Im Iran läuft eine verzweifelte Kampagne in den sozialen Netzwerken. Bürger veröffentlichen Videos ihrer alltäglichen Einkäufe, weisen darin auf die drastisch gestiegenen Preise hin und sagen: „Aber ich protestiere nicht, denn wenn ich protestiere, werde ich hingerichtet!“ Anschließend beginnen sie sarkastisch zu tanzen.
Hintergrund ist das rasante Tempo, mit dem das Regime seine Kritiker exekutiert. Human Rights Watch zufolge hat die Islamische Republik in weniger als sechs Monaten 59 politische Gefangene hingerichtet. Drei Fälle standen demnach im Zusammenhang mit den Protesten der „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung. Mehrere der Getöteten waren 18 oder 19 Jahre alt, fünf wurden öffentlich hingerichtet. Insgesamt wurden im Iran nach Angaben der norwegischen Organisation Iran Human Rights zwischen Anfang Januar und Ende September dieses Jahres mindestens 600 Menschen hingerichtet.
Die Gewalt des Regimes gegen alle, die es kritisieren, seine harschen Gesetze missachten oder auch nur als nicht vollkommen loyal erscheinen, ist jedoch längst Teil des Alltags geworden. Es häufen sich Berichte über tödliche und lebensgefährliche Angriffe auf oppositionelle Bürger durch Anhänger der Islamischen Republik – nach Darstellung der Betroffenen mit Rückendeckung aus Sicherheitskreisen. WELT veröffentlicht hier erstmals einige dieser Berichte.
Von einem Auto gerammt
Amir*, ein 29 Jahre alter Mann aus Teheran, erzählt von einer beängstigenden Erfahrung mit Anhängern des Regimes. Eines Nachts fuhr er wie gewöhnlich mit dem Motorrad von der Arbeit nach Hause, als ihm die Fahne eines Autos von Regimeanhängern ins Gesicht schlug.
„Er hatte die Fahne aus dem Autofenster gehalten und mir damit ins Gesicht geschlagen“, sagt Amir. „Ich protestierte und sagte: Das hier ist eine Autobahn, hier sieht dich niemand, der dir dafür Geld gibt.“
Viele Bürger sind überzeugt, dass Regimeanhänger für ihre nächtlichen Versammlungen oder Autokonvois, die jeden Abend auf zentralen Plätzen und Straßen stattfinden, Geld oder andere Vergünstigungen erhalten. Offenbar reichte dieser eine Satz Amirs aus, damit der Fahrer des Wagens ihn rücksichtslos attackierte.
„Ich gab Gas und fuhr weiter“, erzählt Amir. „Etwa einen Kilometer später sah ich, dass ein Auto Lichthupe gab und mich zum Anhalten bringen wollte. Als es neben mir war, zog der Fahrer das Lenkrad herum und rammte mich. Ich konnte das Gleichgewicht nicht halten, das Motorrad drehte unter mir weg, ich wurde durch die Luft geschleudert und fiel mit dem Gesicht auf den Asphalt. Ich wurde bewusstlos, das Auto fuhr davon.“
Amir überlebte den Angriff, doch sein Körper ist schwer gezeichnet: Risse und Abschürfungen an Gesicht, Händen und Beinen, 28 Stiche an verschiedenen Körperstellen, darunter im Mund und neben dem Auge, der Verlust von 50 Prozent der Sehkraft auf einem Auge sowie Taubheitsgefühle am Schädel, weshalb Ärzte ihm keine Schmerzmittel verschreiben. Vier Zähne auf der rechten Seite sind gebrochen, acht Zähne im Oberkiefer haben sich verschoben und sind gegen den Gaumen gedrückt.
Mit schwacher Stimme sagt Amir: „Auch nach 20 Tagen kann ich noch nicht essen. Mein Mund brennt, ich kann nur Süßes zu mir nehmen. Becken und Knöchel tun weh, und ich habe Schwierigkeiten zu schlafen.“
Das sind nur die körperlichen Folgen. Denn nun fragt sich Amir, ob er sich jemals wieder ohne Angst durch die Straßen bewegen kann. Zumal der Täter unbehelligt blieb: Die Polizei habe nicht einmal versucht, mithilfe der Verkehrskameras das Kennzeichen des angreifenden Autos zu ermitteln, so Amir.
Auf der Straße zusammengeschlagen
Shoureh*, 52 Jahre alt, ist ein weiteres Opfer. Im vergangenen Monat ging sie im Stadtteil Nezamabad an einer regierungsnahen Versammlung vorbei, als sie bemerkte, dass Frauen in Tschadors mit religiösen Fahnen und geballten Fäusten ihr wütend Parolen entgegenriefen.
„Sie nennen die Menschen verräterische Vaterlandsverkäufer“, sagt Shoureh. „Ich ging nur dort vorbei. Ich trug sogar Hidschab. Sonst habe ich ihnen immer spitze Bemerkungen zugerufen, aber an diesem Tag sagte ich gar nichts und ging einfach weiter.“
Einige Straßen weiter näherte sich ihr ein Motorrad mit zwei Männern. Die Männer trugen Stiefel und schwarze Masken. Ohne ein Wort griffen sie Shoureh an und schlugen sie mit einem Schlagstock. Die Zahnkrone in ihrem Mund zerbrach, ihr Gesicht und ihr linkes Auge wurden verletzt. Seitdem stottert sie. Ihr Mobiltelefon zerstörten die Angreifer mit Fußtritten.
