Dass auch seine Synagoge in Manchester angegriffen werden könnte, damit hatte der Rabbiner Daniel Walker vor einem Jahr nicht gerechnet. „Es passte einfach nicht zu meinem Bild davon, was Großbritannien ist“, sagt der 50-jährige orthodoxe Jude mit langem, weißem Bart und schwarzer Kippa. Er wuchs in der Nähe der Synagoge auf, lebt bis heute in der Nachbarschaft und ist dort seit 18 Jahren Rabbiner. „Ich habe mich an dem Gefühl festgehalten, dass dieses Land anders ist.“

Am 2. Oktober 2025 zerbrach dieses Bild. Die Heaton Park Hebrew Congregation beging Jom Kippur, den höchsten jüdischen Feiertag, als ein Islamist namens Jihad al-Shamie die Synagoge attackierte. Zwei Gemeindemitglieder starben, drei Menschen wurden schwer verletzt. Einen solchen Anschlag auf die jüdische Gemeinschaft Großbritanniens hat es wohl nie zuvor gegeben.

Die Synagoge, ein Backsteinbau in einer ruhigen, jüdisch geprägten Nachbarschaft im Norden Manchesters, sieht heute von außen eher nach eingezäunter Festung aus als nach Gotteshaus, bewacht von Kameras und Sicherheitskräften. Rund 800 Mitglieder hat die Gemeinde, zum Schabbat kommen regelmäßig um die 100. Doch Jom Kippur ist der Tag, an dem der Rabbi mit vollem Haus rechnet.

Daniel Walker ist seit 18 Jahren Rabbiner der Synagoge in Manchester

Als Walker an jenem Tag um kurz nach 9 Uhr ankommt, hat der Gottesdienst gerade begonnen, nur 40 Menschen sind schon da. Die Wachleute erzählen ihm von einem Mann, al-Shamie, der sich am Tor verdächtig verhalten habe. Kurz darauf steht er wieder da, Walker sieht ihn. „Extrem feindselig“, „hasserfüllt“ sei er. „Ich dachte, das sei wieder so eine von diesen kleineren Unannehmlichkeiten“ – so nennt Walker die vielen antisemitischen Vorfälle, die das Leben der Gemeinschaft prägen.

„Free Palestine“-Rufe, mal geworfene Eier – aber kein bewaffneter Anschlag. Dann der Knall: Al-Shamie rast in einem Auto auf das Tor zu, prallt gegen die Mauer vor der Synagoge und überfährt den Wachmann Bernard Agyemang. Der Täter, der einen Sprengstoffgürtel trägt, der sich später als Attrappe herausstellen wird, steigt aus und ersticht Melvin Cravitz, „einen Grundpfeiler der Gemeinde“, sagt Walker.

Im Innenhof stellt sich ihm Andrew Franks, ehrenamtlicher Wachmann der Gemeinde, entgegen und hält ihn auf, bis andere die Türen verriegeln. Franks wird dabei schwer verletzt. „Wäre er hineingekommen, hätte drinnen wohl niemand überlebt“, sagt Walker. „Ich rechne es Andrew an, dass er an jenem Tag allen das Leben gerettet hat – zu einem schrecklichen Preis für ihn selbst.“

Die Fenster der Synagoge in Manchester

Al-Shamie hämmert gegen die Tür und schreit: „Das kriegen sie dafür, dass sie unsere Kinder töten.“ Noch während der Tat bekennt er sich zum Islamischen Staat. Die Polizei rückt an und erschießt ihn, nur sieben Minuten nach dem ersten Notruf. Eine Kugel dringt durch die Tür, die die Gemeindemitglieder Yoni Finlay und Adrian Daulby zuhalten, und trifft beide. Finlay überlebt, Daulby nicht.

Ein Jahr später sitzt der Schock noch immer tief. Rund 300.000 Juden leben in Großbritannien – in Europa sind es nur in Frankreich mehr –, 30.000 davon in Manchester. Seit dem Hamas-Angriff auf Israel vom 7. Oktober 2023 und dem Krieg in Gaza ist auch hier die Zahl antisemitischer Vorfälle in die Höhe geschnellt. Der Community Security Trust (CST), eine jüdische Sicherheitsorganisation, zählte 2025 rund 3700 – nach dem Rekordjahr 2023 der zweithöchste Wert seit Beginn der Zählung 1984.

Im ersten Halbjahr 2026 waren es knapp 2000 – darunter Brandanschläge und körperliche Angriffe. Erschüttert hat die britische Community auch der islamistische Anschlag am australischen Bondi Beach im vergangenen Dezember: Unter den 15 Toten war der Londoner Rabbiner Eli Schlanger, Großneffe eines langjährigen Rabbiners der Heaton-Park-Synagoge.

Viele verstecken ihre Davidsterne

Als die Synagoge in Manchester attackiert wird, sitzt Raphi Bloom im Auto, fünf Minuten entfernt. Bloom, 56, ist einer der Direktoren der größten jüdischen Sozialorganisation im Großraum Manchester und Vorstandsmitglied des jüdischen Vertretungsrats der Stadt. Ein Freund ruft an: „Bleib weg!“ „Mir sackte einfach der Magen ab“, erinnert sich Bloom kurz vor dem ersten Jahrestag.

