Ausgebrannt und schwarz vor Ruß liegen die Wracks russischer Panzer, Drohnen und Raketen über die gesamte Ukraine verstreut. Ob im Zentrum der Hauptstadt Kiew oder auf abgelegenen Pfaden in der ukrainischen Provinz. Wenn am Einschlagsort anschließend etwas Ruhe einkehrt oder die Kriegsfront sich verschiebt, beginnt an jenen Orten die Arbeit eines einzigartigen Projekts im ukrainischen Verteidigungskampf.
Denn ein Trümmerhaufen eines zerstörten russischen Waffensystems enthält oftmals technisch komplexe Komponenten aus aller Welt. Die ukrainischen Streitkräfte bergen die verbauten Einzelteile. Anschließend wertet der Militärnachrichtendienst der Ukraine (HUR) sie aufwendig aus, kategorisiert sie und stellt sie auf seiner Webseite „War-Sanctions“ online zur Verfügung. Fast täglich wird die Datenbank aktualisiert. Mitte September weist sie 6107 Komponenten aus 207 verschiedenen Waffensystemen auf.
Die Komponenten, etwa Mikrochips, Steckverbindungen oder Netzteile, können neben technischen Daten über Namen und Seriennummern auch Aufschluss über Herstellungsdaten und Herkunftsländer der Manufakturen liefern. Das Ziel der Ukrainer: Erkenntnisse über russische Waffen zu sammeln sowie Lücken im westlichen Sanktionsregime aufzudecken. Russland weiß das und macht deshalb die Seriennummern der eingebauten Komponenten teilweise unkenntlich oder versieht sie mit Sprengfallen.
Die „War-Sanctions“-Webseite wurde 2022 von der Nationalen Agentur für Korruptionsprävention gegründet, um primär ausländische Regierungen über sanktionsrelevante Persönlichkeiten zu informieren. Der HUR übernahm den Betrieb der Seite Mitte 2024.
Heute liefert sie neben Daten zu Komponenten und Sanktionen auch Informationen über die russische Rüstungsindustrie als Ganzes, die Logistik des Militärapparats, russische Propaganda, Deportationen ukrainischer Kinder und gestohlene Kulturgüter.
Zahlreiche Studien und Recherchen haben sich mit all diesen Aspekten beschäftigt. Aber eine öffentlich zugängliche Datenbank zu einzelnen Komponenten in fremden Waffensystemen ist ein weltweit einzigartiges Projekt, denn es betrachtet das Schlachtfeld als Datensatz.
Die Webseite werde vorrangig von Wissenschaftlern und investigativen Journalisten genutzt, während Regierungen überwiegend auf deren aggregierte Erkenntnisse zurückgreifen würden, erklärt Olena Bilousova, leitende Verteidigungs- und Sanktionsforscherin der Kyiv School of Economics (KSE), im Gespräch mit WELT.
Ihr Team nutzt die Daten, um anhand der Importe ausländischer Komponenten nach Russland die Wirkung der Sanktionen nachzuvollziehen. Denn Sanktionspakete müssten kontinuierlich auf Lücken geprüft, überarbeitet und erweitert werden, so die Expertin. „Wir gleichen die Hersteller von Komponenten aus dem War-Sanctions-Datensatz mit den Herstellern aus russischen Importdaten ab.“
Anschließend wird bei übereinstimmenden Firmen nach gehandelten Waren gefiltert, die für militärische Zwecke nutzbar sein können. Auf diese Weise lasse sich die Entwicklung der Importe bestimmter Komponenten nachvollziehen, erklärt Bilousova. „So können wir anhand russischer Importe von Gütern dieser Unternehmen verstehen, ob Sanktionen funktionieren oder nicht.“
Durch die Arbeit der KSE mit dem War-Sanctions-Datensatz konnte auch die Warenabwicklung an den Zollgrenzen der sanktionierenden Länder optimiert werden, vermutet Bilousova. „Wir stellten fest, dass für die Überprüfung von ausländischen Komponenten in russischen Waffen Exportkontrollen und Zollsysteme unterschiedliche Klassifizierungen verwendeten, was die Durchsetzung unnötig erschwerte.“
In der Änderung im Klassifizierungsprozess, die Güter mit militärischer Verwendung auf dem Weg nach Russland zuverlässiger identifizieren soll, findet Bilousova die Handlungsempfehlung der KSE wieder.
