Die wirtschaftliche Lage im deutschen Mittelstand spitzt sich weiter zu. „Viele Unternehmen ziehen sich zurück“, heißt es in einer Analyse des IT-Dienstleisters Datev. Die Quote der geplanten und der ungeplanten Geschäftsaufgaben steige ebenso an wie Verlagerungen ins Ausland. „Der Mittelstand gibt auf. Es ist keine Schockwelle, sondern ein schleichender Rückzug, getrieben von hohen Kosten, schwacher Nachfrage, erdrückender Bürokratie und dem Mangel an Nachfolgelösungen“, sagt Robert Mayr, der Vorstandschef von Datev.

Das Unternehmen aus Nürnberg gilt als einer der führenden Anbieter von Buchhaltungssoftware für Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Rechtsanwälte in Deutschland – und hat dadurch Zugriff auf anonymisierte Daten zum Zustand der Unternehmen. Und die seien besorgniserregend, heißt es in aktuellen Analysen, die WELT vorliegen.

Demnach liegt die Quote der geplanten Betriebsaufgaben – sei es aus persönlichen Gründen wie Krankheit oder Rente, wegen fehlender Nachfolgelösungen oder aufgrund von mangelnder Rentabilität – im Jahr 2025 bei 1,51 Prozent nach 0,97 Prozent im Vorjahr. Der Anteil ungeplanter Geschäftsaufgaben wiederum durch beispielsweise Liquiditätsengpässe oder gar Insolvenzen stieg von 0,54 auf 0,73 Prozent.

Bei Letzteren zeigt sich dabei eine regionale Verschiebung. War bei den erzwungenen Geschäftsaufgaben 2024 insbesondere der Osten betroffen, liegen die Hotspots nun im Westen, meldet Datev. Besonders groß ist das Plus dabei in Nordrhein-Westfalen mit einer Quote von 1,16 Prozent nach zuvor 0,69 Prozent.

Zugelegt haben die Fallzahlen zudem auch in Baden-Württemberg und in den Bundesländern im Nordwesten. Bestätigt werde dieses Bild zudem von der Insolvenz-Statistik, die deutliche Zuwächse gegenüber dem Vorjahr in Nordrhein-Westfalen und in Baden-Württemberg zeigt.

Diesen Sprung hat auch Creditreform registriert. Laut der Wirtschaftsauskunftei hatte das bevölkerungsreichste Bundesland im vergangenen Jahr zusammen mit Rheinland-Pfalz den höchsten Zuwachs bei der Insolvenzquote. Mit 100 Insolvenzen pro 10.000 Unternehmen liegt NRW nun auf Platz zwei der Pleite-Statistik, übertroffen nur von Berlin mit 130 Fällen. Die geringsten Quoten haben umgekehrt Thüringen mit 48 und Brandenburg mit 55 betroffenen Betrieben pro 10.000 Unternehmen. Auch Creditreform sieht dabei den Mittelstand unter Druck. Jedenfalls ist die Zahl der Betroffenen besonders hoch bei den Klein- und Kleinstunternehmen.

Deutlich wird die schwierige und teils existenzbedrohende Lage des Mittelstands anhand der Zahlen zu Umsatz, Lohn und Beschäftigung. So haben sich die Erlöse 2025 schon im dritten Jahr hintereinander reduziert, zeigt der aktuelle Datev-Mittelstandsindex. „Nach drei verlorenen Umsatzjahren geraten viele Betriebe zunehmend unter Liquiditäts- und Kostendruck“, heißt es in der zugehörigen Auswertung. „Da geht es dem Mittelstand zunehmend an die Substanz.“

Zumal die Arbeitskosten Jahr für Jahr größer werden. So gab es 2023 und 2024 jeweils Lohnsteigerungen von rund fünf Prozent, 2025 waren es weitere 4,2 Prozent, zeigen die Datev-Zahlen aus den Händen der Steuerberater, die von einer „Belastung für die wirtschaftliche Lage“ und von einer zunehmend „kritisch bewerteten Personalsituation“ sprechen. Entsprechend hoch sei mittlerweile der Anpassungsdruck – was sich 2025 in rückläufigen Mitarbeiterzahlen ausdrückt.

„Da verwundert es nicht, dass die Steuerberater in unserer Befragung von wachsenden Liquiditätsrisiken, Restrukturierungen und zunehmenden Geschäftsaufgaben ihrer Mandanten berichten“, sagt Datev-Chef Mayr. „Viele kleine Unternehmen nähern sich dem Punkt, an dem sich die Geschäftstätigkeit einfach nicht mehr lohnt.“

Diese Entwicklung hat auch Auswirkungen auf die wirtschaftliche Bedeutung des Mittelstands insgesamt. So sind den Daten zufolge die Anteile der kleinen und mittelgroßen Unternehmen an Umsatz und Beschäftigung in Deutschland zuletzt gesunken, zwischen 2018 und 2023 zum Beispiel um jeweils vier Prozentpunkte. Und auch der Anteil an der Bruttowertschöpfung war in diesem Zeitraum rückläufig, konkret um zwei Prozentpunkte.

2025 hat nach ersten Erkenntnissen keine Besserung gebracht. „2025 war ein weiteres verlorenes Jahr für den Mittelstand“, bilanziert Experte Mayr. Zarte Hoffnungen auf eine Stabilisierung der Lage für den Mittelstand hätten sich zum Jahresende jedenfalls nicht erfüllt. Im Dezember zum Beispiel sei die Umsatzentwicklung in sämtlichen Branchen mit Ausnahme der Bauindustrie negativ gewesen – also auch im Handel, der mit dem Weihnachtsgeschäft üblicherweise eine Belebung verzeichnet. „Das Weihnachtsgeschäft ist zum vierten Mal in Folge am Einzelhandel vorbeigegangen“, sagt Mayr. „Vor allem Kleinst- und kleine Unternehmen spüren die anhaltende Kaufzurückhaltung, steigende Kosten und den strukturellen Wandel besonders stark.“

Die fehlende Dynamik trifft aber nicht nur den Mittelstand. Jedenfalls meldet Kreditversicherer Allianz Trade für 2025 auch einen Negativrekord bei Großinsolvenzen. 94 Unternehmen mit mindestens 50 Millionen Euro Umsatz seien in die Pleite gerutscht, acht Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Am stärksten betroffen waren der Dienstleistungssektor, die Automobilindustrie sowie die Chemie- und die Metallindustrie. Mit der neuerlichen Erhöhung setzt sich ein Trend fort, der laut Allianz Trade schon vier Jahre anhält.

Einen neuen Höchststand seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2015 gibt es dabei aber nicht nur hierzulande, sondern auch weltweit – wenngleich Deutschland einer der Treiber ist. Denn von den global 475 Insolvenzen großer Unternehmen entfällt alleine ein Fünftel auf die Bundesrepublik und dort indirekt auch den Mittelstand trifft. „Das Problematische an vielen Großinsolvenzen ist der mögliche Dominoeffekt auf die Lieferketten“, erklärt Maxime Lemerle, der Leiter der Insolvenzanalyse bei Allianz Trade. „Gerade kleine Unternehmen mit einer starken Abhängigkeit von wenigen großen Abnehmern sind hier gefährdet.“

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und Business Insider erstellt.

Carsten Dierig ist Wirtschaftsredakteur in Düsseldorf. Er berichtet über Handel und Konsumgüter, Maschinenbau und die Stahlindustrie sowie Mittelstandsunternehmen.

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