Die Uhren in Russland ticken anders. Was für das Land ein Vorteil zu sein scheint, ist für viele in der Welt ein Nachteil. Und was andere freut, kann für Russland zum Schaden sein. Die Synchronität zum Rest der Welt hat seit dem Ukraine-Krieg nachgelassen.
Wie zu Beginn dieser Woche. Während der US-Angriff auf Venezuela die Aktien mehrerer westlicher Ölgiganten steigen ließ, gaben die russischen Ölaktien am ersten Handelstag des Jahres nach. Sie reagierten damit auf die Ölpreise, die anfänglich den langfristigen Abwärtstrend fortsetzten. Für diverse westliche, vor allem US-amerikanische Konzerne, waren die Ölpreise hingegen sekundär, denn es überwiegt für sie die Aussicht auf eine Rückkehr ins ölreiche Venezuela.
Im Laufe des Tages legten die Ölpreise dann sogar zu, weil sich die Ansicht durchsetzte, dass es nicht so schnell zu einer Ausweitung der Förderung in Venezuela kommen werde und daher nicht so schnell zu einer noch stärkeren, preisdämpfenden Überversorgung des Marktes.
Für Russlands Börse aber bewirkte allein der kurzzeitige Preisrückgang eine Schrecksekunde. Das kommt nicht von ungefähr, wie Sofja Donez, Chefökonomin der russischen Investitionsbank T-Investicij, erklärt: Nachdem die Finanzströme ins Ausland durch die Sanktionen gekappt seien, blieben die Ölpreise jetzt das wichtigste Verbindungsglied des russischen Marktes mit der Außenwelt, sagte sie dem russischen Wirtschaftsradio RBK.
Was für den Markt gilt, gilt für den Staat umso mehr. Zwar ist der Anteil der Einnahmen aus dem Öl- und Gasexport an den Gesamteinnahmen des Staatsbudgets von früheren 40 Prozent längst auf unter 25 Prozent gesunken, während andere Steuerquellen an Bedeutung gewonnen haben. Aber die Einbußen im Jahr 2025 sind schmerzhaft wie lange nicht mehr und erhöhen das Defizit: In den ersten elf Monaten brachen die Einnahmen aus dem Öl- und Gassektor gegenüber dem Vergleichszeitraum 2024 um 23 Prozent auf acht Billionen Rubel (84 Milliarden Euro) ein.
Das liegt in erster Linie am Rückgang der globalen Ölpreise, sind doch die Referenzsorten Brent und WTI 2025 um fast 20 Prozent auf das Niveau von 60 Dollar je Fass gefallen. Das liegt zweitens an der verblüffenden Stärke des Rubels. Und das liegt drittens eben auch an dem vergrößerten Preisabschlag für die wichtigste russische Ölsorte Urals gegenüber Brent.
Ölpreis: Für den Staatshaushalt nicht fatal
Der – für die Steuern im November bestimmende – Uralspreis vom Oktober betrug dem Wirtschaftsministerium zufolge 53,7 Dollar je Barrel (159 Liter), während es ein Jahr zuvor noch 64,7 Dollar gewesen waren.
Das ist für den Staatshaushalt noch nicht fatal und wird vor allem den Ukraine-Krieg nicht beenden. Aber die im November verhängten Sanktionen gegen die zwei größten russischen Ölkonzerne Rosneft und Lukoil, haben den Preisabschlag, den Abnehmer wie Indien oder China verlangen, nochmals drastisch vergrößert. Schon im November wurden Urals zeitweise unter 40 Dollar pro Barrel gehandelt. In der letzten Dezemberwoche waren es unter 35 Dollar.
Panik löst das in Russland nicht aus, da man auch damit zu leben gelernt hat. Aber dass neben der Geopolitik auch die Ölpreise 2026 wieder zum bestimmenden Hauptrisiko für die russische Börse – und damit für die Wirtschaft – werden, schließt Donez nicht aus.
