraben hatten, um sich vor Fassbomben und Raketen zu schützen. „Was wir hier sehen, ist nur ein winziger Bruchteil der Zerstörung. Es wurde so viel ausgelöscht. Auch Orte zwischen Hama und Aleppo und Idlib. Das wurden Geisterstädte.“ Was sagt er zu den Reisewarnungen? „In Berlin ist es gefährlicher“, glaubt er.
Der Hass auf Assad ist bei vielen so groß, dass sie den neuen Präsidenten al-Scharaa wie einen Erlöser verehren. „Ich liebe ihn“, sagt der Privatschulbetreiber Amer, der Al-Sharaa als Hintergrundbild auf seinem Handy hat. Der 52-Jährige spricht Deutsch und saß unter Assad 2024 lange schuldlos in einer Zelle – zusammen mit einem deutschen Touristen, der aus einer Laune heraus die iranische Botschaft fotografiert hatte.
„Man rief mich damals an und sagte, man brauche meine Hilfe zum Übersetzen, ich solle mich doch bitte in der Geheimdienstzentrale einfinden“, erzählt Amer. Dann wurde er für fünf Monate mit dem Deutschen in eine Zelle gesteckt, wohl auch, um einen kostenlosen Übersetzer zu haben. Schließlich habe seine Frau ihn für 2500 Dollar freigekauft.
Der Deutschlehrer Tarif (58) sagt: „Alles ist besser geworden. Mindestens die Freiheit.“ Er führt aus: „Wir können reden, wir können erzählen, sprechen. Unsere Gefängnisse sind geöffnet worden. Keine politischen Gefangenen mehr. Politische Freiheit.“ Die wirtschaftliche Lage sei immer noch nicht so gut, aber das sei ganz normal.
Tatsächlich: Ein Beamter in Syrien verdient um die 200 Dollar im Monat. Der Liter Benzin kostet trotzdem mehr als einen Dollar und zwei Stücke Sushi in der Innenstadt zehn Dollar. Viele kommen da finanziell nicht mehr mit. Aber zumindest gibt es Hoffnung.
Daniel Broda, der Chef der Airline Leav mit Sitz in Köln, die jetzt die Direktreisen nach Damaskus anbietet, sagt, die Stimmung erinnere ihn an Deutschland 1955: „Vom Geist ist das alles recht positiv, weil die in einem Wiederaufbau sind.“
Leav bietet Direktflüge von Düsseldorf nach Damaskus anYasin ist einer derjenigen, der bis zur Reise nach Syrien nicht auf seinen deutschen Pass warten wollte. Deshalb verließ er Deutschland mit einem nun abgelaufenen Aufenthaltstitel. Jetzt könne er nicht mehr zurück, erzählt der 33-Jährige in einem Vorort von Damaskus, in dem er sich von seinem Ersparten ein Haus kaufen konnte.
„Ich bin 2013 nach Hamburg gekommen, nachdem ich von der Armee desertiert war“, sagt er. „Ich habe dann als Reiniger und im Hafen gearbeitet, zeitweise auf der Straße geschlafen.“ Integrationskurse und Schulen besuchte er nicht, schaffte es trotzdem, sich mit einer Transporterfirma selbstständig zu machen.
Aber er kam mit der deutschen Bürokratie nicht gut zurecht. Die ganzen Steuern, die Krankenversicherung, der Druck. Irgendwann im Juni 2025 hielt er es nicht mehr aus und haute ab. Wieder zurück in den Nahen Osten.
Sein Tipp: Jobcenter abschaffen
Yasin sagt: „Ich habe eine Flasche Whisky getrunken und den nächsten Flug in den Irak gebucht. Das ging mit meinem Flüchtlingspass ohne Visum.“ Über die Landesgrenze kam er nach Syrien. Aber er vermisse jetzt schon wieder Deutschland und seine Regeln: „In Syrien hält sich fast niemand an Abmachungen und Verträge.“
Er liebe Deutschland, sagt er, und hat auch einen Tipp für seine zeitweilige Heimat. „Jobcenter abschaffen!“, sagt er. „Wir hatten Probleme, Arbeiter zu finden, weil viele, auch die Deutschen, lieber vom Geld vom Staat leben und faul zu Hause bleiben.“
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