Auf dem ehemaligen Gelände der Willner Brauerei, mitten im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg, erinnern nur noch die gelbroten Backsteinfassaden an die Zeit, als hier Bier für ganz Europa gebraut wurde. Nun hört man in den hohen, lichtdurchfluteten Räumen die Laptoptastaturen klappern und sieht junge Menschen, die an Apps, Algorithmen und der nächsten großen Geschäftsidee tüfteln.
Eine dieser Ideen stammt von Theresa Schuhmann. Die 37-Jährige ist Mitgründerin des Start-ups ReCircle Impact und gehört zu den wenigen Frauen in der deutschen Tech-Szene, die sich in die Welt der Künstlichen Intelligenz (KI) vorgewagt haben. Ihr Unternehmen geht ein alltägliches Problem an: Keller, in denen sich längst Vergessenes stapelt.
Das Konzept: Ein KI-Assistent soll automatisch erkennen, was dort gelagert ist – und was sich davon verkaufen, recyceln oder spenden lässt. Das Ziel: weniger Müll und ein einfacher Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit. „KI ist für unsere Geschäftsidee der Hebel schlechthin“, sagt Schuhmann. Als Gründerin, die Nachhaltigkeit digital denkt, behauptet sie sich in einer Männerwelt. Denn ausgerechnet der Zukunftstechnologie KI nähern sich Frauen nur zögerlich.
Einer breiten Befragung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zufolge nutzen Frauen KI bei ihrer Arbeit deutlich seltener als Männer. „Wenn wir nicht aufpassen, entsteht eine Arbeitswelt, in der Frauen die Handlangerinnen der KI sind – während Männer sie entwickeln“, warnt IAB-Forscherin Britta Matthes. Das hätte weitreichende Folgen. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts verdienten Frauen im vergangenen Jahr im Schnitt noch immer 16 Prozent weniger pro Stunde als Männer. In Zeiten von KI könnte sich dieser Gender-Pay-Gap zum Gender-Karriere-Gap ausweiten: Männer nutzen KI, um effizienter zu arbeiten – Frauen fallen immer weiter zurück.
Diese Gefahr ist real. Darauf jedenfalls deuten eine Reihe von Studien hin. Laut einer repräsentativen Erhebung des IAB unter 9800 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten aus dem Jahr 2024 waren Frauen nicht nur seltener in KI-Berufen tätig, sie nutzten Künstliche Intelligenz auch deutlich seltener bei ihrer Arbeit. 42 Prozent der Frauen gaben an, KI überhaupt nicht zu nutzen, bei Männern lag dieser Wert nur bei knapp 31 Prozent. Laut Internationaler Arbeitsorganisation (ILO) sind Frauen zudem besonders stark in Berufen vertreten, die durch die neue Technologie unter Druck stehen. In Hochlohnländern wie Deutschland könnte laut der UN-Organisation die Arbeit von knapp zehn Prozent der weiblichen Beschäftigten durch KI stark transformiert oder sogar ersetzt werden, bei Männern sind es demnach nur 3,5 Prozent.
Verena Nitsch sieht Tausende von Büroarbeiterinnen in Bedrängnis. „Sekretariatsarbeiten, Protokolle schreiben, Termine organisieren, Räume buchen – die klassischen Assistenz-Tätigkeiten sind bisher häufig in Frauenhand. All das können künftig aber eben auch Applikationen der Generativen KI“, sagt die Leiterin des Instituts für Arbeitswissenschaft an der RWTH Aachen. Nitsch forscht daran, wie sich KI und automatisierte Systeme so gestalten lassen, dass sie Menschen unterstützen, und ist Vorsitzende der Kommission für Chancengerechtigkeit an ihrer Universität.
Die promovierte Ingenieurspsychologin Nitsch hat einen weiteren Pferdefuß für Frauen in der neuen Tech-Welt ausgemacht: „Frauen arbeiten besonders häufig in Teilzeit. Teilzeitkräfte könnten durch KI tendenziell benachteiligt sein.“ Der Grund: Die Einführung neuer Technologien erfordert ständige Fortbildungen – häufig neben der eigentlichen Arbeit. „Das erhöht die Belastung gerade von Teilzeitkräften enorm, die häufig auch den großen Teil der Care-Arbeit in ihren Familien tragen.“ In anderen Worten: „KI vertieft die Teilzeit-Falle.“
„Selbstvertrauen ist die wichtigste Programmiersprache“
Viele Betriebe stecken beim Thema KI noch im Experimentierstadium. „Und in dieser Phase sind es meist die technikaffinen Männer, die sich einarbeiten. Frauen fehlt oft schlicht die Zeit, neben Beruf und Familie noch neue Tools auszuprobieren“, sagt IAB-Forscherin Britta Matthes. Sie leitet am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) die Forschungsgruppe „Berufe in der Transformation“ und beschäftigt sich mit den Folgen von Digitalisierung und KI für den Arbeitsmarkt.