Was die weitere Dynamik der Ölpreise betrifft, so herrscht am Markt die Einschätzung vor, dass sie unter Druck bleiben werden. Zwar sei – so schreibt die Commerzbank in einer Analyse – „unseres Erachtens nicht zu fürchten, dass der Ölmarkt demnächst von venezolanischem Öl überschwemmt werden könnte“, was die Preise absacken lassen würde. Und dass „die Wiederöffnung Venezuelas ein weiterer Sargnagel für die einst hohen Ölpreise ist“, wie der Moskauer Analyst Kirill Rodionov gegenüber dem Medium RBK erklärte, wirkt in seiner plastischen Formulierung übertrieben.
Aber es seien die vorjährigen Produktionserhöhungen des erweiterten Ölkartells Opec+, die bislang nicht gänzlich eingepreist seien und die Ölpreise noch weiter nach unten drücken dürften, sagt Johannes Benigni, vormals Mitglied im Verwaltungsrat der Ölhandelsfirma Litasco und nun internationaler Branchenberater, auf Anfrage von BUSINESS INSIDER (BI). Benigni zufolge würde das in erster Linie den US-Konzernen zusetzen, die einen Preis um die 55 Dollar je Fass für eine rentable Ölförderung aus Schiefergestein bräuchten. Aber natürlich würde auch Russland zusätzlich Einnahmen verlieren.
Die Einnahmen aus dem aktuellen Ölverkauf seien das Eine. Das Andere – und Folgenschwerere – sei jedoch, dass sich die Rolle des russischen Öls auf dem Weltmarkt geändert habe, wie Tatiana Mitrova, Energieexpertin am New Yorker Center on Global Energy Policy, meint. Das russische Öl, das etwa ein Zehntel der globalen Produktion ausmache, sei weiterhin unverzichtbar. Aber die Art und Weise, wie dieses Öl mit dem Markt interagiert, hat sich grundlegend verändert.
„Preisnachlass nicht mehr zyklisch, sondern strukturell bedingt“
„Jahrelang war Russland ein systemgestaltender Akteur: eingebettet in Benchmarks, koordiniert durch die Opec+ und weitgehend auf Saudi-Arabien abgestimmt, um das Marktgleichgewicht zu gestalten. Diese Rolle ist erodiert“, so Mitrova. „Heute hat Russland weitaus weniger Handlungsspielraum. Angesichts des eingeschränkten Marktzugangs, begrenzter Reservekapazitäten und sanktionsbelasteter Logistik sind seine Produktionsentscheidungen zunehmend reaktiv statt strategisch.“
Der hohe Preisabschlag für Urals spiegele laut Mitrova nicht die globalen Fundamentaldaten, „sondern die Position Russlands außerhalb des Kernmarktes. Der Preisnachlass ist nicht mehr zyklisch, sondern strukturell bedingt.“ Und weiter: „Russisches Öl wird zunehmend in ein paralleles, von Sanktionen isoliertes Ökosystem aufgenommen: Nicht-G7-Flotten, Nicht-Dollar-Abrechnungen, undurchsichtige bilaterale Geschäfte. Diese Barrels bestimmen nicht die Preise – sie werden außerhalb der Benchmarks bewertet.“
Diese Wirkung der Sanktionen sei laut Mitrova nicht nur folgenschwer für Russland, sondern auch für den Weltmarkt. Russland sei „nicht mehr Mitgestalter des Gleichgewichts innerhalb der OPEC+, sondern ein großer Lieferant, dessen Lieferströme eher Unsicherheit als Ausgewogenheit schaffen und dessen Einfluss sich in Volatilität und nicht in Führungsstärke äußert“. Kurz gesagt: Eine Wandlung „vom Marktmacher zum unberechenbaren Störfaktor“.
Ölexperte Benigni relativiert. Die Russen hätten schon von Beginn an seit der Gründung der Opec+ im Jahr 2016 den Markt nicht viel balanciert, sagt er: „Diese Rolle sei immer den Saudis zugekommen.“
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Eduard Steiner schreibt bei WELT vor allem über die russische Wirtschaft.
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