Anders als Walker hatte er einen Anschlag kommen sehen: „Wir hatten der Regierung entgegengeschrien, dass das passieren würde.“ Nur nicht in Manchester, nicht in seiner eigenen Synagoge. „Wenn man zulässt, dass Tausende Menschen Woche für Woche durch die Straßen ziehen und ‚Globalise the Intifada‘ skandieren, dann wird das nach zwei Jahren irgendjemand in die Tat umsetzen“, sagt er. „Und sie haben es in Heaton Park getan.“

Raphi Bloom ist einer der Direktoren der größten jüdischen Sozialorganisation im Großraum Manchester und Vorstandsmitglied des jüdischen Vertretungsrats der Stadt

Die Folgen seien gravierend: „Es hat die Leute nervös gemacht, ihre Kinder auf jüdische Schulen zu schicken, in eine koschere Bäckerei zu gehen“, so Bloom. Leute versteckten ihre Davidsterne – im Krankenhaus tat er es selbst. „Und ich habe mich dafür geschämt“, sagt er und zeigt die Kette unter seinem Hemd, die er sonst immer stolz trage.

Keine sechs Monate später folgt der nächste Schlag. In Golders Green, einem jüdisch geprägten Viertel im Norden Londons, werden in einer Märznacht vier Krankenwagen des jüdischen Rettungsdienstes Hatzola angezündet. Die Täter, zwischen 17 und 20 Jahre alt, sollen im Auftrag eines vom Iran gesteuerten Terrornetzwerkes agiert haben.

Ende April werden wieder in Golders Green zwei orthodoxe Juden auf offener Straße niedergestochen. Der Tatverdächtige Essa S., ursprünglich aus Somalia, war zuvor an das staatliche Anti-Extremismus-Programm verwiesen worden. Er soll laut Augenzeugen gezielt nach „sichtbar jüdischen“ Menschen gesucht haben.

„Es war das angespannteste Jahr im jüdischen Leben Großbritanniens seit dem Zweiten Weltkrieg“, resümiert Michael Wegier in einem koscheren Café an der Golders Green Road, nur wenige Fußminuten vom Tatort entfernt. „Angespannter sogar als die Jahre der National Front“ – jener faschistischen Partei, die in den 1970er-Jahren ihren Höhepunkt hatte.

Michael Wegier ist Geschäftsführer des Board of Deputies of British Jews, einer Art Zentralrat der Juden

Nach deren Niedergang habe ein „goldenes Zeitalter für britische Juden“ begonnen, sagt Wegier, 61, Geschäftsführer des Board of Deputies of British Jews, einer Art Zentralrat der Juden. In dieser Zeit wuchs der gebürtige Londoner auf. Zu Ende gegangen sei diese Ära spätestens, als der Linksaußen Jeremy Corbyn, der die Hamas einmal als „Freunde“ bezeichnet hatte, 2015 die Labour-Partei übernahm.

Seit dem 7. Oktober sei die Gemeinschaft „hochgradig verängstigt“. Dann kam Manchester. „Seit dem Mittelalter hatte es in diesem Land wohl keinen mörderischen Angriff auf Juden gegeben, weil sie Juden sind“, sagt Wegier.

Dschihadisten sind die größte Gefahr

„Großbritannien war bislang vom extremen, gewalttätigen Ende des Antisemitismus weitgehend verschont geblieben“, erzählt Dave Rich in der Londoner Innenstadt. „Und ganz sicher von antisemitischen Morden.“ Das heiße jedoch nicht, dass es keine Versuche gegeben habe, betont er. Rich leitet die Politikabteilung des CST, seit 32 Jahren arbeitet er dort.

Vor ihm liegt „The Revolutionists“ von Jason Burke, ein Wälzer zum linksradikalen und islamistischen Terrorismus der 1970er-Jahre. „Wer Antisemitismus bekämpft, muss im Grunde eine Eule sein und den Kopf um 360 Grad drehen“, sagt er. Die Hauptbedrohung komme heute von Dschihadisten, an zweiter Stelle Neonazis, so Rich.

Den Druck im Alltag spürten Juden dagegen eher von progressiver Seite, etwa von der Green Party, deren Politiker das Massaker vom 7. Oktober als Widerstand verklärt haben. „Viele fragen sich nun: War’s das? Waren das unsere guten Zeiten?“ Trotzdem betont Rich: „Jüdisches Leben geht hier weiter, es gibt mehr Veranstaltungen denn je, die wir schützen müssen.“

Dave Rich arbeitet bei der jüdischen Sicherheitsorganisation CST und gilt als einer der renommiertesten Antisemitismus-Experten Großbritanniens

Zurück in Manchester. Nur Stunden vor Beginn des diesjährigen Jom Kippur am Abend des 20. Septembers nimmt die Anti-Terror-Polizei zwei Männer fest, die eine unmittelbare Bedrohung für die jüdische Community dargestellt hätten. Es ist von einem mutmaßlichen Terrorkomplott die Rede. Raphi Blooms Mutter wohne in Jerusalem und schicke ihm ständig solche Nachrichten über Großbritannien, erzählt er. „Ihr müsst weg, ihr müsst nach Israel“, sagt sie ihm.

Nach antisemitischen Anschlägen in Frankreich sind Zehntausende Juden dorthin ausgewandert. In Großbritannien sind es nur wenige Hunderte im Jahr. „Wir sind stolze Juden aus Manchester, stolze britische Juden“, sagt Bloom. „Wir sind keine Juden mit zitternden Knien und wir lassen uns nirgendwohin vertreiben.“

Nicholas Potter ist Chefreporter der Premium-Gruppe. Er berichtet vor allem über den Nahen Osten, Großbritannien und politischen Extremismus.

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