Viel hilft viel: Der frühere Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hatte es 2022 sehr leicht, den Bundestag von einer maximalen Bebauung von Nord- und Ostsee mit Windrädern zu überzeugen. Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine 2022 herrschte schließlich akute Sorge um die Energieversorgung.

Als Reaktion darauf ließ Habeck die Planvorgabe für Meereswindparks bis 2030 um ein Drittel aufstocken und setze 70.000 Megawatt Offshore-Windkraft als Ziel für das Jahr 2045 fest. Viel zu viel, wie sich bald zeigen sollte. Auf dem 3. Nordseegipfel in Hamburg versucht die Bundesregierung nun mit den Problemen fertig zu werden, die mit gesetzlich verankerten Planzielen einhergehen. Das Ausland soll helfen.

Denn das Habeck-Ziel bedeutet, dass sich Nord- und Ostsee in zwanzig Jahren mehr als 6300 Windräder drehen sollen – jedes so hoch wie der Eiffelturm und im Meeresboden bei bis zu 40 Metern Wassertiefe verankert. Der Naturschutzbund Nabu hielt so viele Stromerzeuger für unvereinbar mit Meeres- und Vogelschutz. Doch damit nicht genug: Eine solche Menge an Windrädern auf den begrenzten deutschen Meeresflächen erwies sich als schlichtweg ineffizient: Die Rotoren nehmen sich schon heute gegenseitig den Wind. Zuletzt blieben die Investoren weg.

Der „Wind-Klau“ beschäftigt die Gerichte

Derzeit drehen sich 1639 Windräder in Nord- und Ostsee, ihre Leistung will die Bundesregierung bereits in den kommenden fünf Jahren verdreifachen. Doch das Problem mit dem auch „Windklau“ genannten Verschattungseffekt verringert den Ertrag der teuren Turbinen schon jetzt erheblich. Bei den letzten Ausschreibungen zur Vergabe neuer Meeresflächen tauchte kein Interessent mehr auf. Einige Windrad-Betreiber, deren Anlagen im Windschatten der anderen stehen, klagen bereits vor Gericht auf Schadenersatz.

Eine Lösung könnte sein, die unter dem Eindruck des Ukraine-Überfalls aufgestockten Ausbauziele wieder zurückzunehmen, damit die Windräder weniger dicht stehen und sich nicht gegenseitig den Wind klauen.

Doch die schwarz-rote Koalition schreckt vor allem zurück, was als Bremsen der Energiewende ausgelegt werden könnte – dafür sorgen insbesondere die Sozialdemokraten. Ihre Lösung: Es bleibt bei 70.000 Megawatt als Ziel, nur wird ein Teil der Turbinen auf Meeresgebieten der Nachbarstaaten gebaut – und trotzdem voll aufs deutsche Ökostromziel angerechnet.

Die Regierungsparteien CDU/CSU und SPD hatten diese Möglichkeit bereits in ihrem Koalitionsvertrag angedeutet: „Wir werden uns der sogenannten Abschattungsproblematik annehmen“, heißt es dort: „Wir werden mit anderen Nordseeanrainerstaaten kooperieren, um erzeugungsoptimale Flächenkulissen zu entwickeln.“

Eine Lösung ganz im Sinne der deutschen Offshore-Branche. „Grenzüberschreitender Kooperation kommt eine neue, zentrale Rolle zu“, sagte Kerstin Andreae, Chefin des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) vor dem Nordseegipfel im Hamburger Rathaus.

Gemeinsam mit Windkraftverbänden legte der BDEW eine neue Studie vor. Die zeige, „dass durch eine weniger enge Bebauung und eine grenzüberschreitende Flächenkooperation Abschattungseffekte deutlich reduziert, Volllaststunden und Erträge um durchschnittlich 6 bis 13 Prozent gesteigert und die Kosten pro Megawattstunde Offshore-Strom somit um 6 bis 11 Prozent gesenkt werden können“.

Es sei jetzt „entscheidend, den weiteren Ausbau nicht nur ambitioniert, sondern auch volllaststundenoptimiert und damit noch kosteneffizienter zu gestalten, ohne das 70-Gigawatt-Ziel bis 2045 aus den Augen zu verlieren.“

Konkret sollen offenbar rund 1500 Windräder mit einer Leistung von 20.000 Megawatt Leistung vor den Küsten Dänemarks und Schwedens gebaut und „direkt an das deutsche Stromnetz angebunden werden“, erläutert der Bundesverband Windenergie Offshore (BWO): „Diese Kapazitäten sollten weiterhin auf das nationale Ausbauziel angerechnet werden.“

Was es Deutschland kosten wird, Meeresgebiete der Nachbarstaaten für die eigene Energiewende in Anspruch zu nehmen, blieb einstweilen offen. Über konkrete Pachten und Konzessionen verhandelten die Nordsee-Anrainer auf dem 3. Nordseegipfel hinter verschlossenen Türen. Doch ihren grundsätzlichen Willen zur verstärkten Kooperation beim Ausbau der Offshore-Windkraft bekräftigen die Staatschefs und Energieminister mit der Unterzeichnung der sogenannten Hamburg-Deklaration. Die Regierungen vereinbarten, rund 100.000 Megawatt Windkraft-Leistung künftig als länderübergreifende Projekte in der Nordsee zu verwirklichen, davon 20.000 kurzfristig. Mit dabei sind auch Nicht-EU-Staaten wie Großbritannien und Norwegen.

