Es sind offizielle Pressefotos, die die britische Church of England (CoE) aktuell in große Erklärungsnot gebracht haben. Aufgenommen wurden sie am 11. September 2026, dem 25. Jahrestag der islamistischen Terroranschläge in den USA. Fast 3000 Menschen kamen dabei ums Leben, darunter 67 Briten. Und Sarah Mullally, die Erzbischöfin von Canterbury, überreicht an diesem so besonderen Tag einem pakistanischen Imam strahlend eine Urkunde für dessen „herausragende Arbeit als Botschafter der interreligiösen Harmonie“.

Die Kamera hält fest, wie der Mann namens Hafiz Muhammad Tahir Mehmood Ashrafi den Hubert-Walter-Preis entgegennimmt. Auch er blickt stolz in Richtung des Fotografen. Von zwei Personen auf den Bildern sind die Gesichtsausdrücke jedoch nicht zu erkennen: die Ehefrau des Imams und vermutlich ihre Tochter. Sie gehören ebenfalls zu der Szene. Doch von ihren Gesichtern sind nur die Augen zu erkennen. Sie sind verhüllt.

Kaum waren die Bilder veröffentlicht, ergoss sich über Kirche wie Erzbischöfin ein heftiger Shitstorm. Zahlreiche Medien griffen die Auszeichnung und die Szene auf. Der Historiker und „Telegraph“-Kolumnist Bijan Omrani sprach unter anderem von der „erschreckenden Naivität“ der Kirche. Das Foto wirke wie eine „Beschwichtigung oder sogar Billigung der repressivsten Form des Islam“, kommentierte er spitz.

Besonders aber irritiere ihn, so Omrani, dass mit Sarah Mullally ausgerechnet die erste Frau an der Spitze der anglikanischen Kirche einen Geistlichen ehre, dessen Ehefrau vollständig verschleiert neben ihm stehe. Er gelte außerdem als muslimischer Fundamentalist. Ob Mullally denn bedacht habe, fragte der Historiker, wie ein solches Bild auf Frauen wirke, die in Afghanistan oder Iran gegen Verschleierungszwänge und andere Einschränkungen ihrer Rechte kämpfen.

Andere Journalisten konfrontierten Mullally mit ihren eigenen Worten bei ihrer Amtseinführung als die erste Erzbischöfin von Canterbury, die erst im Januar 2026 erfolgt war. „Ich werde mich öffentlich gegen Frauenfeindlichkeit äußern“, versprach die Geistliche da noch. „Sie könnte tatsächlich der Grund sein, warum ich endlich die CoE verlasse“, postete Reporter Alex Armstrong von GBNews.

Noch schärfer aber fiel die inhaltliche Kritik am Preisträger selbst aus. Der konservative Oppositionspolitiker Nick Timothy bezeichnete es als „erschütternd“, dass die Kirche einen Mann auszeichne, der öffentlich Osama bin Laden gewürdigt und gefordert habe, dass dieser den Titel „Saifullah“ („Schwert Gottes“) tragen solle. Und das ausgerechnet an einem Datum wie dem 11. September. Eine Recherche der Kirche habe offenbar nicht stattgefunden.

Timothys Kritik bezog sich dabei auf Äußerungen des Imams. Ein Bericht von Reuters hatte den Imam 2007 mit den Worten zitiert, Bin Laden habe „für den Islam gegen die Russen, Amerikaner und Briten gekämpft“. Deshalb wolle er Bin Laden den Titel „Saifullah“ verleihen, was „Schwert Gottes“ bedeutet.

Ashrafi selbst sagte der BBC, seine Äußerungen über Osama bin Laden seien „völlig aus dem Zusammenhang gerissen“ worden und die Kritik sei „eine unfaire Kampagne“ gegen ihn. Er habe 2007 nur deshalb über Bin Laden gesprochen, weil viele Muslime durch die Verleihung eines Rittertitels an den Autor der „Satanischen Verse“, Sir Salman Rushdie, verletzt gewesen seien.

Er will damals gesagt haben: „Wenn Großbritannien Rushdie in den Ritterstand erheben kann, dann haben auch wir das Recht, unseren Anführern und Helden Auszeichnungen zu verleihen“, wird Ashrafi zitiert. Auch WELT berichtete damals.

Die britische National Secular Society, eine der ältesten säkularen Organisationen Großbritanniens, reagierte dennoch mit deutlichen Worten. Deren Vorsitzender Stephen Evans sprach von einem „erschreckend schlechten Urteilsvermögen“ der Kirchenführung und einer „gefährlichen Naivität“ gegenüber religiösen Persönlichkeiten. Diese würden durch solche Auszeichnungen auch noch aufgewertet werden. Besonders unverständlich aber sei, dass die Ehrung am 25. Jahrestag der 9/11-Anschläge erfolgte.

„Die Auszeichnung wurde zurückgezogen“, heißt es nun

Der Druck auf den Lambeth Palace – den offiziellen Amtssitz der Erzbischöfin von Canterbury – wurde offenbar zu groß. „Wir können heute bestätigen, dass die Auszeichnung zurückgezogen wurde“, hieß es schließlich in der Stellungnahme. Die früheren Äußerungen des Imams hätten eine Neubewertung erforderlich gemacht und seien erst nach der Auszeichnung bekannt geworden. Zugleich betonte die Kirche, die Ehrung sei ursprünglich für Ashrafis „langjährige Unterstützung religiöser Minderheiten in Pakistan, insbesondere der christlichen Gemeinschaft“ verliehen worden.

Gemeint war damit Ashrafis Rolle im Fall der christlichen Pakistanerin Rimsha Masih. Das Mädchen war 2012 fälschlicherweise der Blasphemie beschuldigt worden, ein Vorwurf, der in Pakistan schwerwiegende Folgen haben kann. Kritiker verweisen jedoch auf einen Widerspruch: Während sich Ashrafi in diesem Einzelfall für die Christin eingesetzt habe, unterstütze er zugleich die pakistanischen Blasphemiegesetze. Auf deren Grundlage wurden seit Ende der 1980er-Jahre schätzungsweise rund 2000 Menschen strafrechtlich verfolgt, darunter überdurchschnittlich viele Angehörige religiöser Minderheiten, auch Christen.

Für die Church of England ist der Imageschaden enorm – und der Skandal womöglich noch nicht vorbei. Kolumnist Andrew Neil von der „Daily Mail“ forderte bereits einen Rücktritt der Erzbischöfin. Zuvor war eine Recherche der Zeitung veröffentlicht worden. Demnach soll der Imam die Hamas-Attentäter vom 7. Oktober im pakistanischen Fernsehen als „Freiheitskämpfer“ bezeichnet haben. Wörtlich habe er in einem Interview gesagt: „Allah hat den Stolz Israels durch die palästinensischen Freiheitskämpfer gebrochen.“ Für die Recherche, so der Autor, habe er gerade einmal 24 Stunden gebraucht.

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