Oberst Markus Reisner sieht die Ukraine angesichts der wachsenden Spannungen mit den USA in einer zunehmend prekären Lage. Das Verhältnis zwischen Washington und Kiew sei zuletzt „sehr turbulent“ gewesen, sagte der österreichische Militärexperte im Interview mit dem Nachrichtensender N-tv. Für die Ukraine wachse damit die Unsicherheit über die Verlässlichkeit ihrer Verbündeten: „Sie weiß nicht, auf wen sie sich verlassen kann“, analysierte Reisner.
Wie sehr sich die Spannungen mit Washington inzwischen auf die militärische Lage der Ukraine auswirken könnten, zeigen die jüngsten Auseinandersetzungen um Waffenlieferungen, Geheimdienstinformationen und den Satellitendienst Starlink.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte der US-Regierung eine verzögerte Lieferung bereits bezahlter Abfangraketen vorgeworfen. Die Raketen seien von europäischer Seite im Rahmen des Purl-Programms „bereits bezahlt“ worden, sagte Selenskyj am Montag vor US-Senatoren. Über den sogenannten Purl-Mechanismus können die Nato-Länder und ihre Verbündeten Waffenpakete für die Ukraine in den USA kaufen. Für eine Lieferung stehe noch die Unterschrift von US-Kriegsminister Pete Hegseth aus, sagte Selenskyj.
Oberst Markus Reisner, Offizier des österreichischen BundesheersZudem warteten europäische Staaten, die bereit seien, Patriot-Abfangraketen aus ihren Beständen an die Ukraine zu liefern, auf eine Genehmigung der USA. „Die Raketen sind einsatzbereit. Sie könnten bereits in der Ukraine sein. (...) Aber leider ist die Genehmigung noch immer nicht erteilt worden“, sagte Selenskyj nach Angaben des ukrainischen Präsidialamts. „Dies alles legt nahe, dass eine politische Entscheidung getroffen wurde, um die Unterstützung für uns zu verlangsamen.“
Selenskyj hatte am Sonntag mit den US-Gesandten Steve Witkoff und Jared Kushner über die Lieferung von Patriot-Luftverteidigungssystemen gesprochen. Die Ukraine hat zunehmend Schwierigkeiten, russische Raketen abzuwehren.
Auch bei US-Geheimdienstinformationen beklagte Selenskyj Einschränkungen. Die ukrainische Armee habe während russischer Angriffe mit ballistischen Raketen „drei Tage lang“ keinen Zugriff auf entsprechende Informationen gehabt, was sein Land geschwächt habe. US-Außenminister Marco Rubio wies die Vorwürfe zurück.
Besonders schwer dürfte aus der Sicht von Oberst Reisner vor diesem Hintergrund ein Friedensschluss zu akzeptieren sein, der mit einer weitgehenden Abrüstung der Ukraine verbunden wäre. Kiew habe seine Bedingungen in einem 20-Punkte-Plan festgehalten. Dazu gehörten ein Nichtangriffspakt mit Russland, Sicherheitsgarantien durch Verbündete sowie eine 800.000 Mann starke ukrainische Armee. Müsse Kiew darauf verzichten, werde ein Kompromiss nur schwer zu erreichen sein. Reisner warnt allerdings auch vor einem Szenario, in dem die Ukraine militärisch keine Wahl mehr hätte: „Wenn die Ukraine am Ende der Kräfte sein sollte, könnte Russland ihr die Kapitulation aufzwingen.“
Mit großer Sorge blickt Reisner deshalb auf den bevorstehenden Winter. Russland versuche, die „Lebensadern der Städte abzuschneiden“ und diese zu entvölkern. Gleichzeitig wirkten die Zerstörungen der vergangenen Winter nach. Schon jetzt zeichne sich ab, dass die kommenden Monate für die Ukraine extrem schwierig würden. Entscheidend sei, ob das Land noch über genügend Ressourcen verfüge, um den russischen Angriffen standzuhalten.
Doch nicht nur die Ukraine gerät nach Reisners Einschätzung unter Zeitdruck. „Derzeit läuft beiden Seiten die Zeit davon“, sagt der Oberst. Auch Russland könne die ukrainischen Angriffe nicht unbegrenzt verkraften. Zugleich erhöhe Moskau mit Drohnen, Marschflugkörpern und ballistischen Raketen massiv den Druck auf die Ukraine. Sollten die Angriffe in dieser Intensität weitergehen, sei es „sehr schwer, sich vorzustellen, wie die Ukraine diesen Winter überstehen soll“.
An der Front selbst sieht Reisner derweil weiterhin eine Pattsituation. Seit Monaten gelinge keiner Seite ein entscheidender Durchbruch. Auch die russische Sommeroffensive habe kein nachhaltiges Ergebnis gebracht. Deshalb verlagerten beide Seiten die Eskalation zunehmend auf die strategische Ebene und setzten verstärkt auf Luftangriffe.
Für Reisner deutet das darauf hin, dass der Krieg eine entscheidende Wegmarke erreicht: „Wir erleben eine entscheidende Phase des Krieges.“ Man nähere sich einem „Kulminationspunkt“.
Ukrainische Offizielle äußerten derweil den Verdacht, dass die USA trotz Dementis der Trump-Regierung die Weitergabe von Geheimdienstinformationen an Kyjiw zeitweise einschränken. Dadurch könnten russische Geschosse die Ukraine ohne Vorwarnung treffen. Das sei auch bei einem Angriff mit ballistischen Raketen am Sonntag der Fall gewesen, hieß es.
Nach Angaben von mit der Angelegenheit vertrauten Personen gehen die Ukrainer davon aus, dass die Trump-Regierung den Informationsaustausch reduziert hat. Dadurch seien Raketen bei einer ersten Angriffswelle durchgekommen. Später am Abend sei das Frühwarnsystem für eine zweite Angriffswelle wieder aktiviert worden.
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