Zudem stimmten die Nordsee-Anrainer einem gemeinsamen „Investitionspakt“ zwischen Nordsee-Staaten, Offshore-Windindustrie und Übertragungsnetzbetreibern zu. Es gehe dabei auch um eine faire Verteilung von Lasten und Erträgen, sagte Reiche.

Man will der Windkraftbranche langfristig stabile Planungs- und Investitionssicherheit garantieren. Im Gegenzug verpflichtet sich die Windkraftbranche dazu, die Stromgestehungskosten bis 2040 um 30 Prozent zu reduzieren, in Europa bis 2030 9,5 Milliarden Euro in neue Produktionskapazitäten zu investieren und 91.000 zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen. „Wir machen die Nordsee zum Power-Hub des Kontinents“, sagte Wirtschaftsministerin Reiche nach der Unterzeichnung, wobei der englische Begriff „Hub“ ein Drehkreuz oder einen Umschlagplatz für Energie bedeutet.

Das Potenzial ist riesig, davon hat die Branche die europäische Politik offenbar überzeugt: Bis zum Jahr 2050 könnten in diesen nördlichen Meeren bis zu 1.000 Terawattstunden an sauberen Strom erzeugt und transportiert werden – das entspricht rund 40 Prozent des europäischen Strombedarfs bis zum Jahr 2050.

Das Branchenversprechen, die Erzeugungskosten von Offshore-Elektrizität zu senken, ist angesichts des schnell wachsenden Anteils dieser Stromquelle von großer Bedeutung. In Deutschland beträgt der Offshore-Anteil am Strommix etwas mehr als fünf Prozent. US-Präsident Donald Trump hatte auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos gesagt, Länder die auf Windenergie setzten, entwickelten sich wirtschaftlich schlechter. „Windkraft ist für Verlierer“, so Trump. Tatsächlich haben Länder mit hohem Windkraftanteil wie Dänemark und Deutschland die höchsten Endverbraucherpreise für Elektrizität weltweit. Großbritannien, das führend beim Ausbau der Offshore-Windenergie ist, hat Industriestrompreise, die zu den höchsten Europas zählen.

Der britische Energieminister Ed Miliband wendete Trumps Urteil jedoch ins Gegenteil: „Offshore-Windkraft ist für Gewinner“, sagte der Minister nach Unterzeichnung des Hamburg-Abkommens. Diese Energieform sei „absolut zentral“ für die Erreichung des britischen Ziels, unabhängiger von Importen zu werden. Der dänische EU-Kommissar Dan Jørgensen stellte Trump die Frage, ob er es für klüger halte, wenn die EU weiterhin pro Jahr fossile Energieträger im Wert von 400 Milliarden US-Dollar einführe? Allerdings hatte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im sogenannten Zoll-Deal den USA im vergangenen Jahr fest zugesagt, von dort innerhalb von drei Jahren für 750 Milliarden Dollar Energieträger zu importieren.

Auf Einladung von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) waren die Regierungschefs von Belgien, Dänemark, Niederlande und Luxemburg nach Hamburg gekommen, auch der Premier aus Luxemburg, obwohl das Land keine Nordseeküste hat. Insgesamt acht Nordsee-Anrainer schickten ihre Energieminister. Weil es ebenfalls um den Aufbau eines auch sicherheitspolitisch wichtigen Verbundnetzes von Strom- und Gasleitungen in der Nordsee ging, waren auch Vertreter der EU-Kommission und des Verteidigungsbündnisses NATO dabei.

Auch für Deutschlands Souveränität sei Offshore-Wind wichtig, sagte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU). Auf See könne Strom in größerer Menge und stetiger genutzt werden. „Die Branche sagt, sie ist kurz davor, grundlastfähigen Strom liefern zu können“, sagte Reiche. Geplant sind unter anderem künstliche Inseln, auf denen auch Elektrolyseure zur Wasserstoffproduktion platziert werden können. Hintergrund ist, dass es deutlich günstiger ist, Pipelines für Wasserstoff in der Nordsee zu verlegen als Stromleitungen.

„Die Nordsee ist heute mehr denn je ein strategischer Schlüsselraum Europas“, sagte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche WELT: „Sie ist Drehscheibe geopolitischer Linien, zentraler Verkehrs- und Handelsraum, kritische Energie- und Dateninfrastruktur zugleich.“ In einer Welt wachsender geopolitischer Spannungen solle die Nordseeregion als gemeinsamer „Energie- und Stabilitätsraum“ gestärkt werden, sagte Reiche: „Durch grenzüberschreitende Kooperationen bei der Offshore-Energie senken wir Kosten, stärken die Energiesicherheit und machen Europa resilienter.“

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Daniel Wetzel ist Wirtschaftsredakteur in Berlin. Er berichtet über Energiewirtschaft und Klimapolitik. Er wurde 2007 vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI) mit dem Robert-Mayer-Preis ausgezeichnet und vom Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität Köln 2009 mit dem Theodor-Wessels-Preis.

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