Für Nigers Staatsfernsehen stand der Schuldige schnell fest. Frankreich, die frühere Kolonialmacht, stecke hinter dem jüngsten Putschversuch, behauptete der Sender. Belege wurden nicht genannt – wie meistens bei derartigen Anschuldigungen in Westafrika. Die amtierende Militärjunta schlug den Aufstand abtrünniger Soldaten Ende August schnell nieder.

Russland griff die Darstellung jedenfalls dankbar auf. Die Meuterer seien von ehemaligen europäischen Kolonialmächten angestiftet worden, hieß es aus Moskau. Vor allem aber sei die schnelle Vereitelung des Putschs Russland zuzuschreiben. Nigrische Sicherheitskräfte hätten den Angriff „mit Unterstützung von Angehörigen des Africa Corps des russischen Verteidigungsministeriums“ zurückgeschlagen. Offenbar leistete Russland Boden- und Luftunterstützung, damit regierungstreue Kräfte den Luftwaffenstützpunkt 101 zurückerobern konnten.

Der Erfolg im Niger kommt Moskaus Propaganda gelegen. In der Ukraine sind die Verluste der russischen Streitkräfte enorm, zugleich schrumpfen die Waffenbestände. Auch in Afrika musste das mitteilungsbedürftige Africa Corps, die staatliche Nachfolgeorganisation der verschwiegenen Wagner-Söldner, zuletzt einen Rückschlag hinnehmen: Ende April zog es sich nach schweren Verlusten aus der strategisch wichtigen Stadt Kidal im Norden Malis zurück. Keine gute Werbung für die angestrebte Expansion auf dem Kontinent.

Niger gehört zu den bekannteren Baustellen Russlands in Afrika, neben Mali, Burkina Faso, Libyen und der Zentralafrikanischen Republik. Dort kämpfen oder trainieren russische Einheiten seit Jahren, schützen Regierungen und sichern den Einfluss des Kremls. Dennoch befindet sich Russland weiter in einer Expansionsphase, erschließt neue Standorte in West-, Zentral- und Ostafrika. Und im Oktober ist in Moskau der nächste Russland-Afrika-Gipfel geplant.

Wladimir Putin (r.) begrüßte den Präsidenten von Burkina Faso, Ibrahim Traore, 2023 auf dem Russland-Afrika-Gipfel in St. Petersburg

Ein Beispiel für die neue Akquise ist Togo. Moskau nutzt in der ehemaligen deutschen Kolonie offenbar den Flughafen von Lomé als Zwischenstation für Flüge des Africa Corps. Die nach dem Ende der Söldnergruppe Wagner aufgebaute und vom russischen Verteidigungsministerium kontrollierte Truppe bündelt Moskaus militärische Einsätze auf dem Kontinent. Togos Hafen dient mutmaßlich als Versorgungsroute in Richtung der Sahel-Staaten.

Götz Heinicke, Länderrepräsentant der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung in Togo, überrascht das nicht. Russlands Attraktivität beruhe darauf, dass Moskau afrikanischen Regierungen schnell und ohne größere politische Bedingungen Waffen und militärische Unterstützung anbiete. Die europäischen Staaten täten sich wegen Menschenrechtsrisiken, möglicher Übergriffe und der wiederholten Militärputsche in der Region mit Waffenlieferungen schwer.

„In genau diese Lücke stößt Russland. Moskau kann liefern, was viele afrikanische Regierungen haben wollen, und stellt deutlich weniger Fragen“, sagt Heinicke. Zuletzt hätten sich auch Ghana und die westafrikanische Staatengemeinschaft Ecowas Russland angenähert. „Das wäre ein erheblicher Rückschlag für Europa, denn die Ecowas war bislang eng mit der EU verbunden.“

Die Verwendung Togos als Transitland für militärische Aktivitäten im Sahel sei eindeutig. „In Lomé sind immer wieder Konvois zu sehen. Offenbar kommen dort Fahrzeuge und militärisches Gerät an, die anschließend über Burkina Faso nach Mali weitertransportiert werden“, sagt Heinicke. Aufnahmen solcher Transporte würden regelmäßig in den sozialen Medien verbreitet.

Das Muster wiederholt sich in autoritär regierten Staaten des Kontinents. Wo Präsidenten um ihre Macht fürchten oder Militärregierungen einen weiteren Putsch verhindern wollen, stehen schnell russische Kräfte bereit. Oft genügen bereits 100 oder 200 Mann, um ein Regime gemeinsam mit loyalen Teilen der Sicherheitskräfte gegen mögliche Aufständische zu schützen.

Seit einiger Zeit steht Äquatorialguinea für dieses Modell der Regimeabsicherung. Bis zu 200 russische Militärangehörige wurden seit 2024 in Malabo und Bata eingesetzt. Sie bilden einheimische Einheiten aus und schützen den Präsidenten und sein Umfeld, insbesondere den exzentrischen Vizepräsidenten Teodorín Obiang. Er ist der Sohn und mutmaßliche Nachfolger des seit 1979 regierenden Staatschefs Teodoro Obiang.

