Die Kugel traf Baba Madlala in den Bauch. Er hatte im Parkhaus Männer entdeckt, die Stromkabel stehlen wollten. Sie sahen ihn und schossen sofort. Drei Tage Intensivstation, zwei Wochen Krankenhaus. Dann kam der Hausmeister zurück an seinen verrufenen Arbeitsplatz.
Wohl kaum ein Wohngebäude Südafrikas ist so berüchtigt wie der Ponte Tower. Nach seinem Bau in den 1970er-Jahren war das Hochhaus eine prestigeträchtige Unterkunft für die weiße Bourgeoisie der Stadt, nach dem Ende der Apartheid verfiel das Gebäude dann noch schneller als die umliegende Innenstadt.
Hausmeister Madlala erzählt von einem Mann, der seinen Bruder getötet, zerstückelt und die Körperteile im Müll entsorgt habe – und von Überresten nach Abtreibungen, die Prostituierte aus dem Fenster geworfen hätten. Von Menschen, die sich in den offenen Kern des zylindrischen Hochhauses stürzten, und nigerianischen Drogenhändlern, die zeitweise den 54 Stockwerke hohen Betonriesen tyrannisierten.
Apokalyptisch: Der innere Kern des Ponte TowersFür Madlala, 61, ist das Gebäude vor allem ein Zuhause, „vielleicht sogar mehr als das“. Ganz unten hat er sein eineinhalb Zimmer großes Apartment. Die Tür liegt im Parkhaus, das einzige Fenster geht zum finsteren Ponte-Kern hinaus, der so apokalyptisch ist, dass hier schon ein Science-Fiction-Film gedreht wurde.
Madlala sitzt auf einem grauen, mit einem floralen Muster bezogenen Sofa, ein schmaler Mann mit leicht ergrautem Haar und Schnurrbart. Er trägt einen blauen Arbeitsanzug, darüber eine dunkelgraue, etwas zu große Jacke. Es ist Mittag, ein kurzes Durchatmen, wie an den meisten Mittagen der vergangenen 44 Jahre.
Seit 1982 arbeitet er im Ponte, länger als jeder andere. Erst als Putzmann, später brachte er sich das Tischlern und Klempnern bei, repariert seitdem, was sich reparieren lässt. Er hat das Gebäude irgendwie am Leben erhalten, so wie es ihn irgendwie am Leben erhält. Gerade erlebe Ponte eine seiner besseren Phasen, sagt er. Es sei einigermaßen sicher hier. Sicherer als in den umliegenden Straßen zumindest.
Baba Madlala, Hausmeister des Ponte Towers in JohannesburgDenn über Johannesburg fällt sein Urteil deutlich düsterer aus: „Is finished“, sagt er kurz. Am Ende. Die Stadt steht wie keine andere für das Regierungsversagen des African National Congress (ANC), der Partei Nelson Mandelas. Und das wird sich wohl auch bei den Kommunalwahlen am Mittwoch zeigen.
Laut Umfragen wird der ANC nicht nur in Johannesburg seinen Status als stärkste Partei verlieren, sondern auch in so ziemlich allen anderen großen südafrikanischen Städten. In Kapstadt ist das schon längst geschehen. Nach dem Verlust der absoluten Mehrheit auf nationaler Ebene vor zwei Jahren setzt sich der Absturz der einst respektierten Befreiungsorganisation dramatisch fort.
In der Umgebung des Ponte Towers ist der Verfall unübersehbar. Schlaglöcher übersäen die Straßen, Ampeln fallen aus, Wasser- und Stromversorgung sind unzuverlässig. Das Risiko, überfallen zu werden, ist allgegenwärtig. In den wenigen Ecken, wo es ordentlicher zugeht, haben Investoren ganze Straßen aufgekauft und so ziemlich alle staatlichen Aufgaben übernommen. Es ist eine Risikoinvestition.
Dabei bleibt die Metropole das Zentrum der südafrikanischen Unternehmens- und Finanzwelt, ihre Wirtschaftskraft übersteigt die von Kapstadt weiter deutlich – und der Haushalt der Stadt beträgt umgerechnet stattliche fünf Milliarden Euro. Doch die Korruption und die politische Zersplitterung der Stadt machen sich überall bemerkbar. Seit den Kommunalwahlen 2016 hatte die Stadt wegen labiler Koalitionsregierungen neun Bürgermeister.
Kein Vertrauen in die Politik
Helen Zille will die zehnte werden. Die 75-jährige frühere erfolgreiche Bürgermeisterin von Kapstadt will für die wirtschaftsliberale Democratic Alliance (DA) Johannesburg übernehmen. In einem Schlauchboot paddelte sie über eine überflutete Straße in Soweto, in einem wassergefüllten Schlagloch ging sie baden.
Die DA gilt in Johannesburg als klarer Favorit, und die Johannesburger trauen „Südafrikas eiserner Lady“ das Amt am ehesten zu. Gleichwohl wird es zur absoluten Mehrheit nicht reichen. Brandmarkte Zille im vergangenen Jahr noch die „mafiösen Strukturen“ des ANC in Johannesburg, so scheint eine Koalition mit der von ihr so vehement kritisierten Partei derzeit die einzige praktikable Option zu sein, das Amt zu übernehmen.
Bürgermeisterkandidatin Helen Zille bei einer WahlkampfveranstaltungDoch Hausmeister Madlala überzeugt Zilles Reparaturversprechen nicht. Er werde sie nicht wählen, sagt er. „Ich könnte niemals einen weißen Menschen wählen“, sagt er, „nicht nach dem, was ich erlebt habe.“ Seine Erfahrungen unter der Apartheid hindern ihn daran. Daran ändert auch nichts, dass Zille damals eine klare Gegnerin dieses Unrechtssystems war und vor ihrer Karriere in der Politik als junge Journalistin mutig Skandale des Regimes enthüllt hatte.
Madlala glaubt auch nicht, dass die Politik etwas ändern würde – so wie inzwischen etwa jeder zweite Südafrikaner sagt, er sehe sich von keiner Partei repräsentiert. Zu lange lebt er hier im Ponte Tower am Abgrund. Anfang der neunziger Jahre kamen die Demokratie und mit ihr frisches Kapital nach Johannesburg. Das floss jedoch in neu errichtete Stadtviertel, die schon damals angerottete Innenstadt verfiel dagegen. Und mit ihr der Ponte Tower.
Wer es sich leisten konnte, zog weg. Menschen aus anderen afrikanischen Ländern kamen, darunter Flüchtlinge aus dem Kongo und Äthiopien. Inzwischen wird der Zugang zum Gebäude biometrisch kontrolliert, Kameras überwachen das Kommen und Gehen. Zwei große Generatoren halten bei Stromausfällen Pumpen, Beleuchtung und Aufzüge in Betrieb.
Nicht alles funktioniert: Mehrere Lifte warten auf Reparaturen. Aber der Unterschied zu vielen umliegenden und teils besetzten Häusern ist beträchtlich. Heute leben 1400 Menschen im Ponte Tower, rund 80 Prozent der Wohnungen sind damit vermietet. In fast allen leben afrikanische Migranten. Zuletzt gab es wieder viele fremdenfeindliche Unruhen in Südafrika, besonders in Durban. Ausgerechnet der Ponte Tower zählt für sie zu den sichereren Orten.
Christian Putsch ist Afrika-Korrespondent. Er hat im Auftrag von WELT seit dem Jahr 2009 aus über 30 Ländern dieses geopolitisch zunehmend bedeutenden Kontinents berichtet.
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