Die wirtschaftliche Erholung Deutschlands fällt weniger deutlich aus als zuletzt erhofft. Zu Jahresbeginn senkt die Bundesregierung ihre Wachstumsprognose für das Land auf ein Prozent, noch im Herbst war sie von 1,3 Prozent Wirtschaftswachstum für 2026 ausgegangen. Die Senkung der Prognose wird vor allem mit einem schwächeren zweiten Halbjahr 2025 begründet. Angetrieben wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) vor allem durch die massiven Ausgabensteigerungen des Staates.

Außerdem sollen sich die Investitionen erholen und der Export wieder leicht wachsen. „Die konjunkturelle Erholung wird von einer stärkeren binnenwirtschaftlichen Dynamik – bei gleichzeitig etwas nachlassenden außenwirtschaftlichen Belastungen – getragen“, heißt es im Jahreswirtschaftsbericht. Die wirtschafts- und finanzpolitischen Maßnahmen der Bundesregierung „dürften für sich genommen rund zwei Drittel Prozentpunkte zum BIP-Zuwachs des Jahres 2026 beitragen“, schreiben die Beamten von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU).

Die Experten warnen in ihrem Bericht entsprechend vor zu viel Optimismus: „Die vor allem durch die fiskalischen Impulse getragene erwartete konjunkturelle Erholung darf somit nicht darüber hinwegtäuschen, dass die strukturellen Wachstumsperspektiven weiterhin spürbar abgeschwächt und angesichts tiefgreifender Umbrüche mit einer erhöhten Unsicherheit behaftet sind“, heißt es. „Um einem weiteren Verlust der Wettbewerbsfähigkeit entgegenzuwirken und das Potenzialwachstum nachhaltig zu erhöhen, sind neben den staatlichen Investitionen zur Modernisierung der Infrastruktur und steuerlichen Investitionsanreizen umfangreiche Strukturreformen notwendig.“

Doch hier dürften die Meinungen schon innerhalb der schwarz-roten Koalition auseinandergehen, wie diese Reformen aussehen sollen. Bei der Interpretation der Zahlen kam Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) der Wirtschaftsministerin zuvor. Der Fokus auf staatlichen Investitionen sei richtig, sagte Klingbeil nach der Sitzung des Kabinetts am Mittwochvormittag. „Gleichzeitig treiben wir weitere Strukturreformen voran, um unser Land zu modernisieren und unsere Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen.“

Während Klingbeil allgemein Reformen fordert, „die unser Land schneller und effizienter machen, die Potenziale freisetzen und bürokratische Hürden beseitigen“, geht Reiche deutlich weiter: Sie verlangt schon seit ihrem Amtsantritt Einschnitte beim Sozialen, unter anderem eine grundlegende Rentenreform.

Diesen Anspruch hatte Reiche am Tag zuvor auch beim WELT-Wirtschaftsgipfel deutlich gemacht. „Wir brauchen Strukturreformen im Arbeitsmarkt, in den sozialen Sicherungssystemen und im Energiebereich. Wir brauchen einen offenen Umgang mit Innovationen, Wachstum und Kapital“, sagte sie dort. Wie ihr Kabinettskollege Klingbeil fordert sie mehr Tempo bei den staatlichen Investitionen aus dem sogenannten Sondervermögen, die man „so schnell wie möglich auf die Straße bekommen“ müsse.

Sie schränkte die Erwartungen aber grundsätzlich ein: „Der Staat kann einen Impuls geben, aber vor allem muss er loslassen“, sagte Reiche. „Er muss loslassen, damit sich Investitionen in Deutschland rentieren, damit Kapital nicht abfließt und damit in neue Anlagen investiert wird.“

Am Bau geht es aufwärts

Bei den Investitionen sagen Ökonomen eine Erholung in diesem Jahr voraus, vor allem angetrieben von den schuldenfinanzierten Staatsausgaben. So erholt sich derzeit vor allem der Bausektor. Erstmals seit fünf Jahren dürfte das Bauvolumen 2026 wieder zulegen, sagt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung voraus. Auch die Bundesregierung rechnet mit einem leichten Plus am Bau und insgesamt mit einer Steigerung der Bruttoanlageinvestitionen um 0,6 Prozent – nachdem sie in den vergangenen Jahren stets gesunken waren.

