Angespannt war die humanitäre Lage in der ukrainischen Kleinstadt Oleschky schon lange – aber jetzt wird das Leben am russisch besetzten linken Ufer des Dnipro zur Hölle. Die letzte Nahrungsmittellieferung auf dem Landweg kam am 26. Mai 2026 in die Stadt. Seither sind Tausende Zivilisten in Oleschky auf sich gestellt. Russische Invasionstruppen haben den Ort abgeriegelt und mit Minenfeldern umzogen. Noch rund 6000 Menschen sollen in der Stadt festsitzen, darunter viele Kinder.

„Es gibt keine zuverlässige Versorgung mit Lebensmitteln, Trinkwasser oder Medikamenten“, sagt der ukrainische Menschenrechtsbeauftragte Dmytro Lubinets. Geschäfte und Apotheken sind geschlossen, das Krankenhaus arbeitet „mit minimalen Ressourcen“. Die Ärzte können nur noch die Blutungen stoppen, für Operationen gibt es nicht mal mehr Strom.

Vor der russischen Invasion war Oleschky eine beschauliche Stadt mit 38.000 Einwohnern. Sie ist von Wäldern und Auen umgeben und liegt am Unterlauf des Dnipro direkt gegenüber von Cherson.

Seit der Befreiung des rechten Dnipro-Ufers durch ukrainische Streitkräfte im Herbst 2022 liegt Oleschky direkt an der Front in der sogenannten grauen Zone. Von der Stadt führt die Straße durch einen Auenwald über die heute teilweise gesprengte Antonowski-Brücke über den Dnipro nach Cherson. Damit kommt Oleschky eine strategische Bedeutung zu.

Versorgt werden kann Oleschky auf dem Landweg nur von russisch okkupiertem Gebiet aus. Inzwischen ist die katastrophale Lage der Stadt sogar ein Thema bei den Vereinten Nationen – nur ohne Ergebnis. Der Menschenrechtsbeauftragte Lubinets sagt, es gebe zwar Kontakt zu Russland.

Zusammen mit dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (ICRC) habe man auch eine Liste an Personen zusammengestellt, die dringend evakuiert werden müssen. Dafür würde die Ukraine einem lokalen Waffenstillstand zustimmen. Aber: „Das Problem besteht darin, dass Russland seine Bereitschaft zur Durchführung der Evakuierung nicht bestätigt hat.“ Russische Soldaten würden die Menschen sogar am Verlassen der Stadt hindern.

Tatsächlich ist eine Flucht aus der Stadt derzeit unmöglich. Der Weg nach Westen auf ukrainisch kontrolliertes Gebiet würde über die weitgehend zerstörte Antonowski-Brücke oder über den Fluss verlaufen – auf jeden Fall über eine aktive Frontlinie. Den Weg nach Osten versperren Minenfelder und die ständige Gefahr durch Drohnenangriffe russischer Truppen. Bei dem Versuch, abseits der Straßen zu fliehen, wurden laut der ukrainischen Exil-Administration in den vergangenen Tagen ein Mensch getötet und mindestens vier weitere schwer verletzt.

Hinzu kommt: Nach der Sprengung des Kachowka-Dammes flussaufwärts durch russische Truppen war Oleschky komplett überflutet. Viele Bewohner haben keine Dokumente mehr und können sich nicht ausweisen, was unter russischer Okkupation gefährlich ist.

Lubinets: „Nach dem humanitären Völkerrecht, insbesondere gemäß den Artikeln 55 und 59 der Vierten Genfer Konvention über den Schutz von Zivilpersonen in Kriegszeiten, ist die Besatzungsmacht verpflichtet, die Zivilbevölkerung mit Lebensmitteln und medizinischen Hilfsgütern zu versorgen und die Lieferung humanitärer Hilfe zu erleichtern.“ Russland verstoße gegen diesen Grundsatz. Damit stehe Oleschky in einer Reihe mit Orten wie Butscha, Isjum oder Mariupol, erklärt der Politologe Yevhen Mahda.

Drohnen sollen die eingeschlossene Stadt versorgen, werden aber von den Russen abgeschossen

Die Ukraine wollte die eingeschlossene Stadt aus der Luft versorgen. Aber Drohnen, die Waren nach Oleschky bringen sollen, wurden von russischen Soldaten abgeschossen, die Lebensmittel gestohlen. Im Internet kursieren Videos, auf denen zu sehen ist, wie russische Soldaten mit gestohlenen humanitären Gütern vor ukrainischen Drohnen fliehen.

Für die hungernden Menschen wird die Versorgung aus der Luft außerdem zur Gefahr: „Die Besatzer verhafteten Einwohner von Oleschky, weil sie humanitäre Hilfspakete entgegengenommen hatten, und warfen sie in den Keller“, sagt der Gouverneur der Region Cherson, Oleksandr Prokudin. Mit „Keller“ ist das Netzwerk an Foltergefängnissen gemeint, in denen Menschen ohne Anklage jahrelang festgehalten werden.

Gerüchten zufolge nutzt die russische Armee Oleschky als Basis für jene Drohnenpiloten, die in der Stadt Cherson Jagd auf Zivilisten machen. Diese unmenschliche Aktion ist auch unter dem Stichwort „Human Safari“ bekannt. Das könnte eine Erklärung sein, denn nur im 20 Kilometer entfernten und ebenfalls russisch besetzten Redensk gibt es Nahrung. Politologe Mahda sagt: „Das zeigt, dass die russische Okkupation keine militärische Logik hat.“

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