Russland half außerdem beim Aufbau einer 684-Mann-starken, schnellen Eingreifbrigade, die mit russischer und chinesischer Ausrüstung ausgestattet werden soll. Anders als in der Sahelzone gibt es in Äquatorialguinea keine bedeutende dschihadistische Rebellion. Das russische Angebot richtet sich daher vor allem gegen Umsturzversuche. Moskau erkauft sich damit günstig Einfluss an einem geopolitisch wichtigen Standort am Atlantik.

Auch Madagaskar geriet in Moskaus Fokus, als dort im vergangenen Jahr ein Militärputsch stattfand. Wenige Wochen später landete ein russisches Militärflugzeug auf der Insel. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Bloomberg waren rund 40 russische Soldaten und 43 Kisten mit Waffen an Bord, darunter Sturm- und Scharfschützengewehre, Panzerabwehrsysteme und Drohnen für die Präsidentengarde.

Zu der Delegation gehörte offenbar General Andrej Awerjanow, früherer Kommandeur der berüchtigten GRU-Einheit 29155. Seit dem Tod von Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin im Jahr 2023 ist er einer der wichtigsten russischen Strippenzieher in Afrika.

Nach Berichten von „Le Monde“ werden inzwischen Spezialkräfte und Angehörige der Präsidentengarde geschult. Russische Kräfte sollen sich zudem direkt am persönlichen Schutz von Oberst Michaël Randrianirina beteiligen.

Für eine russische Militärbasis auf der Insel gibt es bislang keinen belastbaren Beleg. Aber bereits regelmäßige Nutzungsrechte in einem Hafen wie Antsiranana könnten Moskau Zugang zu wichtigen Seewegen zwischen Ostafrika, dem Persischen Golf und Asien verschaffen.

Wichtiges russisches Nachschubzentrum

Wie ein solcher Korridor funktionieren kann, zeigt sich in Guinea im Westen Afrikas. Der Hafen von Conakry ist nach einer Untersuchung der amerikanischen Anti-Korruptionsorganisation The Sentry zu einem wichtigen russischen Nachschubzentrum für Mali geworden. Russische Frachtschiffe entluden dort demnach im Jahr 2025 gepanzerte Fahrzeuge, Lastwagen und anderes militärisches Gerät, das anschließend in drei Konvois in den Sahel gefahren wurde.

Julia Stanyard, Analystin bei der Denkfabrik Global Initiative Against Transnational Organized Crime, warnt davor, Russlands Engagement allein als geopolitisches Projekt zu betrachten. Politische Einflussnahme, militärische Präsenz und wirtschaftliche Interessen seien untrennbar miteinander verbunden.

„Russland versucht, politischen Einfluss zu nehmen, um militärisch in einem Land Fuß zu fassen. Anschließend nutzt es seine militärische Präsenz, um Zugang zu wirtschaftlichen Möglichkeiten zu erhalten“, sagt Stanyard. „Diese verschiedenen Aspekte greifen ineinander.“

Gerade in den frühen Jahren der Wagner-Gruppe sei der Zugriff auf Goldminen und andere Rohstoffe zentral gewesen. In der Zentralafrikanischen Republik habe Wagner „sehr enge Geschäftsbeziehungen und ein breit gefächertes wirtschaftliches Portfolio“ aufgebaut.

Zugleich verfestige das Modell autoritäre Machtstrukturen, so Stanyard: „Sie verschaffen bestimmten Teilen der politischen Elite militärischen Schutz und erhalten dafür undemokratischen Zugang zu Ressourcen. Diese beiden Seiten verstärken sich eindeutig gegenseitig.“

Die Bedeutung des afrikanischen Goldes ist seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine weiter gestiegen. Wegen der hohen Kriegsausgaben hat Moskau die liquiden Reserven seines Staatsfonds kontinuierlich aufgezehrt und inzwischen auch Goldreserven verkaufen müssen, stellte das Institute for the Study of War Ende 2025 fest. Deshalb sichert sich Russland in Ländern wie Mali, Burkina Faso und der Zentralafrikanischen Republik über militärische Unterstützung Zugang zu Minen.

Im großen Stil gehen derweil nur die wenigsten kooperierenden afrikanischen Länder mit der russischen Hilfe hausieren, verbreiten doch gerade die drei Juntas in der Sahelzone das panafrikanische Narrativ, zusammen mit ihren Nachbarstaaten militärisch auf eigenen Füßen stehen zu wollen. Nach dem Putschversuch im Niger blieb ein offizieller Dank der Generäle in Niamey in Richtung Russland jedenfalls aus.

Christian Putsch ist Afrika-Korrespondent. Er hat im Auftrag von WELT seit dem Jahr 2009 aus über 30 Ländern dieses geopolitisch zunehmend bedeutenden Kontinents berichtet.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.