Die Nato-Verbündeten verstärken Vorkehrungen für den Fall einer militärischen Konfrontation mit Russland im Baltikum. Entlang der Ostflanke werden dafür Abwehrstellungen ausgebaut, neue Drohnensysteme in Position gebracht und Vorbereitungen dafür geschaffen, den Alliierten an der Grenze zu Russland schnell beistehen zu können. Dabei ist mehr Tempo nötig, wie die Heeresspitzen aus Deutschland und den Niederlanden mit einem mehrtägigen Besuch im Grenzgebiet zu Russland deutlich machen.

Mehr als 70 Generale und führende Offiziere aus beiden Ländern – praktisch die gesamte aktuelle Militärführung der Landstreitkräfte Deutschlands und der Niederlande – haben seit Dienstag mögliche Brennpunkte an der Grenze zu Russland erkundet. Die weitgehend geheim vorbereitete Reise wird als beispiellos bezeichnet und soll demonstrieren, wie ernst es den europäischen Nato-Staaten mit der Beistandszusage ist.

„Wir haben alle die gemeinsame Überzeugung gewonnen, dass wir für den fight tonight noch schneller werden müssen, dass wir jeden Tag unsere Fähigkeiten verbessern müssen und dass wir nur so unserer großen Verantwortung gerecht werden können“, sagt der deutsche Heeresinspekteur Christian Freuding der Deutschen Presse-Agentur.

Der Generalleutnant erkundet zusammen mit seinem niederländischen Amtskollegen Jan Swillens mögliche Einsatzräume in Estland, Lettland und Litauen. In Litauen hat Deutschland schon die im Aufbau befindliche Panzerbrigade 45 stationiert. Seit Juli führt das Deutsch-Niederländische Corps zudem mögliche Nato-Landoperationen in Estland und Lettland.

Das Baltikum – vielen in Deutschland deutlich weniger vertraut als Italien oder Spanien – ist für die deutschen Landstreitkräfte damit Hauptverantwortungsraum geworden. Im Fall der Fälle sollen deutsche Soldaten schnell und in großer Zahl dorthin verlegt werden.

Die Verbündeten schauen nun genau hin

„Fight Tonight“ bezeichnet Einsatzkonzepte für die Reaktion auf einen überraschenden Angriff, den ein Gegner auch ohne umfangreich erkennbare Vorbereitungen starten kann. Militärplaner und Sicherheitsforscher beschäftigt die Frage, ob der russische Präsident Wladimir Putin einen solchen begrenzten Schlag gegen Nato-Gebiet beginnen könnte, gerade weil seine Truppen in der Ukraine kaum vorankommen.

Freuding sagt, er habe keine Indikatoren für dieses Szenario, halte es aber von den wissenschaftlich angeführten Argumenten her auch nicht für völlig unplausibel. Er verweist auf Überlegungen, ob Putin sich so ein potenzielles Faustpfand für politischen Druck auf die Nato-Partner verschaffen könnte, damit diese im Gegenzug für eine Beendigung dieses Vorstoßes auf Nato-Gebiet von der Unterstützung der Ukraine ablassen könnten.

„Die russischen Streitkräfte werden uns in diesem Raum voraussichtlich quantitativ überlegen sein“, sagt Freuding zur Lage im Baltikum. Seine eigene Truppe soll beim Aufbau schnell vorankommen. Die Schwachpunkte sind bekannt.

Freuding nennt die Abwehr von Bedrohungen aus dem bodennahen Luftraum, den elektromagnetischen Kampf mit Störsignalen sowie den Einsatz von Drohnen und unbemannten Systemen. Dazu kommt eine digitale Kommunikation mit KI-Unterstützung, um die Truppe zu führen. Nötig sei es auch, Waffen und Material schon im Baltikum bereitzuhalten („logistische Vorstationierung“) und mehr für die Durchhaltefähigkeit einer Bündnisverteidigung zu tun.

Als ganz wichtig gilt das sogenannte indirekte Wirken mit weitreichendem Feuer. Das Heer will mit preiswerteren Marschflugkörpern bis auf 1.500 Kilometer in feindliches Gebiet hinein den Aufmarsch und Nachschub des Gegners angreifen können. Es gilt als wahrscheinlich, dass dafür sowohl in der Ukraine als auch aus Produktion in Deutschland bestellt wird.

Freuding spricht auf Fragen aber nur von einer vertieften Marktsichtung. Ein wesentliches Auswahlkriterium werde sein, dass Waffensysteme schnell im Heer eingeführt werden können. Ein erfolgreicher Einsatz in der Ukraine („combat-proven“) könne ein weiterer Faktor sein.

Schützengräben und Bunker an der Grenze zu Russland

Entlang der Ostflanke bauen Estland, Lettland und Litauen die militärische Infrastruktur („Baltic Defense Line“) schon kräftig aus. Zu der Verteidigungslinie gehören militärische Sperren, Kommunikationslinien und die Stationierung von Drohnensystemen für Angriff, Abwehr und Aufklärung.

Ein möglicher Brennpunkt, in dem Russland eine Auseinandersetzung beginnen könnte, ist die estnische Grenzstadt Narva. Von den rund 52.000 Einwohnern sind etwa 87 Prozent russischstämmig, ohne dass es deswegen in dieser nordöstlichen Ecke des Baltikums bisher aber zu Spannungen gekommen wäre.

Auch unmittelbar an der Grenze zu Russland werden Gräben ausgehoben und neue Bunkeranlagen eingerichtet. Die Generale aus Deutschland und den Niederlanden bekommen dazu und zu den Vorbereitungen einen umfangreichen Lagebericht.

Es geht um „Tiefe“, also wie Aufmarschgebiete und Depots eines Gegners getroffen werden können. Es geht um „Nähe“, also wie der Kampf im direkten Feindkontakt geführt wird und wie es um die eigenen Nachschubwege oder auch die Kommunikation dabei steht.

Auch die Geländebeschaffenheit und die jahreszeitliche Witterung werden berücksichtigt und wie sie Angriff oder Verteidigung begünstigen könnten. Die Details müssen in jedem Fall geheim bleiben. Aus Lautsprechern spielen die estnischen Streitkräfte laut Musik der deutschen Band Rammstein ab. Die blecherne Geräuschkulisse soll auch einen Lauschangriff der Russen verhindern, deren Grenzposten wohl nur wenig mehr als 100 Meter entfernt ist.

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