Mit Hubert Aiwanger stirbt ein Stück Freiheit. Er verkörperte das Freigeistige in einer außergewöhnlichen Form: In einer Welt, die oft zwischen politischer Korrektheit und Ideologie schwankt, lebte er eine Autonomie vor, die Menschen faszinierte und überzeugte. Freiheit war für ihn kein theoretisches Konzept, sondern Unerschrockenheit. Er sprach nicht nur darüber, er lebte sie konsequent, selbst dann, wenn er auch mal über die Stränge schlug.
Er trank Opfelsaft. Wenn Hubert Aiwanger über sein Lieblingsgetränk sprach, machte sich das politische Berlin lustig. Wie konnte ein Mann, der nicht mal Hochdeutsch sprach, eine solch erfolgreiche politische Karriere machen?
„Der redet wia erm da Schnabel gewachsen ist, ich find erm guad und versteh alles“, schrieb eine Anhängerin 2018 auf Facebook unter einem Beitrag des Bayerischen Rundfunks, der sich mal wieder über Aiwangers Aussprache echauffierte. Das traf den Kern. Hubert Aiwanger war authentisch. Real, wie die Gen Z sagen würde.
Geboren im niederbayerischen Ergoldsbach, wuchs er als Sohn eines Landwirts auf dem elterlichen Hof in Rottenburg an der Laaber zwischen Milchvieh und Zuchtsauen auf. Aiwanger kannte den Geruch von Erde und Hof. Genau diese Bodenhaftung verlor er auch auf dem politischen Parkett nie.
Mit dieser Unverfälschtheit baute er die Freien Wähler von einer kommunalen Vereinigung zu einer prägenden Kraft aus. 2008 zog er erstmals in den Landtag ein, etablierte die Partei als feste Größe im bayerischen Parlament und ging 2018 schließlich in die Landesregierung. Als stellvertretender Ministerpräsident und Wirtschaftsminister prägte er Bayern über zwei Legislaturperioden hinweg.
Aiwanger lebte mit seinen Freien Wählern das Subsidiaritätsprinzip. Politik war für ihn etwas Konkretes, gemacht, um das Leben der Menschen vor Ort zu verbessern. So führte er 2018 einen Wahlkampf, der das Wirtshaussterben auf dem Land zum zentralen Thema machte, und besiegte damit die SPD.
Seltener Mut zur Selbstironie
Während sich in Deutschland viele Menschen von der etablierten Politik abwandten, weil große Themen wie die Migration oder die Corona-Krise nicht offen genug diskutiert wurden, blieb Aiwanger sich treu. Er sprach, wie ihm der Schnabel gewachsen war. Manchmal schoss er dabei übers Ziel hinaus, und manchmal musste er Dinge wieder einfangen. Seine Anhänger liebten ihn genau dafür, weil sie spürten: Da verstellt sich einer nicht. Er konnte die Menschen aufregen, aber genauso gut zum Lachen bringen. Er hatte den seltenen Mut zur Selbstironie. Er redete wie die Menschen an der Ladentheke, am Stammtisch und in den Küchen des ländlichen Raums und verkörperte damit eine Verwurzelung in der Mitte der Gesellschaft, die in der „Berliner Blase“ längst abhandengekommen ist.
Im politischen Streit konnte er austeilen, musste aber auch enorm viel einstecken. In einem persönlichen Gespräch sagte er mir einmal: „Ich wusste, dass man in der Politik Gras fressen muss, aber ich hätte mir nie vorstellen können, wie hart es wirklich sein kann.“
Dabei konnte Aiwanger beides, was äußerst selten ist: laut reden und leise arbeiten. Als Wirtschaftsminister war Aiwanger pragmatisch, ansprechbar und seriös. Ein verlässlicher Partner für Mittelständler, die in Berlin oft kein Gehör fanden. Sein Selbstverständnis war klar: Starke Wirtschaft ist keine ferne Macht und keine großkapitalistische Angelegenheit, sondern der Handwerker und der Bäcker vor Ort.
Immer wieder versuchte er, die Freien Wähler bundesweit aufzustellen. Es gelang nie, weil er in Berlin stets ein Fremdkörper blieb. Die Hauptstadt war ihm zuwider, und der Betrieb, der sich in ihr abspielt, ebenso.
Hubert Aiwanger war ein Phänomen, das in der Politik zunehmend schwindet: ein Politiker, den die Menschen für einen von ihnen hielten. Auch weil er seinem „Opfelsaft“ treu blieb und zeitlebens gar nicht erst versuchte, einen „Apfelsaft“ zu trinken.
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