Im Senate State Club von Washington ist die Lage so ernst, dass selbst ein Mann, der gewöhnlich schneller zieht als sein Schatten, zunächst nur zuhört. Senator Wax hat Lucky Luke zu sich gebeten: Er soll den republikanischen Präsidentschaftskandidaten Rutherford Birchard Hayes als Leibwächter auf einer Wahlkampfreise in den Westen begleiten. „Ich flehe Sie an“, sagt Wax, „unsere Demokratie steht auf dem Spiel.“

In nur wenigen Panels lässt Zeichner Achdé zuvor in „Der Mann aus Washington“ (2008) ein Land im politischen Erschöpfungszustand entstehen. Der Sezessionskrieg ist vorbei, Abraham Lincoln ermordet, sein Nachfolger Andrew Johnson gescheitert. Ulysses S. Grant, ruhmreicher General der Union, regierte zwei Amtszeiten, doch zahlreiche Skandale erschütterten das Vertrauen in Washington.

Bei der Wahl von 1876 setzt der Senate State Club deshalb auf zwei redliche Männer: den Demokraten Samuel Tilden und den Republikaner Hayes. Das ist keine Fiktion: Die historischen Skandale der Grant-Regierung beschädigten tatsächlich das Ansehen der Präsidentschaft und der Republikanischen Partei, obwohl Grant selbst als ehrlich galt.

Dass die Demokratie im Comic ihren Retter ausgerechnet in einem einsamen Cowboy sucht, der mit seinem Pferd sprechen kann, gehört zu den schönsten politischen Pointen der Serie. Luke besitzt kein Amt, gehört keiner Partei an, hat nicht einmal einen festen Wohnsitz. Braucht Washington einen unbestechlichen Sonderbeauftragten, wird der Mann gerufen, der nach getaner Arbeit den Sonnenuntergang ansteuert.

„Der Mann aus Washington“ treibt diese Rolle am weitesten. Hayes will nicht in der Hauptstadt warten, sondern per Zug durch das Land fahren und um Stimmen werben. Sein fiktiver innerparteilicher Rivale Perry Camby, Sohn eines texanischen Ölmagnaten, versucht, die Reise mit Geld, Intrigen und Anschlägen zu stoppen. Achdé gab diesem Gegner die Züge von George W. Bush. Die Arbeit an dem Album fiel in die Zeit des Irak-Kriegs. Bush habe damals „einen prima Bösewicht“ abgegeben, sagte der Zeichner, wobei die Schurken bei Lucky Luke eher Trottel als dämonische Verbrecher seien.

„Der Mann aus Washington“

Hayes war Gegner der Sklaverei, Bürgerkriegsoffizier und wurde später der 19. Präsident der USA. Im Comic verspricht er, Nord und Süd wieder zusammenzuführen und die Politik gegenüber den Ureinwohnern zu verändern. Luke hört ihm zu und sagt einen für diesen sonst so wortkargen Helden erstaunlichen Satz: „Wenn Sie wirklich tun, was Sie da versprechen, werden Sie mich mit der Politik versöhnen.“ Luke schützt nicht die Macht als solche, sondern die Aussicht, dass sie anständig ausgeübt werden könnte.

Achdé wählte Hayes nach eigener Aussage, weil dieser nur eine Amtszeit angekündigt und Wort gehalten habe. Zudem habe er Politik für die Ureinwohner gemacht. „Unterm Strich war er ein anständiger Präsident“, so der Zeichner. Das historische Urteil fällt etwas weniger glatt aus: Hayes’ Regierung behandelte die indigene Bevölkerung nicht als gleichberechtigten Partner, sondern wollte sie nach den Vorstellungen der Weißen erziehen und in deren Lebensweise eingliedern.

Zwar setzte Hayes die unter Grant begonnene Friedenspolitik fort und stoppte in einzelnen Fällen Umsiedlungen ins Indianerterritorium. Doch unter seiner Regierung wurden die Ponca zunächst gewaltsam vertrieben; Hayes erkannte das Unrecht später an und bemühte sich um Entschädigung. Er versuchte außerdem, die Interessen der schwarzen wie der weißen Bevölkerung gleichermaßen zu schützen.

