Ein Ergebnis der Kongresswahlen in den USA am Dienstag steht bereits fest: Es werden die teuersten Wahlen in der Geschichte des Landes sein, einschließlich aller Präsidentschaftswahlen. 11,21 Milliarden Dollar wurden laut dem Werbungstrackingdienst AdImpact im Vorfeld der Midterms von Demokraten und Republikanern ausgegeben. Den Rekord hielt bislang die Präsidentschaftswahl vor zwei Jahren mit 11,2 Milliarden Dollar.

Die hohen Ausgaben passen zur Rhetorik auf beiden Seiten. Auf keiner Wahlkampfveranstaltung fehlt der Satz, dass dies die bedeutendsten Zwischenwahlen aller Zeiten seien – sowohl Donald Trump als auch die Demokraten bläuen dies ihren Anhängern ein.

Noch nie hat ein US-Präsident sich selbst zum zentralen Objekt einer Kongresswahl gemacht. „Tut so, als stünde mein Name auf dem Stimmzettel“, sagte er beim Wahlkampfauftakt – und versprach jedem erwachsenen US-Bürger 5000 Dollar, sollte seine Partei die Mehrheit im Kongress verteidigen können.

Angesichts seines schlechten Beliebtheitswerts von nur 40 Prozent in der jüngsten Umfrage des Senders NPR ist diese Strategie riskant. Aber die Mobilisierung der Basis, die traditionell bei Zwischenwahlen schwerer aus dem Haus zu locken ist, ist seine einzige Chance. Schließlich sind die Demokraten nach zwei Jahren Trump hochmotiviert. Drei mögliche Szenarien zeichnen sich für den Wahltag ab.

Szenario 1: Deutliche Niederlage für die Republikaner

Das Worst-Case-Szenario für Donald Trump wäre eine sogenannte blaue Welle, bei der die Demokraten das Repräsentantenhaus mit der größtmöglichen Mehrheit gewinnen. Sicher können sie laut der unabhängigen Analysewebsite Cook Political Report bereits mit 204 Sitzen rechnen, 18 weitere fallen wahrscheinlich an sie. Damit würden sie 222 Sitze erreichen und lägen vier Sitze über der Mehrheitsschwelle.

Wenn der Abend besonders gut läuft, könnten sie zusätzlich bis zu 18 Wahlkreise, in denen Umfragen derzeit ein Kopf-an-Kopf-Rennen prognostizieren, für sich entscheiden und eine Mehrheit von bis zu 22 Stimmen erreichen.

In diesem Szenario würden die Demokraten auch eine Mehrheit im Senat gewinnen. Ein Drittel der Sitze wird am Dienstag neu gewählt. Neun befinden sich in sicheren demokratischen Bundesstaaten wie Virginia, New Jersey oder Colorado, elf in sicheren republikanischen Staaten wie Alabama, Tennessee oder Montana.

Von den 15 umkämpfteren Staaten gehen fünf wahrscheinlich an die Demokraten und vier an die Republikaner. Bei den sechs restlichen gilt das Rennen als offen. Um eine Mehrheit zu erlangen, müssten die Demokraten mindestens drei davon gewinnen, denn bei einem Patt gibt der republikanische Vizepräsident als Vorsitzender des Senats die entscheidende Stimme ab.

Die Wahrscheinlichkeit einer blauen Welle hängt davon ab, ob die Demokraten neben Michigan, wo die Wahl 2024 knapp ausging, und Maine, wo eine populäre republikanische Amtsinhaberin antritt, auch in Staaten gewinnen, die schon lange keinen Demokraten mehr in den Senat gewählt haben.

Dazu zählen etwa Texas und Kansas sowie Staaten, in denen Donald Trump vor zwei Jahren mit mehr als zehn Prozentpunkten Vorsprung gewann, wie Alaska, Iowa oder Ohio. Die Online-Wettplattform Polymarket veranschlagte die Wahrscheinlichkeit eines Sieges der Demokraten in beiden Häusern des Kongresses am Dienstag auf 76 Prozent – zehn Prozentpunkte mehr als noch vor einer Woche.

Für Trump wäre das eine herbe Niederlage. Eine Mehrheit in beiden Kammern würde den Demokraten mächtige Hebel in die Hand geben, ihn unter Druck zu setzen. So könnten sie Untersuchungsausschüsse und Anhörungen ansetzen, in denen Trumps Minister und Beamte gezwungen wären, Rede und Antwort zu stehen.

Für die Verabschiedung von Gesetzen braucht es eine qualifizierte Mehrheit von 60 Stimmen im Senat, weshalb die Demokraten zunächst Vorhaben vorantreiben würden, bei denen sie mit Stimmen von Republikanern rechnen können – etwa, die Vergünstigungen bei der Gesundheitsversicherung für Bedürftige wiederherzustellen.

Auch außenpolitisch würden die Demokraten versuchen, die Politik des Präsidenten zu beeinflussen. Oben auf der Liste stehen ein Gesetz zur Abschaffung der Zölle, eine War-Powers-Resolution, die den Präsidenten zur Beendigung des Iran-Kriegs auffordert, und die Verabschiedung neuer Hilfen für die Ukraine.

Der Kongress könnte zudem einen amerikanischen Rückzug aus der Nato erschweren. Ob die USA den Verbündeten im Ernstfall schnell und mit den benötigten militärischen Fähigkeiten helfen, würde aber weiter auch von Trumps Entscheidungen abhängen.

In der Handelspolitik sind die Möglichkeiten der Demokraten ebenfalls begrenzt. Nachdem der Supreme Court entschieden hatte, dass das von Trump herangezogene Notstandsgesetz keine Grundlage für die Zölle bot, stützte der Präsident neue Zölle auf eine andere gesetzliche Ermächtigung. Der Kongress könnte sie zwar aufheben, doch dagegen könnte Trump wiederum ein Veto einlegen, das beide Kammern mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit überstimmen müssten.

