BERLIN – Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) trifft an diesem Dienstag in Washington US-Verteidigungsminister Pete Hegseth, um die rüstungsindustriellen Beziehungen zu Washington auszubauen. Doch Amerikas Krieg gegen den Iran dämpft Berlins Hoffnungen auf eine rasche Beschaffung von Tomahawk-Marschflugkörpern.

Deutschland will Milliarden in Tomahawk-Marschflugkörper und US-amerikanische Typhon-Startsysteme investieren, von denen diese abgefeuert werden. Damit bekäme die Bundeswehr erstmals die Fähigkeit, Ziele weit hinter feindlichen Linien anzugreifen. Doch internen Regierungsdokumenten zufolge, welche der WELT-Partnerpublikation „Politico“ vorliegen, rechnet die Bundesregierung nun mit höheren Kosten, jahrelangen Verzögerungen und Unsicherheit bei den Lieferungen.

„Aufgrund der Anzahl der im Iran-Konflikt eingesetzten Tomahawk-Landangriffsraketen sowie der derzeit begrenzten Produktionskapazitäten kann derzeit keine belastbare Einschätzung abgegeben werden“, wann Deutschland die benötigte Zahl von Raketen erhalten werde, heißt es in den Dokumenten.

Berlin hatte gehofft, die erste Typhon-Tomahawk-Fähigkeit bis 2029 einsatzbereit zu haben. Dieses Ziel könne „nicht erreicht werden“, heißt es in einer separaten internen Bewertung. Die Verantwortlichen rechneten nun mit einer Verzögerung bis in die frühen 2030er Jahre. Mit ersten Lieferungen wird nicht vor 2031 gerechnet.

Zudem dürfte das Typhon-Paket deutlich teurer werden als geplant. Nach US-Schätzungen liegen die Kosten etwa doppelt so hoch wie die von Deutschland veranschlagten 200 Millionen Euro.

Die Probleme dürften die Gespräche von Pistorius mit US-Verteidigungsminister Hegseth am Dienstag überschatten.

Die deutsche Sorge über die Lieferzeiten verweist auf ein grundsätzliches Problem für die Trump-Regierung. Washington drängt die europäischen Verbündeten dazu, mehr Geld für Verteidigung auszugeben und mehr US-Waffen zu kaufen. Gleichzeitig zehren amerikanische Militäreinsätze dieselben Bestände auf und erhöhen den Druck auf bereits ausgelastete heimische Produktionskapazitäten.

Trump selbst räumte diesen Zielkonflikt in diesem Monat ein. „Wir behalten (die Munition, d. Red.) für uns selbst, für die USA, anstatt sie an andere zu verkaufen“, schrieb er auf Truth Social und fügte hinzu, Verkäufe an Verbündete würden „bald wieder beginnen“.

Die Tomahawks könnten zum Testfall werden

Die Engpässe stärken zugleich Berlins Bestreben nach einer anderen Form der Rüstungskooperation mit Washington. Deutschland möchte, dass heimische Unternehmen an der Herstellung und Wartung US-entwickelter Waffensysteme beteiligt werden, anstatt lediglich fertige Systeme von amerikanischen Herstellern zu kaufen.

Die Tomahawks könnten dabei zum Testfall werden. Regierungsvertreter auf beiden Seiten des Atlantiks erklärten gegenüber POLITICO, dass die Gespräche auch mögliche Lizenzen für Co-Produktionen und Möglichkeiten umfassen, deutsche Unternehmen in die Lieferkette der Raketen einzubinden. Konkrete Produktionsmodelle oder eine Arbeitsteilung wurden bislang jedoch nicht vereinbart. Im bayerischen Schrobenhausen sollen im kommenden Jahr erstmals in Kooperation zwischen dem US-Hersteller Raytheon und MBDA Deutschland GEM-T-Flugkörper gefertigt werden, Bestandteile des Patriot-Luftverteidigungssystems.

Pistorius und Hegseth werden am Dienstag voraussichtlich eine Absichtserklärung zur Stärkung der bilateralen Verteidigungskooperation unterzeichnen, um die Beziehungen zwischen deutschen und amerikanischen Rüstungsunternehmen zu vertiefen.

Beide Seiten sehen darin Vorteile. Die deutsche Industrie könnte zusätzliche Produktionskapazitäten bereitstellen, während US-Fabriken unter erheblichem Druck stehen. Berlin wiederum erhielte eine größere industrielle Rolle bei einem seiner größten geplanten Waffenkäufe in den USA.

Die Tomahawk-Typhon-Vereinbarung war im Juli zwischen Trump und Bundeskanzler Friedrich Merz getroffen worden. Obwohl für Ende August terminiert, hat das US-Auslandswaffenverkaufsprogramm FMS noch nicht den notwendigen Genehmigungsprozess des US-Außenministeriums abgeschlossen, der eine erste Voraussetzung für den Verkauf darstellt.

Trotz der Verzögerungen und höheren Kosten empfiehlt die interne Bewertung vorerst, an Typhon und Tomahawk festzuhalten. Verwiesen wird dabei auf die Aussicht auf industrielle Zusammenarbeit. Zugleich wird empfohlen, auf hoher politischer Ebene bei Washington auf schnellere Lieferungen zu drängen.

Ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums in Berlin wollte sich dazu nicht äußern und erklärte, das Ministerium wolle den bevorstehenden Gesprächen nicht vorgreifen. Das Pentagon lehnte eine angefragte Stellungnahme ab.

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