Der Streit zwischen Südkorea und der Ukraine eskaliert. Präsident Lee Jae Myung droht Kiew mit „weiteren Maßnahmen“, falls sich die Ukraine nicht öffentlich für die Bekanntgabe einer vertraulichen Übergabe nordkoreanischer Kriegsgefangener entschuldigt.

„Wenn sie die Anerkennung der Tatsachen und eine öffentliche Entschuldigung weiter verweigern, werden wir weitere Maßnahmen ergreifen“, schrieb Lee am Freitag auf X. „Als Frage des Ansehens der Bürger und des Staates der Republik Korea können wir das nicht hinnehmen.“ Schon zuvor hatte Seoul den ukrainischen Gesandten einbestellt.

In dem Beitrag verschärfte Lee den Ton deutlich. Die Ukraine habe selbst um Vertraulichkeit gebeten und die Übergabe der Kriegsgefangenen dann einseitig öffentlich gemacht. Als er sein Bedauern „mit größtmöglicher Höflichkeit“ geäußert habe, habe Kiew eine Vereinbarung bestritten und ihn damit zum „Lügner“ gemacht. Auf die Forderung nach einer Entschuldigung habe die Ukraine zudem von einem bevorstehenden militärischen Zusammenstoß zwischen Nord- und Südkorea gesprochen. Lee warf Kiew vor, einen Krieg auf der koreanischen Halbinsel heraufbeschwören zu wollen, und drückte „ernstes Bedauern“ aus.

Der Zeitpunkt des Zerwürfnisses ist heikel. Zehntausende Nordkoreaner haben Russland im Krieg gegen die Ukraine unterstützt, die Entsendung weiterer Truppen steht offenbar bevor. Die enge Partnerschaft zwischen Kim Jong-un und Wladimir Putin bedroht damit beide Länder.

Fünf Tage verletzt im Kursker Wald

Im Mittelpunkt stehen zwei nordkoreanische Soldaten, die im Januar 2025 in der russischen Region Kursk von ukrainischen Truppen gefangen genommen worden waren. Damals waren Gefangennahmen von Nordkoreanern äußerst selten. Verletzte Soldaten sprengten sich nach Berichten offenbar mit Handgranaten in die Luft, um nicht in Gefangenschaft zu geraten.

Einer der beiden, ein 21-Jähriger mit dem Nachnamen Paek, dachte nach eigenen Angaben ebenfalls an Suizid. Er verlor jedoch das Bewusstsein und lag mit Granatsplittern im Bein fünf Tage lang auf dem Waldboden, bevor ukrainische Soldaten ihn fanden. Dem „Wall Street Journal“ sagte er, er habe nicht gewusst, dass er nach Russland geschickt werde. Dem zweiten Soldaten, einem 26-Jährigen namens Ri, war erzählt worden, er werde gegen südkoreanische Truppen kämpfen.

Mitte September wurden die Männer nach Südkorea ausgeflogen. Nach Angaben eines Abgeordneten, der im Geheimdienstausschuss unterrichtet worden war, sind sie bei „allgemein guter Gesundheit“. Nach der südkoreanischen Verfassung gelten alle Nordkoreaner als Staatsbürger des Südens.

Streit über eine Vereinbarung, die es womöglich nie gab

Nach Darstellung Seouls sollte die Übergabe vertraulich bleiben. Am 23. September machte Selenskyj sie jedoch in seiner Rede vor der UN-Generalversammlung öffentlich. Kiew bestreitet, dass es eine verbindliche Vereinbarung zur Geheimhaltung gegeben habe. Ein südkoreanischer Parlamentarier räumte ein, es habe keine formale Abmachung gegeben, Diplomaten beider Seiten hätten aber Vertraulichkeit vereinbart.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hält im Hauptquartier der Vereinten Nationen eine Rede während der 81. Sitzung der Generalversammlung der Vereinten Nationen.

Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha bemühte sich um Deeskalation. In einem Interview am Donnerstag mit RBC-Ukraine sprach er von einem „diplomatischen Missverständnis“. Südkorea sei „ein wichtiges Land“ für die Ukraine. Er wolle den Vorgang „nicht als Zwischenfall bezeichnen“.

Kiew will Waffen, Seoul will Stabilität

Hinter dem Streit stehen unterschiedliche sicherheitspolitische Interessen. Nach Einschätzung des südkoreanischen Geheimdienstes könnte Selenskyj die Übergabe öffentlich gemacht haben, um in Südkorea die Unterstützung für Waffenlieferungen an die Ukraine zu stärken. Kiew argumentiert seit Langem, dass nordkoreanische Soldaten an der Front Kampferfahrung sammeln, die auch für Südkorea gefährlich werde. „Wenn sich Nordkorea aktiv an einem Krieg in Europa beteiligt, kann Südkorea nicht bloß ein distanzierter Beobachter bleiben“, sagte Selenskyj-Berater Mychajlo Podoljak. Die Ukraine braucht dringend Luftverteidigung, Patriot-Abfangraketen sind knapp.

Südkorea zählt zu den am schnellsten wachsenden Rüstungsexporteuren der Welt. Den vier größten Rüstungskonzernen des Landes wird für das Jahr 2026 ein Umsatz von rund 37 Milliarden US-Dollar prognostiziert. Südkorea liefert jedoch grundsätzlich keine tödlichen Waffen direkt in aktive Kriegsgebiete. Demnach erhielt die Ukraine bislang offiziell nur Helme, Schutzwesten und medizinische Güter von Südkorea. Indirekt half Südkorea dennoch. Nach Angaben der „Washington Post“ lieferte es 2023 über die USA bis zu 500.000 Schuss 155-Millimeter-Munition und war damit zeitweise ein größerer Munitionslieferant als alle europäischen Staaten zusammen. Im Juli kündigte Seoul ein Hilfspaket von über 100 Millionen US-Dollar für die Ukraine an.

Lee bemüht sich zugleich um bessere Beziehungen zu Pjöngjang. Zuletzt schlug er vor, Sanktionen zu lockern und auf ein „Einfrieren“ des nordkoreanischen Atomprogramms hinzuarbeiten. Hinzu kommt die Unsicherheit über die USA: Präsident Donald Trump hat wiederholt einen Abzug amerikanischer Truppen aus Südkorea erwogen.

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