Die Billion-Marke bei den Steuereinnahmen ist geknackt: Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik gehen in einem Jahr mehr als eine Billion Euro an Bund, Länder und Kommunen. 2025 waren es laut Statistischem Bundesamt genau 1035 Milliarden Euro und damit knapp 40 Milliarden Euro mehr als 2024, ein Plus von knapp vier Prozent. Die staatlichen Haushalte beendeten das Jahr 2025 dennoch mit einem Minus von rund 107 Milliarden Euro, wie vorläufige Berechnungen der Statistikexperten aus Wiesbaden zeigen.
Besonders die Mehrwertsteuer (plus 4,4 Prozent), die Lohnsteuer (plus 5,1 Prozent) und die veranlagte Einkommensteuer (plus 6,5 Prozent) nahmen spürbar zu, wie die Statistikexperten aus Wiesbaden bei der Veröffentlichung der Zahlen zum Wirtschaftswachstum 2025 mitteilten. Zurück gingen dagegen die Gewerbesteuer (minus 1,7 Prozent) und die Körperschaftsteuer (1,6 Prozent).
Entscheidend ist für Bürger und Unternehmen das Verhältnis Steuerzahlungen zur Wirtschaftsleistung. Wenn die Löhne steigen und die Gewinne sprudeln, fällt ein höherer Steuerbetrag weniger ins Gewicht. Im vergangenen Jahr machten die Einnahmen des Staates 23,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. 2024 lag das Maß für die Steuerlast bei 23,0 Prozent.
Damit erhöhte sich die Steuerquote gegenüber dem Vorjahr bereits zum zweiten Mal in Folge. Das heißt: Erneut stieg die Summe der Steuerzahlungen schneller als die Wirtschaftskraft. Das Bruttoinlandsprodukt 2025 beträgt nach vorläufigen Berechnungen 4470 Milliarden Euro nach 4329 Milliarden Euro ein Jahr zuvor – nominal, also ohne Berücksichtigung der Inflation.
Trotz des Knackens der Billion-Marke ist Deutschland von einem neuen Steuerlast-Rekord entfernt. In den Jahren 2021 und 2022 lag die Quote bei mehr als 24 Prozent. Auch vor der Corona-Pandemie bewegte sie sich oberhalb der aktuellen Werte. „Der Anstieg bewegt sich im historischen Rahmen“, sagt Jens Boysen-Hogrefe vom Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel zu den Zahlen. Boysen-Hogrefe ist Mitglied des Arbeitskreises Steuerschätzungen, der zweimal jährlich Prognosen zum Steueraufkommen in Deutschland erstellt.
Er führt den erneuten Anstieg der Steuerquote unter anderem darauf zurück, dass die Inflationsausgleichsprämie – jene Sonderzahlung in Höhe von bis zu 3000 Euro, die von Arbeitgebern steuer- und sozialabgabenfrei gewährt werden konnte – im Vorjahr wegfiel. Zudem habe es untypisch starke Zuwächse bei der Abgeltungsteuer und bei der Grunderwerbsteuer gegeben.
Ökonomen sind sich nicht einig, wie sich die Steuerbelastung für Privathaushalte und Unternehmen weiterentwickelt. „Die Steuerquote dürfte wegen einiger steuerlicher Maßnahmen im Jahr 2026 moderat sinken“, sagt Boysen-Hogrefe. Er nennt als Beispiele den seit dem 1. Januar geltenden reduzierten Mehrwertsteuersatz auf Speisen in der Gastronomie und die aufgestockte Pendlerpauschale, auch die bereits seit Sommer vergangenen Jahres geltenden großzügigen Abschreibungsregeln für Investitionen von Unternehmen könnten die Last reduzieren.
Beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erwartet man zumindest keinen starken Anstieg. „Die Steuerquote bleibt 2026 in etwa konstant“, sagt Teresa Schildmann, zuständig für die Prognose der Staatsfinanzen bei dem Berliner Institut. Aufgrund zahlreicher steuerlicher Erleichterungen, etwa im Rahmen des Investitionssofortprogramms und der Umsatzsteuersenkung in der Gastronomie, falle dieser aber minimal aus. Auch Schildmann gehört dem vom Bundesfinanzministerium eingesetzten Arbeitskreis Steuerschätzungen an.
Mit Blick auf den schwächelnden Wirtschaftsstandort ist aber nicht nur die Steuerlast wichtig, sondern auch die Belastung durch Sozialbeiträge. Die Quote der Sozialversicherungseinnahmen zum Bruttoinlandsprodukt betrug im letzten Jahr 18,4 Prozent. Das ist der höchste Stand seit Mitte der 1990er-Jahre. „Dies ist eine beunruhigende Entwicklung“, sagt DIW-Expertin Schildmann. Denn ein Ende sei nicht absehbar. Zwar schaffe es die Bundesregierung durch Zuschüsse und Darlehen an die Pflegeversicherung, diesen Beitragssatz im laufenden Jahr stabil zu halten. Die gesetzlichen Krankenkassen hätten ihre Zusatzbeiträge zum Jahreswechsel allerdings weiter angehoben, sodass für das Jahr 2026 insgesamt mit einem weiteren Anstieg der Sozialversicherungsquote zu rechnen ist.
„Ohne strukturelle Reformen bei den Sozialversicherungen ist weiteren Anstiegen kein Einhalt geboten, was sich negativ auf die verfügbaren Einkommen der Haushalte und die Wettbewerbsfähigkeit des Kostenfaktors Arbeit auswirkt“, sagt Schildmann. Die Abgaben insgesamt – also Steuern und Sozialbeiträge – addieren sich 2025 auf insgesamt 1859 Milliarden Euro. In Relation zur Wirtschaftsleistung entspricht dies einer Quote von 41,6 Prozent. Dies ist der höchste Wert seit der Jahrtausendwende.
Die Steuerquote könnte im laufenden Jahr also moderat sinken, die Sozialbeitragsquote leicht steigen. Und danach?„Für 2027 gibt es angesichts diverser Reformdebatten, aber auch noch bestehender Lücken in der Haushaltsplanung eine größere Unsicherheit“, sagt Boysen-Hogrefe.
Der schwarz-roten Bundesregierung bleibt nicht mehr viel Zeit, diese Unsicherheit zu beseitigen und einem weiteren Anstieg der Gesamtbelastung von Bürgern und Unternehmern zusammen mit Ländern und Kommunen entgegenzuwirken.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und Business Insider erstellt.
Karsten Seibel ist Wirtschaftsredakteur in Berlin. Er berichtet unter anderem über Haushalts- und Steuerpolitik.
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