Foto des Pressedienstes des russischen Verteidigungsministeriums, das einen russischen Soldaten mit einer Drohne in der Ukraine zeigtDie KSE hat bereits drei Studien mit den Daten der Webseite veröffentlicht. In ihrem ersten Report nach Kriegsbeginn stellte das Institut noch einen Zuwachs im Gesamtvolumen des Handels mit militärischen Komponenten fest, auch von westlichen Firmen. Ein Ergebnis, das sie enttäuscht habe, so Bilousova.
In ihrer Studie aus dem Jahr 2024 konnte man eine Umkehr des Trends erkennen. „Wir sehen nun, dass der Handel mit China und spezifisch Hongkong anwächst“, erklärt Bilousova. Das geht mit der Entwicklung einher, dass in jenem Jahr die westlichen Sanktionen gegen Russland verschärft wurden. „Zwar handeln westliche Staaten praktisch nicht mehr bewusst mit Russland, aber mit chinesischen Firmen, die an Russland weiterverkaufen.“
Laut der Datenbank fanden auch 147 Komponenten aus deutscher Herstellung ihren Weg in russische Waffensysteme, die teilweise erst nach Kriegsbeginn produziert wurden. Die Dunkelziffer dürfte noch höher sein.
Die KSE‑Studie von 2024 war die vorerst letzte des Instituts, basierend auf dem War-Sanctions-Datensatz. Russland hat inzwischen den Zugang zu öffentlichen und vertraulichen Importdaten eingeschränkt. Dennoch bleibt die Webseite relevant für die KSE, da sie ihre Arbeit inzwischen angepasst hat.
Der Blick auf die Verwendung verschiedener Komponenten in russischen Drohnen oder Raketen könne ebenfalls Schlussfolgerungen für Sanktionen liefern, erklärt Bilousova.
„Aufgrund der Sanktionen wurden einige Komponenten durch chinesische oder russische Analoga ersetzt. Aber es ist schwieriger, etwas neu zu erfinden, als es zu ersetzen. Wenn wir also westliche Komponenten in neuen russischen Waffen finden, sehen wir, dass Russland diese noch nicht nachbauen kann.“ Dies würde bei der Priorisierung helfen, welche Handelsbeziehungen von kritischen Komponenten genauer untersucht werden müssen.
„Heute kann man an Informationen gelangen, wie es vor 50 Jahren nicht möglich gewesen wäre“
Der Zugriff auf feindliche Waffensysteme helfe dem ukrainischen Militär auch unmittelbar auf dem Schlachtfeld und bei der Verbesserung der eigenen Abwehrfähigkeiten, erklärt Taras Chmut, ukrainischer Militäranalyst und Leiter von Come Back Alive, der größten Wohltätigkeitsorganisation zur Unterstützung aller ukrainischen Verteidigungskräfte, im Telefongespräch mit WELT.
„Durch die Untersuchung der in feindlichen Drohnen eingesetzten Sensoren lassen sich Leistungsdaten wie deren Reichweite und Flughöhe bestimmen. Diese Erkenntnisse helfen dabei, geeignete Maßnahmen zur Abwehr oder zum Abschuss der Geräte zu entwickeln“, erklärt Chmut. Der War-Sanctions-Datensatz sei auch deshalb so wichtig, weil sich russische Waffensysteme innerhalb von nur sechs Monaten komplett verändern könnten.
Fremde Waffensysteme in die Hand zu bekommen, habe allerdings keineswegs mehr die Relevanz, die solche Funde zu Zeiten des Kalten Krieges hatten. „Die Welt hat sich verändert, und mit ihr die Zugänglichkeit von Informationen“, sagt Chmut. „Heute kann man über soziale Medien oder durch Open-Source-Intelligence (OSINT) an geheime Informationen gelangen, wie es vor 50 Jahren nicht möglich gewesen wäre.“ Die Rückschlüsse beim Studieren von Komponenten auf Sanktionen und Lieferketten seien somit weitreichender als die militärischen Konsequenzen.
Chmut warnt vor einer Schwachstelle im Sicherheitsapparat. Während militärische Stellen und Geheimdienste über exklusive, hochsensible Datenressourcen verfügten, liege das technologische Know-how zur Entwicklung effektiver Gegenmaßnahmen größtenteils bei privaten Rüstungs- und Technologieunternehmen. „Wir müssen eine Lösung finden, wie wir diesen Graben überbrücken können“, fordert Chmut.
Die War-Sanctions-Webseite spricht unter Verweis auf den Komponenten-Datensatz ausdrücklich Empfehlungen an Regierungen und Unternehmen aus und appelliert: „Mit vereinten Kräften werden wir den Aggressoren die Möglichkeit nehmen, Waffen für ihren Terrorkrieg zu produzieren.“
Till Henniges ist Volontär an der Axel Springer Academy of Journalism and Technology.
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