Am Morgen des 7. Oktober 2023 überfallen palästinensische Terroristen das Haus von Gadi Moses im Kibbuz Nir Oz. Sie dringen in den Schutzraum ein, in dem sich Moses, seine Lebensgefährtin Efrat Katz sowie deren Tochter und zwei Enkelinnen verschanzen. Moses, damals 79 Jahre alt, aber immer noch ein großer und kräftiger Mann, stellt sich schützend vor seine Familie. Drei Männer packen ihn. Zwei bedrohen ihn mit Waffen, einer mit einem Messer.

Die Terroristen zwingen Moses auf ein Motorrad und verschleppen ihn in den Gaza-Streifen, der weniger als zwei Kilometer vom Kibbuz Nir Oz entfernt liegt. Später werden auch seine Familienmitglieder als Geiseln genommen. Seine Lebensgefährtin Efrat stirbt auf dem Weg in den Gaza-Streifen, als ein israelischer Kampfhubschrauber das Fahrzeug der Terroristen beschießt. Der Pilot hatte nicht sehen können, dass sich auf dem Wagen auch Geiseln befanden. Heute hängt ein großformatiges Foto von Efrat in Moses’ Wohnzimmer.

„Es ist nicht einfach. An manchen Tagen geht es mir besser, an anderen wieder schlechter“, sagt Moses und nimmt eine gerahmte Urkunde von einer Vitrine. Vermummte Terroristen haben sie ihm am Tag seiner Freilassung überreicht. Ausgestellt und mit Stempeln versehen wurde das Dokument vom Kommando der Izz-ad-Din-al-Qassam-Brigaden, dem militärischen Arm der Hamas.

Als „Datum der Freilassung“ ist der 30. Januar 2025 vermerkt. Diese erfolge „im Rahmen des Prozesses eines Gefangenenaustauschs“. Die Wortwahl ist bemerkenswert. Die gewaltsame Geiselnahme eines betagten Mannes wird von der islamistischen Terrororganisation propagandistisch als „Gefangennahme“ verklärt.

Moses quittiert die zynische Urkunde mit einem Lächeln und stellt sie zurück auf die Vitrine. 482 Tage seines Lebens haben ihm die Terroristen genommen. „Plötzlich wird dir jedes Recht geraubt. Du darfst nicht essen, wann du willst, du darfst nicht duschen, du darfst dich nicht bewegen.“ Moses bekommt während seiner Geiselhaft oft 24 Stunden lang keine Nahrung, danach nur trockenes Pita-Brot. Er verliert viel Gewicht. Immer wieder geben ihm die Terroristen das Gefühl, dass sie ihn bald töten werden.

Gadi Moses wird im Januar 2025 in Chan Junis im südlichen Gaza-Streifen von Terroristen an Mitarbeiter des Roten Kreuzes übergeben

Die meiste Zeit verbringt er in einem Raum, der nur etwa vier Quadratmeter groß ist. Etwa 70 Tage wird er vollkommen allein in einer dunklen Wohnung eingesperrt. Wenn ihm Essen hineingestellt wird, spricht niemand mit ihm. Fast die gesamte Zeit ist er isoliert von anderen israelischen Geiseln. Die Einsamkeit setzt ihm schwer zu.

„Die größte Herausforderung ist die Traurigkeit. In dieser Situation musst du dich entscheiden: Bin ich voller Hoffnung oder bin ich tot? Ich habe mich für den positiven Weg entschieden.“ Moses führt im Kopf Gespräche mit seiner Familie, löst Mathematikaufgaben. Auch wenn sein Verlies noch so winzig ist, läuft er hunderte Male auf und ab, um sich fit zu halten.

