In Zeiten der Verknappung dreht sich alles ums Geld. Floriert die Wirtschaft nicht, muss der Staat ausgleichen, was unseren Wohlstand zu gefährden droht. Doch Vater Staat schreibt bekanntermaßen selbst rote Zahlen und kämpft im Renten-, Pflege- und Sozialsystem gegen eine demografische Entwicklung an, die der jungen Generation kaum lösbare Probleme aufbürdet.
Der wahrgenommene Gegensatz wird schärfer: Was die einen im Überfluss haben, fehlt den anderen fürs tägliche Leben. 17,4 Billionen US-Dollar betrage der Börsenwert der Technologiekonzerne Amazon, Google, Microsoft, Nvidia und Meta, rechnet Chefredakteur Bernd Löhmann im Magazin „Die Politische Meinung“ vor. Solche Unsummen sind für die meisten Menschen unvorstellbar. Fast schon empört widmet die Zeitschrift aus der Konrad-Adenauer-Stiftung ihren aktuellen Schwerpunkt der Frage: „Geld. Geht es nur noch darum?“
Nun ja, ließe sich entgegnen – war es denn je anders? Mit Blick auf die deutschen Reformdebatten warnt Löhmann jedoch davor, der „zermürbende Streit um Kosten und Finanzierbarkeit“ könne die Stabilität der Demokratie gefährden.
Ob seine Warnung berechtigt ist oder nicht: Neu ist das Gefühl der ungleichen Verteilung nicht. Es prägt seit jeher die moderne Gesellschaft und nährt den Konflikt über geeignete Wirtschaftsmodelle. Inwieweit der Plattform-Kapitalismus der heutigen Zeit – für viele die Ursache des gegenwärtigen Übels – als „Neofeudalismus“ bezeichnet werden könne, untersucht Oliver Schlaudt, Professor für Philosophie und Politische Ökonomie, im „Merkur“.
Feudal scheint bei aller berechtigten Kritik an ungesteuerten Auswüchsen des Kapitalismus heute wenig zu sein, das betont auch Schlaudt. Gleichwohl sieht er in den so unterschiedlichen Systemen eine „Kontinuität in Ungleichheit und Ungerechtigkeit, die nur ihre historischen Kostüme und Formen wechselt“. Unter dem Regime der Tech-Milliardäre muss man freilich nicht lange nach Belegen dafür suchen. Den deutsch-amerikanischen Investor Peter Thiel führt Schlaudt etwa als Galionsfigur einer „Zeitenwende“ an, durch die der Kapitalismus den „Pakt mit der Demokratie“ aufgekündigt habe – aus seiner Sicht ein klares Indiz dafür, „dass wir den Feudalismus nie zur Gänze hinter uns gelassen hatten“.
Selbst wenn das zuträfe, bleibt allerdings eine zentrale Frage offen: Was wäre denn die Alternative zum Kapitalismus? Wohl kaum das andere Extrem. Denn wohin die vermeintlichen Segnungen planwirtschaftlicher Modelle führen, sollte selbst dem ärgsten Kapitalismuskritiker vor Augen stehen – erst recht, wenn er um den Fortbestand der Demokratie bangt.
Politikredakteurin Hannah Bethke ist bei WELT zuständig für die SPD und schreibt über innenpolitische Debatten.
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