Das Familienoberhaupt hat den Erstgeborenen ausgewählt. Als die brasilianische Rechte vor ein paar Monaten entscheiden musste, wer gegen Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva (80) in ein damals scheinbar aussichtsloses Rennen um die nächste Präsidentschaft gehen sollte, sprach Jair Bolsonaro (71) aus der Haft heraus ein Machtwort.

Flávio Bolsonaro (45), der erstgeborene Sohn des wegen eines Putschversuchs verurteilten Ex-Präsidenten, soll die Familie zurück an die Macht führen. Chancen hatte sich auch Jairs Ehefrau Michelle Bolsonaro (44) ausgerechnet. Vergeblich.

Wochenlang führte der Linkspopulist Lula da Silva die Umfragewerte stabil an. Dabei half ihm unter anderem ein Skandal um Verbindungen eines Bankers zu Flavio Bolsonaro, der gut zehn Millionen Euro für einen Dokumentarfilm über seinen Vater gezahlt hatte, wobei unklar blieb, wo das Geld am Ende gelandet war.

Lula gegen Bolsonaro: Wahlplakate in Rio

Doch dann krachten auch zwei Skandale in Lulas Lager: Schwere Korruptionsvorwürfe einerseits gegen seinen Sohn „Lulinha“ und andererseits gegen jenen Richter, der Ex-Präsident Bolsonaro hinter Gitter geschickt hatte. Flávio Bolsonaro holte auf und gewann entgegen allen Umfragen den ersten Durchgang. Gelaufen ist das Rennen noch nicht.

Laut Umfragen liegen beide Kandidaten Kopf an Kopf. Weil die brasilianische Rechte dann künftig sowohl den Senat als auch die Kammer dominieren, scheuen sich allerdings einige Brasilianer, auch das dritte Machtzentrum in die Hände der Rechten zu legen. Eine solche Machtkonzentration hat es im demokratischen Brasilien noch nicht gegeben.

Flávio Bolsonaro steht für einen Politikentwurf, der aktuell in Lateinamerika sehr populär ist. Eine harte Law-and-Order-Politik mit neuen Gefängnissen, härteren Strafen und herabgesetzter Strafmündigkeit. Dazu gehört auch eine christlich-konservative Identität. „Wenn ich Präsident werde, wird einer meiner ersten Akte sein, per Dekret zu erklären, dass Brasilien dem Herrn Jesus Christus gehört“, ließ er wissen.

Die brasilianische Linke verbreitete daraufhin die millionenfach abgerufene Falschnachricht, Flavio Bolsonaro wolle die brasilianische Schutzpatronin „Nossa Senhora Aparecida“ entmachten. Es ist ein Thema, das die Menschen in Brasilien elektrisiert.

Bolsonaro dürfte wie der Freund der Familie, Argentiniens libertärer Präsident Javier Milei, mit der Kettensäge an den Regierungsapparat gehen. Lula dagegen hatte sich seine Zustimmung in der zersplitterten politischen Landschaft mit der Zusage erkauft, die Zahl der Ministerien und Staatsbediensteten in einer absurd wirkenden Höhe aufzustocken.

„Unter Bolsonaro würden die USA der wichtigste Verbündete Brasiliens werden. Donald Trump hat historisch eine enge Beziehung zur Familie Bolsonaro und so könnte der US-Präsident seinen Einfluss in Südamerika weiter ausbauen“, sagt Brasilien-Experte Hans-Dieter Holtzmann von der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung im Gespräch mit WELT.

Vorwürfe gegen Tech-Konzern Meta

In der laufenden letzten Woche des Wahlkampfs gab es Vorwürfe aus dem Lula-Lager, der US-Techkonzern Meta würde über seine sozialen Medien Bolsonaro bevorzugen. Sogar die Vereinten Nationen schalteten sich ein. Kritisch äußerte sich Bolsonaro zum südamerikanischen Handelsbündnis Mercosur, das seinem Land „Fesseln“ auferlegen und so für Brasilien günstigere bilaterale Handelsabkommen verhindern würde.

„Aber innerhalb von Südamerika wäre unter Bolsonaro eine Vertiefung der politischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit der zuletzt gewachsenen Zahl an Mitte-Rechts-Regierungen zu erwarten. Damit böte sich auch die Chance, Mercosur zu einem Binnenmarkt weiterzuentwickeln“, sagt Holtzmann.

Die Kolumnistin Roseann Kennedy der Zeitung „O Estadao“ nennt die Stichwahl am Sonntag die weltweit wichtigste Wahl im Jahr 2026 außerhalb der USA. Die geopolitischen Folgen sind weitreichend. Bolsonaro wird auch die BRICS-Mitgliedschaft auf den Prüfstand stellen.

Das Bündnis aus Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika würde gegen den US‑Dollar arbeiten, lautet sein Vorwurf. Vor allem für Peking, das die USA längst als wichtigsten Handelspartner Brasiliens abgelöst hat, wäre ein Richtungswechsel Brasílias ein schwerer Rückschlag.

„Traditionell bemüht sich Brasilien um eine offene Außenpolitik, das dürfte sich auch unter Bolsonaro nicht per se ändern, wenn auch mit anderen Akzenten und Schwerpunkten“, sagt Holtzmann. Vor allem in einem Punkt: Der evangelikale Christ Bolsonaro stellt sich klar hinter Israel, während Lula da Silva stets Sympathien für Palästina zeigte.

Ein von Bolsonaro-Anhängern in den sozialen Medien vorab verbreitetes, mit Künstlicher Intelligenz generiertes Bild von der Amtseinführung ist vielsagend. Zu sehen ist, wie Flavio Bolsonaro mit Präsidentenschärpe an der Seite seines Vaters Jair, Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, Argentiniens Staatschef Milei und US-Präsident Trump die Rampe zum Präsidentenpalast in Brasília hinaufschreitet.

Tobias Käufer ist Lateinamerika-Korrespondent. Im Auftrag von WELT berichtet er seit 2009 über die Entwicklungen in der Region.

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