Es sind beispiellos turbulente Wochen am Markt für Edelmetalle: Nachdem die Charts von Gold und vor allem Silber bis Ende Januar die Gestalt von Fahnenstangen angenommen hatten, crashten die Preise am letzten Januartag, und die Bewegung setzte sich in den ersten Handelsstunden nach dem Wochenende fort. In der Spitze wurde dabei bei beiden Metallen ein Wert von 15 Billionen Dollar vernichtet. Silber war allein am Freitag mit 27 Prozent so stark wie noch nie in seiner Geschichte gefallen. Doch schon am Montag fingen sich die Preise wieder, und am Dienstag nahmen Gold und Silber ihre zuletzt gewohnte Richtung mit Macht wieder auf.

Offenbar sind es diesmal nicht in erster Linie die Big Player wie Zentralbanken, Hedgefonds oder Finanzinvestoren über ihre börsengehandelten Rohstofffonds (ETC), die dem Markt neuen Halt geben. In die Bresche scheinen weltweit Privatanleger zu springen, die in dem Abverkauf die seltene Chance erkannt haben, günstiger an das begehrte Edelmetall zu gelangen („buy the dip“) – und so dazu beitragen, zumindest das Sentiment rund um die technisch angeschlagenen Kursverläufe deutlich zu verbessern.

Der Trend hatte sich schon 2025 angedeutet, als der Investmentsektor um rund 80 Prozent wuchs und mit rund 43 Prozent der weltweiten Nachfrage nach Gold sogar den Schmucksektor überholte. Innerhalb des Investmentsegments wiederum sorgten Privatanleger mit Goldkäufen von 1374 Tonnen bei einer Gesamtnachfrage von 5002 Tonnen für einen entscheidenden Hebel.

Die Logik hinter ihrem Handeln scheint klar: An den Fundamentaldaten, die die Rallye über Jahre getrieben haben, hat sich seit Ende Januar nichts geändert. Geopolitische Spannungen, eine hohe globale Staatsverschuldung, politische Unsicherheiten rund um Geldpolitik und Notenbank-Unabhängigkeit sowie ein weiterhin fragiles Vertrauen in langfristige Währungsstabilität sprechen weiterhin für Gold als Absicherung. Der Finanzanalyst Neil Wilson von Saxo Markets fasst es so zusammen: „Wer Gold bei 5500 Dollar geliebt hat, muss es bei 4400 Dollar erst recht lieben.“

In den Finanzmetropolen Asiens zeigt sich die Entschlossenheit der Retail-Investoren am deutlichsten. In Singapur bildeten sich am Hauptsitz der United Overseas Bank (UOB) lange Warteschlangen. Kunden harrten teilweise über sechs Stunden aus, um an physisches Gold zu gelangen. Die Nachfrage war so gewaltig, dass die Bank die Ausgabe von Wartemarken vorzeitig stoppen musste.

Ähnliche Szenen spielten sich im australischen Sydney vor den Filialen von ABC Bullion ab, wo Käufer bis auf die Straße anstanden, um sich Münzen und kleine Barren zu sichern. Und auch auf dem größten Goldmarkt Chinas gab es einen massiven Ansturm. Da die dortigen Märkte ab dem 16. Februar wegen des Neujahrsfestes für eine Woche schließen, deckten sich Privatanleger massiv mit Schmuck und Investmentgold ein.

Selbst am Wochenende, als die traditionellen Börsen und Münzgeschäfte geschlossen waren, riss die Kaufwelle nicht ab. Auf der Online-Plattform BullionVault etwa wurde mit über 23 Millionen Euro ein neues Wochenendhoch bei Edelmetallen erzielt. Für viele, die den monatelangen Anstieg nur von der Seitenlinie aus beobachtet hatten, bot der aktuelle Rücksetzer offenbar die langersehnte Gelegenheit, endlich einzusteigen und Bestände aufzubauen oder den Durchschnittspreis ihrer Positionen deutlich zu senken.

Auch in Deutschland berichten Handelshäuser wie Pro Aurum von weiterhin extremer Nachfrage. Am Montag veröffentlichte das Handelshaus auf seiner Website die Information, man rechne „in den kommenden Tagen mit deutlich erhöhtem Kundenaufkommen“. Aufgrund der „außergewöhnlich hohen Ordermengen“ könne die Abwicklung der Onlinebestellungen „bis zu zehn Werktage in Anspruch nehmen“. Bestellungen per Mail oder Fax könnten vorübergehend nicht bearbeitet werden, Silbermünzen ausschließlich noch in sogenannten „Tubes“ zu 20 oder 25 Stück ausgegeben werden. Und auf der Website von Degussa prangt in roten Lettern der Hinweis: „Aufgrund der hohen Nachfrage beträgt die Lieferzeit aktuell sieben bis zehn Tage.“

Tiefes Misstrauen gegenüber klassischen Papierwährungen

Dass die Privatanleger so kühl reagieren, liegt offenbar an einer tiefen Überzeugung: Die fundamentalen Gründe für den Goldpreisanstieg der letzten Jahre sind durch den jüngsten Crash keineswegs verschwunden, die langfristigen Treiber bleiben intakt. So sitzt das Misstrauen gegenüber den klassischen Papierwährungen weiter tief.