Freiwillige Helfer aus Deutschland

Jetzt sitzt er gelenkig wie ein junger Mann im Schneidersitz auf einem Sessel im Wohnzimmer seines neuen Hauses. Erst vor wenigen Tagen ist er hier eingezogen. Obwohl der Kibbuz Nir Oz für immer mit den Geschichten der 47 getöteten Bewohner und der 76 verschleppten Geiseln verbunden sein wird, wollte Moses unbedingt hierher zurückkehren. „Ich kann mir kein anderes Zuhause vorstellen. Ich lebe seit 64 Jahren hier, habe jeden Baum wachsen sehen. Mein größtes Ziel ist es, Nir Oz wieder aufzubauen.“

Gadi Moses wird nach seiner Freilassung im Ichilov-Krankenhaus in Tel Aviv von Angehörigen in die Arme geschlossen

Unterstützt wird er dabei von Petra Hemming aus Bergisch Gladbach. Sie ist heute zu Besuch, um sich Moses’ neues Haus anzusehen und hat auf dem Sofa neben ihm Platz genommen. Immer wieder kommt Hemming mit Gruppen von freiwilligen Helfern aus Deutschland nach Nir Oz, um mit anzupacken.

„Als wir knapp ein Jahr nach dem 7. Oktober zum ersten Mal nach Nir Oz kamen, war der Kibbuz noch immer militärisches Sperrgebiet. Wir brauchten eine Sondergenehmigung, um hier arbeiten zu können“, erinnert sich Hemming. Die meisten Häuser sind komplett oder teilweise zerstört. Die Terroristen setzten sie gezielt in Brand, auch wenn sich noch Menschen darin befanden. „Am meisten schockiert hat mich der Geruch. Es roch noch überall nach Feuer, nach Asche.“ Die Freiwilligen räumen tonnenweise Schutt weg.

Die Arbeit ist vor allem emotional belastend. Einmal kehrt Hemming die Straße vor dem Haus der Familie Bibas. Die hier früher lebende Shiri und ihr vierjähriger Sohn Ariel sowie das erst neun Monate alte Baby Kfir wurden entführt und im Gaza-Streifen von der Hamas ermordet. „Vor ihrem Haus fand ich eine Babysocke. Dieser Anblick lässt mich bis heute nicht los“, erzählt Hemming.

Petra Hemming aus Bergisch Gladbach hilft beim Wiederaufbau des Kibbuz Nir Oz

Neunmal ist die 62-Jährige für die Wiederaufbau-Aktionen nach Nir Oz gereist, für jeweils drei Wochen. Sie fühlt sich Israel verbunden, seitdem sie zum ersten Mal als Austauschschülerin ins Heilige Land kam. Nach dem 7. Oktober wollte sie ihre Solidarität nicht nur mit Worten zeigen, sondern mit Taten, gründete dafür den Verein Solidaritätspartnerschaft Bergisch Gladbach – Nir Oz. Rund 100 freiwillige Helfer aus ganz Deutschland haben sich angeschlossen, von der Schülerin bis zum Rentner, vom Musiker bis zum Hafenarbeiter. Hemming selbst arbeitet in der Geschäftsführung eines Maschinenbauunternehmens.

„Was Petra und ihre Gruppen hier schaffen, ist unglaublich“, sagt Moses. „Dank ihrer Hilfe konnten wir vor kurzem den gemeinschaftlich genutzten Pool wiedereröffnen. Das ist ein weiterer kleiner Schritt zurück zur Normalität.“

Welche Bedeutung hat es für Moses, dass die Helfer ausgerechnet aus Deutschland kommen? „Mein Vater wurde in Treysa geboren. Als er mit meinem Großvater 1935 über die Straße lief, wurde mein Großvater von Nazis mit Steinen beworfen und getötet. Daraufhin wanderte meine Familie aus. Das ist Geschichte. Wir müssen uns daran erinnern, aber jetzt sind wir eine neue Generation.“

Moses besitzt neben der israelischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft, hatte früher beruflich oft in Deutschland zu tun. Als Agronom war er Spezialist für Bewässerungsmethoden und beriet deutsche Kartoffelbauern. In Nir Oz war er lange für die Landwirtschaft des Kibbuz verantwortlich. Um zu zeigen, wie Nir Oz wieder aufersteht, nimmt er uns im Auto mit hinaus auf die Felder.