Für die Technik-Zurückhaltung von Frauen macht sie auch überkommene Muster verantwortlich. „Dieses gesellschaftliche Bild, dass Technik Männersache ist, wirkt bis heute nach. Viele Frauen übernehmen unbewusst die Haltung: ‚Das verstehe ich sowieso nicht, damit muss ich mich nicht beschäftigen.‘“
Neugierde und Lernwille sind in den Augen Sapir Hadads der Schlüssel zum Erfolg in der neuen Arbeitswelt. Frauen hätten die „einzigartige Chance“, die Zukunft der Technologie mitzugestalten, sagt die Direktorin für KI-Innovation beim Freelancer-Portal Fiverr. Dafür müssten sie sich aber zutrauen, diese Tools aktiv zu nutzen – und nicht nur zu beobachten. „Selbstvertrauen ist die wichtigste Programmiersprache der Zukunft“, so Hadad. „Wenn wir sie nicht mitgestalten, schreiben wir die Vorurteile von gestern in den Code von morgen.“
Wie unterschiedlich selbstbewusst Männer und Frauen an die neue Technologie herangehen, erleben Julie und Anja Teßmann jeden Monat aufs Neue. Die beiden Schwestern geben mit ihrer Digitalagentur Sisterhood regelmäßig KI-Workshops. Ihre typischen Kunden sind 40 plus, arbeiten selbstständig oder im Mittelstand und wissen: KI wird auch für ihre berufliche Zukunft Weichen stellen. „Männer kommen in unseren Kursen häufig selbstbewusst daher, machen erst mal klar, was sie mit KI schon alles gemacht und gesehen haben“, berichtet Anja Teßmann. „Das verunsichert manche Frauen“, fügt Julie Teßmann hinzu. Inzwischen bieten sie auch Kurse speziell für Frauen an.
Julie Teßmann sitzt vor einer Tasse Cappuccino im Café des Axel Springer Neubaus. Per Handy hat sie ihre Schwester aus Wien für das Interview zugeschaltet. In lockerem Ping-Pong geht es zwischen den Schwestern hin und her. Sie bieten inzwischen auch KI-Kurse exklusiv für Frauen an. „Da trauen sich die Teilnehmerinnen eher auch einfache Fragen zu stellen“, sagt Julie. Es entstehe eine „ganz besondere Energie“. „Frauen, die sich anfangs noch überfordert fühlten, ermuntern sich plötzlich gegenseitig.“
Mit KI umzugehen, das könne fast jeder lernen, erklärt Anja Teßmann und schiebt ernüchtert hinterher: „Aber das allein rettet die Jobs der vielen Office-Managerinnen oder Grafikerinnen auch nicht.“ Die Strukturen in Konzernen und auch im größeren Mittelstand seien bis heute leider zu festgefahren. „Da kann sich eine Assistentin noch so engagiert weiterbilden, der Sprung in die IT-Abteilung bleibt ihr oft trotzdem verwehrt“, sagt Anja Teßmann. „Viele Jobs wird es so bald einfach nicht mehr geben.“
Rollout der KI-Assistenten
KI wird den Arbeitsmarkt durchschütteln, keine Frage. Aber muss das grundsätzlich zum Nachteil von Frauen sein? Die renommierte Digitalexpertin Sabina Jeschke ist optimistisch, was die Chancen von Frauen angeht: „KI wird Lücken zwischen Männern und Frauen auf dem Arbeitsmarkt schließen und das schon sehr bald“, sagt sie. Schon heute müsse niemand mehr programmieren können, um wertvolle Tools zu bauen – ob für die Personalabteilung, das Marketing, die Entwicklung, Analyse oder Technik. „Es kommt mehr denn je auf den klugen Gedanken an und auf interdisziplinäre Ideen. Da sind Frauen stark.“
Jeschke selbst ist eine Ausnahmefrau auf dem Gebiet der KI. Sie studierte Physik, Mathematik und Informatik. Nach Stationen als Professorin und im Vorstand der Deutschen Bahn ist sie mehrfache Aufsichtsrätin und Vorsitzende des Vereins KI Park, der die Kräfte von Forschungseinrichtungen und Firmen in Sachen KI bündelt. Schon für 2026 rechnet Jeschke mit „dem großen Rollout der KI-Assistenten“ – lauter Anwendungen, die Vordenkerinnen das Machen erleichterten.
In der ehemaligen Brauerei im Prenzlauer Berg zeigt Theresa Schuhmann, wie das gelingen kann. Gemeinsam mit zwei Männern führt sie die Firma, die stark auf KI setzt. So baut sie dank KI ihre Prototypen für neue App-Funktionen inzwischen selbst – ohne angestellte Designer oder Agenturen.
Dabei hilft ihr nicht allein die Technologie, sondern auch ihre Erfahrung. Bevor sie gründete, arbeitete Schuhmann fast zehn Jahre lang beim Online-Händler Zalando. Dort baute sie den Secondhand-Bereich mit auf und organisierte verschiedene Lager. Ihr Wissen über digitale Kreislaufwirtschaft und nachhaltige Geschäftsmodelle bringt sie heute in ihr eigenes Unternehmen ein.
Sie hat Partnerschaften mit öffentlichen Unternehmen wie der BSR-Tochter Berlin Recycling geschlossen, um Wiederverwendung alltagstauglich zu machen: Bürgerinnen und Bürger laden für die Abholung des Kellergerümpels ein Foto hoch, die Software erkennt Kategorie, Zustand und Wiederverwendungspotenzial der Gegenstände. So können Sammelfahrten effizienter geplant und brauchbare Objekte geprüft und weiterverkauft werden.
„Ohne KI wären wir zu dritt nie so schnell so weit gekommen“, ist Theresa Schuhmann überzeugt. Für sie ist Künstliche Intelligenz kein Selbstzweck, sondern ein von vielen Menschen nutzbares Werkzeug, das Chancen schafft – für kreative Ideen, Erfolg und weibliche Perspektiven in der Tech-Branche.
Dieser Artikel entstand für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“.
Stefanie Michallek ist Volontärin bei WELT und Business Insider. Sie schreibt im Wirtschaftsressort über die Themenschwerpunkte Karriereplanung, Bewerbung und Öffentlicher Dienst.
Inga Michler ist Wirtschaftsreporterin bei WELT und moderiert Wirtschaftskongresse. Die promovierte Volkswirtin berichtet über ökonomische Transformation, künstliche Intelligenz, Nachhaltigkeit, Familienunternehmen und Leadership.
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