Der sogenannte „Debasement Trade“, die Sorge vor einer systematischen Entwertung der Währungen durch eine uferlose Fiskalpolitik, treibt die Menschen ins Gold. Hinzu kommen die unberechenbare geopolitische Lage mit kriegerischen Auseinandersetzungen sowie drohende Handelskonflikte, die die Flucht in den „Sicheren Hafen“ schon länger befeuern. Für die Retail-Investoren ist Gold kein Spekulationsobjekt, sondern ein Vermögensschutz außerhalb eines Finanzsystems, dem sie immer weniger trauen.

Dass sie davon offensichtlich auch dann nicht lassen, wenn ein historischer Crash wie am Freitag gerade privaten Anlegern alles an mentaler Resilienz und Besonnenheit abverlangt, ist für Notenbanken und Politik ein Alarmsignal: Sie müssen erkennen, dass sie das System nicht auf Dauer überstrapazieren können, ohne dass das Vertrauen Schaden nimmt – ein Kollateralschaden der Rettungs- und Überschuldungsorgien der vergangenen Jahre, dessen Tragweite noch gar nicht vollständig absehbar ist.

Um die emotionale und strukturelle Tiefe der Goldnachfrage besser zu verstehen, lohnt ein Blick nach Indien. Hier ist Gold weit mehr als nur ein Investment; es ist tief in der DNA der Gesellschaft verwurzelt. In der hinduistischen Mythologie entstand das Universum aus dem „Hiranyagarbha“, einem goldenen Ei – eine Vorstellung, die dem Metall bis heute einen nahezu sakralen Status verleiht.

Nirgendwo wird dies deutlicher als bei indischen Hochzeiten. Das „Stridhan“, ein Vermögen aus Gold, das der Braut dauerhaft gehört und ihr selbst im Falle einer Scheidung rechtliche Sicherheit bietet, fungiert als generationsübergreifender Vermögensanker. Die Zahlen sind beeindruckend: Während die indische Zentralbank mit rund 880 Tonnen Gold weltweit auf Platz neun rangiert, halten indische Haushalte Schätzungen zufolge zwischen 25.000 und 34.000 Tonnen. Das ist mehr Gold, als sich in den Tresoren der zehn größten Zentralbanken der Welt zusammen befindet.

Für viele indische Familien macht Gold mehr als zehn Prozent, in ländlichen Regionen oft sogar bis zu 50 Prozent des Gesamtvermögens aus. Dieser enorme „Reichtumseffekt“ stützt theoretisch den privaten Konsum, der 70 Prozent der indischen Wirtschaftsleistung ausmacht. Doch für die meisten Inder bleibt das Gold eine unantastbare Krisenreserve und Versicherung – man besitzt es, aber man verkauft es nicht leichtfertig für den täglichen Konsum.

„Sauberer, struktureller Trend zur Diversifikation“

Das erstaunlich besonnene Verhalten der Privatkäufer spiegelt sich auch in den Einschätzungen der großen internationalen Geschäftsbanken. Im Einklang mit der robusten Nachfrage haben einige Institute ihre Prognosen für das Jahr 2026 sogar nach oben korrigiert. J.P. Morgan etwa erhöhte sein Kursziel von 5055 auf 6300 Dollar und sieht einen „sauberen, strukturellen Trend zur Diversifikation“, der sowohl von Zentralbanken als auch von Großanlegern getragen werde.

Die Schweizer UBS geht sogar noch einen Schritt weiter: Sie erwartet 6200 Dollar bis September und sieht in einem eskalierenden „Stress-Szenario“ sogar Potenzial bis 7200 Dollar. Auch die Deutsche Bank bekräftigte ihr Ziel von 6000 Dollar und setzt darauf, dass die Zentralbanknachfrage nach physischem Gold unelastisch bleiben wird. Goldman Sachs hob sein Ziel auf 5400 USD an und verwies darauf, dass die private Diversifikation in Gold nun vollends in Gang gekommen sei.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und Business Insider erstellt.

Michael Höfling schreibt für WELT über Immobilien, Wirtschaftspolitik und Gold. Gemeinsam mit Michael Fabricius ist er für den Immobilien-Newsletter „Frage der Lage“ zuständig, den Sie hier abonnieren können.

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