Als uns ein Traktor entgegenkommt, hält er an und fachsimpelt kurz mit den Landarbeitern. Mit der Begeisterung eines kleinen Jungen geht Moses auf die Knie und gräbt mit den Händen eine Erdnuss aus der Erde. Er bricht sie auf und kostet. „Noch ist der Feuchtigkeitsgehalt zu hoch, aber bald können wir sie ernten“, sagt er zufrieden.

Kritik an Netanjahu

Wir fahren weiter zu einem Rosmarinfeld. Direkt dahinter verläuft der Grenzzaun. „Genau an dieser Stelle haben sie mich in den Gaza-Streifen verschleppt“, sagt Moses und hält einen Moment inne. Wie denkt er über den Vorwurf an die Regierung Netanjahu, Warnhinweise auf einen Überfall nicht ernst genommen zu haben?

„Als ich hier auf diesem Motorrad saß, fühlte ich mich von der Regierung betrogen. Ich war immer ein rechtschaffender Bürger und habe im Militär gedient, aber die Regierung hat mich nicht beschützt. Und selbst heute will Netanjahu nicht unabhängig untersuchen lassen, wie es dazu kommen konnte.“ Die möglichen Versäumnisse von Regierung und Sicherheitsapparat dürften bei den im Oktober anstehenden Knesset-Wahlen ein wichtiges Thema für viele Wähler sein – es ist die erste Parlamentswahl in Israel seit dem Angriff vor rund drei Jahren.

Der Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wird vorgeworfen, Warnsignale im Vorfeld der Terrorattacke nicht ernst genommen zu haben. Netanjahu weist die Anschuldigungen zurück und lehnt die Einrichtung einer unabhängigen staatlichen Untersuchungskommission ab.

Andere haben indes Konsequenzen gezogen. Im Januar 2025 kündigte der Generalstabschef der israelischen Streitkräfte, Herzi Halevi, seinen Rücktritt mit Verweis auf „das Versagen der israelischen Armee am 7. Oktober“ an. Immerhin Halevi habe Verantwortung übernommen, so Moses. „Er kam zu mir und hat sich persönlich bei mir entschuldigt.“

Gadi Moses mit seinen Kindern, kurz nach seiner Rückkehr nach Israel

Moses führt uns auf den Friedhof von Nir Oz. Petra Hemming und ihre freiwilligen Helfer haben ihn in wochenlanger Arbeit wieder hergerichtet. Moses bleibt vor dem Grab seiner Lebensgefährtin Efrat stehen. „Es ist nicht einfach“, sagt er wieder und geht langsam weiter. Nach wenigen Metern lässt er sich auf einem Stuhl vor einem Grab nieder, auf dem fünf Steine liegen. Bunte Windräder stecken in der Erde und ein kleiner Spielzeugtraktor. Es ist das Grab der Familie Siman Tov.

Am 7. Oktober drangen Terroristen in ihr Haus ein und schossen durch die Tür des Schutzraumes. Die Eltern Yonatan und Tamar verbluteten. Dann setzten die Terroristen das Haus in Brand. Die sechsjährigen Zwillinge Shachar und Arbel sowie der vierjährige Omer erstickten am Rauch.

„Wir können erst heilen, wenn wieder kleine Kinder durch die Straßen von Nir Oz laufen“, sagt Moses nach einer Weile. „Noch kehren nur die Älteren zurück. Die Eltern haben Angst, ihre Kinder in der Nähe des Gaza-Streifens großzuziehen. Sie denken, dass sich der 7. Oktober wiederholen könnte. Was soll ich ihnen da sagen?“

Jan Philipp Burgard ist Axel Springer Global Reporter für den Nahen Osten.

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