Politisch wäre Trump jedoch in einer schwierigen Situation, denn Gesetze, die die Gesundheitsversicherung mit mehr Geld ausstatten oder die Zölle abschaffen, wären möglicherweise populäre Vorhaben. Deutsche Unternehmen sollten jedoch selbst bei einem klaren demokratischen Sieg nicht mit einer Abschaffung der Zölle rechnen. Denn auch viele Demokraten sind dafür, amerikanische Unternehmen und Beschäftigte vor ausländischer Konkurrenz zu schützen.

Hoffnung dürfte Trump machen, dass seine Strategie der Mobilisierung zu funktionieren scheint. In der NPR-Umfrage geben 68 Prozent der Wähler aus dem Maga-Lager an, sich darauf zu freuen, ihre Stimme abzugeben. Auch andere Trump nahestehende Gruppen wie weiße Frauen ohne Universitätsabschluss oder weiße Evangelikale sind von den Midterms begeistert.

Demografische Gruppen, die traditionell die Demokraten wählen, sind dagegen weniger enthusiastisch. 42 Prozent der Unter-45-Jährigen, 53 Prozent der nicht weißen Wähler und 56 Prozent der weißen Frauen mit Universitätsabschluss gaben an, sich sehr darauf zu freuen, zur Wahl zu gehen.

Szenario 2: Knappe Niederlage für die Republikaner

In jedem der sieben Bundesstaaten, in denen Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen prognostizieren, haben die Demokraten Schwierigkeiten. In Texas, Kansas und Iowa wurde seit Jahrzehnten kein Demokrat in den Senat gewählt.

In Michigan kämpft mit Abdul El-Sayed ein sehr linker Demokrat um einen Bundesstaat, den Trump vor zwei Jahren gewann. In Ohio tritt Sherrod Brown erneut an, der vor zwei Jahren abgewählt wurde. In Maine gelingt es der republikanischen Amtsinhaberin Susan Collins seit Jahren, ihren Sitz zu halten, obwohl der nördliche Bundesstaat traditionell demokratisch wählt.

Und in Alaska liegt die demokratische Kandidatin Mary Peltola in Umfragen zwar vorn, doch in dieser Woche erschütterte ein Skandal ihre Kampagne. Berichte brachten ihr Wahlkampfteam mit der Rekrutierung eines weiteren Kandidaten namens Dan Sullivan in Verbindung, der als Republikaner antritt. Mary Peltola bestreitet, davon gewusst zu haben; die Vorwürfe werden derzeit untersucht.

Möglich ist daher auch, dass die Demokraten zwar das Repräsentantenhaus gewinnen, die Mehrheit im Senat aber verpassen. Die Wettplattform Polymarket sieht die Wahrscheinlichkeit für dieses Szenario bei 19 Prozent. Ein republikanischer Senat könnte Trump vor der unangenehmen und politisch unbequemen Situation schützen, gegen potenziell populäre Gesetze, die ihm aber nicht gefallen, ein Veto einlegen zu müssen.

Auch eine War-Powers-Resolution gegen den Iran-Krieg könnte so gestoppt werden. Den Demokraten blieben jedoch noch die Haushaltsverhandlungen als Hebel, um Teile ihrer Vorhaben voranzutreiben. Untersuchungsausschüsse und Anhörungen kann das Repräsentantenhaus auch ohne den Senat ansetzen.

Szenario 3: Sieg für die Republikaner

Kaum jemand äußert größeres Misstrauen gegenüber Umfragen als Donald Trump. „Wir werden ihnen unseren Sieg in den Hintern schieben“, rief er bei einer Wahlkampfveranstaltung im Oktober in Ohio. Allein in der Woche vor der Wahl war Trump so viel im Land unterwegs wie kein Präsident vor ihm. Zwei Auftritte absolvierte er teilweise pro Tag, um seine Anhänger zu mobilisieren.

Doch Trump und die Republikaner sind einigem Gegenwind ausgesetzt. 59 Prozent der Amerikaner sind laut der NPR-Umfrage mit dem Präsidenten unzufrieden und 65 Prozent machen ihr Wahlverhalten von ihrer Einstellung zu ihm abhängig.

Um eine Mehrheit im Repräsentantenhaus zu erreichen, müssten die Republikaner alle Wahlkreise gewinnen, die der Cook Political Report als sicher und wahrscheinlich republikanisch einstuft, und zudem alle 18 Wahlkreise, in denen er ein Kopf-an-Kopf-Rennen voraussagt – und selbst dann würden noch sechs Stimmen für eine Mehrheit fehlen.

Also müssten sie noch mindestens in sechs Wahlkreisen gewinnen, die derzeit als wahrscheinlich demokratisch eingestuft werden. Bei Polymarket rangiert dieses Szenario entsprechend bei einer Wahrscheinlichkeit von nur sechs Prozent.

Selbst bei einem republikanischen Wahlsieg bliebe Europa nicht ohne Fürsprecher im Kongress. In Trumps eigener Partei gibt es etliche Politiker, die sich für die Unterstützung der Ukraine und verlässliche Beziehungen zu den Nato-Partnern einsetzen. Entscheidend wäre, ob europafreundliche Republikaner bereit und stark genug sind, Trump Grenzen zu setzen.

Gregor Schwung berichtet für WELT seit 2025 als US-Korrespondent aus Washington, D.C. Zuvor war er als Redakteur in der Außenpolitik-Redaktion in Berlin für die Ukraine zuständig.

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