Mitglieder der paramilitärischen Bassidsch in Teheran im September 2026Shourehs Familie berichtet, man habe ihnen auf der Polizeiwache, wo sie Anzeige erstatten wollten, gesagt, es habe bereits ähnliche Vorfälle innerhalb einer Woche gegeben. Man könne nichts für sie tun, erklärten die Polizisten, und weigerten sich, die Überwachungskameras in der Umgebung des Tatorts zu überprüfen.
Angriff auf Motorradfahrerinnen
Im vergangenen Monat teilte der Polizeikommandeur der Provinz Isfahan mit, innerhalb von vier Monaten seien in der Provinz 18 Motorradfahrerinnen ums Leben gekommen. In der Islamischen Republik ist das Motorradfahren für Frauen verboten, bei einem Unfall erhalten sie weder rechtlichen Schutz noch Versicherungsleistungen oder eine gesetzliche Entschädigung.
Dennoch steigen immer mehr iranische Frauen, die seit der „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung von 2022 für ihre Rechte kämpfen, trotz des Verbots und trotz der Weigerung des Staates, ihnen Führerscheine auszustellen, auf Motorräder.
Selbst wenn man annimmt, dass solche Angriffe nicht von staatlichen Akteuren ausgehen, sondern eigenmächtig von gewaltbereiten Einzelpersonen, bleibt die Frage, warum Polizei und Ermittler meist untätig bleiben.
Manche Bürger glauben angesichts der Zahlen aus Isfahan nicht an Zufall. Sie sind überzeugt, dass Motorradfahrerinnen gezielt angegriffen werden. „Ich sage es mit voller Überzeugung: Die Anhänger des Regimes haben den Auftrag, jede Motorradfahrerin, egal wie sie gekleidet ist, anzufahren und zu Fall zu bringen. Denn diese Frauen sind dem Regime ein Dorn im Auge“, sagt ein Aktivist.
Jagd auf einen rosaroten Roller
Tara*, eine 38 Jahre alte Frau, fährt einen rosafarbenen Motorroller. Zunächst hatte sie Sorge, die Schilderung ihres eigenen Unfalls könne andere Fahrerinnen in Angst versetzen. Inzwischen ist sie überzeugt: „Man muss Frauen und die anderen Menschen in der Stadt warnen, damit sie wachsam sind und einer Motorradfahrerin helfen, wenn sie angegriffen wird.“
Für Regimeanhänger offenbar Freiwild: Frauen in Teheran auf einem MotorrollerIn der vergangenen Woche war Tara an einem Morgen mit ihrem Roller auf dem Weg zur Arbeit, als ihr ein Kleinwagen verdächtig vorkam. „Die Straße war leer, und ich sah, wie mich der Fahrer des Autos auf der Gegenfahrbahn anstarrte“, sagt sie. „Es war ein bärtiger Mann, 47 oder 48 Jahre alt. Im Spiegel meines Rollers sah ich, wie er schnell wendete und sich mir näherte.“
Weil sie langsam und am Straßenrand fuhr, sei ihr nicht einmal für einen Moment in den Sinn gekommen, dass er sie rammen könnte. „Plötzlich merkte ich, wie mein Roller stark erschüttert wurde, und ich fiel mitten auf die Straße. Ein männlicher Motorradfahrer fuhr von hinten auch noch in mich hinein. Der Wagen, der mich gerammt hatte, verlangsamte seine Fahrt. Als der Fahrer sicher war, dass ich gestürzt war, gab er Gas und floh.“
Nach Taras Angaben eilten sofort Menschen herbei, um ihr zu helfen. Sie sagt, Zeugen des Vorfalls seien überzeugt gewesen, dass der Autofahrer sie absichtlich angefahren habe. Dass jemand es wage, am helllichten Tag auf offener Straße einen solchen Zusammenstoß zu verursachen und anschließend zu fliehen, bedeute, dass er keine Angst vor rechtlichen Folgen habe.
„Ich bin nicht paranoid“, sagt Tara. „Die Zahl der Angriffe von Regimeanhängern auf Menschen und besonders auf Motorradfahrerinnen ist so stark gestiegen, dass man solche Fälle nicht mehr als gewöhnliche Unfälle betrachten kann.“
Taras Roller wurde erheblich beschädigt. Auf ihren Beinen und an ihrer Schulter sind großflächige Wunden und Blutergüsse zu sehen. Aber sie hatte Glück im Unglück. „Der Schläfenbereich des Helms ist gebrochen. Ohne Helm wäre mir sicher etwas Schlimmes passiert. Die Haut an meiner Hand wurde aufgerissen, meine Kleidung zerriss. Als meine Familie mich in diesem Zustand sah, war sie sehr besorgt.“
Für Tara und andere Frauen, denen Ähnliches widerfahren ist, entsteht damit ein neues Problem. Tara sagt, ihre Familie und besonders ihr Mann hätten versucht, sie vom Rollerfahren abzubringen. Aber sie lehnte das ab. Für die Mitglieder ihrer Familie bedeutet das ständige Angst – nun schreiben sie ihr ständig Nachrichten, sobald sie das Haus verlässt, und erkundigen sich nach ihrem Befinden.
„Motorradfahren ist für mich und andere Frauen ein Recht, für das wir gekämpft und Blut vergossen haben“, sagt Tara. „Wir dürfen vor dem Regime nicht zurückweichen.“
*Die Namen in diesem Text sind aus Sicherheitsgründen geändert. Der Autor ist der Redaktion namentlich bekannt, schreibt aus Sicherheitsgründen aber anonym.
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