Der sprichwörtliche „Exportmotor“, der in früheren Jahren die deutsche Wirtschaft immer angetrieben hatte, fällt weiterhin als aus. „Der Wachstumsbeitrag des Außenhandels dürfte damit auch in diesem Jahr negativ sein, wenn auch weniger deutlich als 2025“, heißt es im Jahreswirtschaftsbericht. Die Beamten sagen zwar leicht steigende Exporte und etwas geringere Importe voraus, im Saldo wird der Wachstumseffekt aus dem Außenhandel aber weiterhin negativ bleiben.

Sie weisen auch darauf hin, wo aktuell das Potenzial für mehr Exportwachstum liegt: „Der größte Anteil (ca. 55 Prozent) des deutschen Außenhandels entfällt auf EU-Mitgliedstaaten. Eine tiefere europäische Integration ist essenziell, um Skaleneffekte zu nutzen und Resilienz zu erhöhen“, heißt es in dem Bericht. Die EU-Binnenmarktstrategie könne „mittelfristig zu mehr Innovationen und Investitionen in Europa beitragen“. Genannt wird insbesondere die geplante Schaffung einer neuen Gesellschaftsform für kleinere Unternehmen in Europa und die Vertiefung der Spar- und Investitionsunion.

Wie stark die Wirtschaft in diesem Jahr wächst, wird auch von der Stimmung der Verbraucher abhängen. Nachdem die Konsumneigung zum Jahresende 2025 zurückgegangen war, ist der GfK Konsumklima-Index nun gestiegen. Sowohl die Konjunktur- und Einkommenserwartung als auch die Anschaffungsneigung steigen laut GfK aktuell an. Die Sparneigung ist allerdings weiterhin sehr hoch.

Für den Jahresverlauf rechnet die Bundesregierung mit einer Besserung: „Reale Lohnsteigerungen, die über eine schrittweise Erhöhung des Mindestlohns insbesondere auch für untere Einkommensgruppen spürbar werden können, dürften das Konsumklima im weiteren Jahresverlauf beleben“, heißt es im Jahreswirtschaftsbericht. Zusätzlich würden die verfügbaren Einkommen durch staatliche Entlastungsmaßnahmen erhöht, wozu niedrigere Übertragungsnetzentgelte und der Wegfall der Gasspeicherumlage zählten. „Die erwartete Trendwende am Arbeitsmarkt im Jahresverlauf 2026 dürfte die Verbraucherstimmung zudem aufhellen und den privaten Konsum beleben.“

Während sich die meisten Ökonomen mit ihren Prognosen für das laufende Jahr in einem ähnlichen Korridor wie die Bundesregierung bewegen – also ein Prozent Wirtschaftswachstum – geben sich die Experten der Deutschen Bank deutlich optimistischer. Die expansive Finanzpolitik werde für kräftige Impulse sorgen. „Mit der dann anziehenden Konjunktur dürfte sich vor allem das Geschäftsklima in der Industrie und am Bau weiter bessern. Wir halten durchaus ein Wirtschaftswachstum von 1,5 Prozent im Gesamtjahr für möglich“, schreiben die Ökonomen.

Ob sich diese positive Stimmung in der Wirtschaft auch durchsetzt? Reformen der Bundesregierung könnten dazu sicher beitragen. Fragt sich nur, wie weit Union und SPD zusammen gehen können. „Für mich ist der Koalitionsvertrag die Basis. Für andere ist er die Decke“, sagte Reiche auf dem WELT-Gipfel. „Angesichts der geopolitischen Lage und des Wettbewerbsdrucks müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass sich die Situation stärker verändert hat, als zu Beginn des Jahres 2025 vermutet. Wenn dem so ist, sollte man handeln.“

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Daniel Zwick ist Wirtschaftsredakteur in Berlin und berichtet für WELT über Wirtschafts- und Energiepolitik, Digitalisierung und Staatsmodernisierung.

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