Ernste Themen gepaart mit der humoristischen Essenz von Lucky Luke

Die Serie nimmt Geschichte nicht als Kulisse, sondern als Konfliktstoff. In „Der Mann aus Washington“ rettet Luke einen schwarzen Musiker vor einem Lynchmob, und der Wahlkampf führt durch ein Land, das den Bürgerkrieg noch lange nicht überwunden hat. Achdé beschreibt sein Verfahren so: Man könne ernste Themen aufgreifen, sie karikieren und dennoch die humoristische Essenz von Lucky Luke bewahren.

Washington hat Luke schon früher entdeckt. In „Die schwarzen Berge“ (1963) beauftragt ihn der Senat, vier weltfremde Wissenschaftler in das kaum erforschte Wyoming zu eskortieren. Die Gelehrten sollen klären, ob sich das Gebiet zur Besiedlung eignet. Senator Stormwind lässt die Expedition sabotieren: Lieber verhindert er Forschung, als seine Interessen zu gefährden.

In „Der Großfürst“ (1973) wird Luke nach Washington gerufen, um Außenpolitik auf Pferderücken zu betreiben. Der russische Großfürst Leonid will ein Handelsabkommen erst unterzeichnen, wenn er den Wilden Westen erlebt hat, den er aus Abenteuerromanen kennt. Luke soll den Staatsgast als Führer und Leibwächter durch die Prärie bringen. Die Mission wird zur diplomatischen Erlebnisbetreuung, erschwert durch Leonids Wunsch nach echten Banditen- und Indianerüberfällen.

„Der singende Draht“

Auch der technische Aufbau des Landes braucht ihn. In „Der singende Draht“ (1977) gibt Lincoln den Anstoß für eine transkontinentale Telegrafenleitung. Zwei Bautrupps sollen von Carson City und Omaha nach Salt Lake City vorstoßen. Luke schützt das Projekt vor Sabotage. Er bewacht jene Drähte, die das riesige Land erstmals beinahe in Echtzeit verbinden sollen.

Am dunkelsten erscheint Washington jedoch in „Lucky Luke gegen Pinkerton“ (2010). Der Detektiv und Geheimdienstpionier Allan Pinkerton errichtet darin ein flächendeckendes Netz aus Agenten, Karteien und Spitzeln. Seine Detektei verspricht Sicherheit durch totale Erfassung; kleinste Vergehen führen ins Gefängnis. Als das Album 2010 erschien, wurde über Wikileaks und Julian Assange gestritten. Für Achdé war die Geschichte mehr als eine historische Burleske: Es ging um Überwachung, Denunziation und die Versuchung des Staates, Freiheit im Namen der Sicherheit abzuschaffen. Luke verkörpert das Gegenmodell: Er sorgt für Ordnung ohne Apparat und Datenspeicher.

Lincoln sieht das zunächst anders. Er dankt dem Cowboy im Namen der Nation für dessen große Verdienste – und schickt ihn in den Ruhestand, um die Sicherheit lieber in die Hände von Pinkerton zu geben. Der Irrtum der Politik: Sie glaubt, moralische Autorität pensionieren und durch einen Sicherheitsdienst ersetzen zu können.

„Lucky Luke gegen Pinkerton“

Aber Lucky Luke lässt sich nicht stilllegen. Seit seinem ersten Auftritt 1946 durchquert er die amerikanische Geschichte, ohne dabei älter zu werden. Nun wird der Cowboy 80, und Washington dürfte ihn weiterhin brauchen. Präsidenten wechseln, Senatoren intrigieren, Geheimdienste sammeln Daten – der Mann ohne Amt reitet weiter. Gerade weil er keiner Institution angehört, kann er sie retten.

Dieser Beitrag stammt aus der großen Lucky-Luke-Sonderausgabe der WELT AM SONNTAG anlässlich des 80. Geburtstags des berühmten Comics. Sie können dieses einzigartige Sammlerstück gern hier bestellen.

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