Deutschland erlebt einen beispiellosen Ansturm auf die Fahrprüfungen, doch die Erfolgsbilanz der Prüflinge ist anhaltend schlecht. Wie der aktuelle Datenreport des TÜV-Verbands für das Jahr 2025 belegt, haben die Prüfungszahlen ein neues Allzeithoch erreicht, während die Nichtbestehensquoten auf einem historisch schwierigen Niveau verharren. Dieser Trend setzt eine Entwicklung fort, die bereits in den Vorjahren zu beobachten war.

Die Zahlen verdeutlichen die Dimension: Im vergangenen Jahr wurden über alle Klassen hinweg rund 2,04 Millionen Theorieprüfungen abgelegt – eine Steigerung um 1,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Bei den praktischen Prüfungen fiel das Wachstum mit einem Plus von 4,9 Prozent auf rund 1,89 Millionen Fahrprüfungen sogar noch deutlicher aus.

Der Pkw-Führerschein (Klasse B/BF17) bleibt dabei mit einem Anteil von 80 Prozent an der Theorie und 73 Prozent an der Praxis der unangefochtene Favorit der Deutschen. Richard Goebelt vom TÜV-Verband sieht darin einen Beleg, dass der Führerschein trotz aller Debatten über die Verkehrswende das Rückgrat der individuellen Mobilität bleibt. „Ohne Fahrerlaubnis ist individuelle Mobilität für viele Menschen kaum möglich“, sagt der Fahrbereichsleiter Fahrzeug und Mobilität beim TÜV-Verband.

Ein Lichtblick in der Statistik ist die „Generation Begleitetes Fahren“. Die unter 18-Jährigen erweisen sich als die Musterschüler des Systems. In der Theorieprüfung scheitern sie mit einer Quote von nur 35 Prozent deutlich seltener als der Gesamtdurchschnitt der Pkw-Klasse von 44 Prozent. In der Praxis ist der Unterschied noch deutlicher. Hier fällt bei den unter 18-Jährigen lediglich jede vierte Person durch, während die allgemeine Durchfallquote bei 37 Prozent liegt. Diese Gruppe profitiert laut Experten von einer hohen Lernmotivation und der systematischen Vorbereitung, die sie aus Schule und Ausbildung gewohnt sind.

Das Prüfungssystem wird zunehmend durch Wiederholungsprüfungen belastet. Im Jahr 2025 war mit 31 Prozent fast jede dritte praktische Prüfung in der Klasse B ein Zweit- oder Drittversuch, in der Theorie lag dieser Anteil sogar bei 38 Prozent. Wer einmal scheitert, findet sich oft in einer Abwärtsspirale wieder: Die Erfolgsquoten bei Wiederholern liegen mit 44 Prozent bei den Theorieprüfungen und 58 Prozent bei den Praxisprüfungen weit unter denen der Erstprüflinge. Jede zusätzliche Runde bedeutet für die Betroffenen nicht nur eine mentale Belastung, sondern auch erhebliche finanzielle Mehrkosten.

Verband lehnt Empfehlungen ab

Die Politik steht nun vor der Herausforderung, die Ausbildung zu modernisieren, ohne die Sicherheit zu opfern. Der TÜV-Verband warnt in seinen aktuellen Empfehlungen eindringlich vor einer „Fahrprüfung light“. Während Reformpläne zur Digitalisierung begrüßt werden, stoßen Vorschläge zur Kürzung von Fahrzeiten oder Fragenkatalogen auf massiven Widerstand. Stattdessen plädieren die Prüforganisationen für verbindliche digitale Lernstandskontrollen vor der Prüfungszulassung, um die Prüfungsreife sicherzustellen und die Zahl der Fehlversuche nachhaltig zu senken.

„Wenn theoretische Inhalte ohne klare Kriterien pauschal gekürzt werden, besteht die Gefahr, dass wichtiges Wissen für sicheres Fahren verloren geht“, sagt Goebelt. „Ziel muss sein, die Verkehrssicherheit dauerhaft zu sichern und jungen Menschen einen verlässlichen, fairen Zugang zur Mobilität zu ermöglichen, ohne zusätzliche finanzielle Belastung.“

Trotz der hohen Durchfallquoten zeigt das System laut TÜV auch Erfolge: Seit 2005 sei die Zahl der im Straßenverkehr getöteten 18- bis 25-Jährigen um 70 Prozent gesunken. Um diesen Sicherheitsstandard zu halten, müsse Gründlichkeit in der Ausbildung auch künftig vor reiner Effizienz stehen.

Tatsächlich ist der Führerschein für viele Fahrschüler zu einer finanziellen Herkulesaufgabe geworden. Für die Fahrerlaubnis der Klasse B müssen sie tiefer in die Tasche greifen als je zuvor. Die Kosten liegen nach Angaben des Bundesverkehrsministeriums bei durchschnittlich etwa 3400 Euro, in bestimmten Regionen können es auch bis zu 4500 Euro sein. In den vergangenen Jahren sind die Kosten für den Führerschein deutlich stärker gestiegen als die allgemeine Inflationsrate – eine Entwicklung, die das Verkehrsministerium mit einer Reform stoppen will.

Der Führerschein sei so teuer geworden, weil es strikte Vorschriften gebe und die Bürokratie nach oben getrieben worden sei, sagt Verkehrsminister Patrick Schnieder. Der CDU-Politiker legte einen Modernisierungsplan vor. Zu den Vorschlägen gehören weniger Fragen in der Theorieprüfung, ein verstärkter Einsatz von Fahrsimulatoren und weniger Sonderfahrten etwa nachts oder auf Autobahnen. Derzeit läuft die nötige Abstimmung mit den Bundesländern dazu. Berichten zufolge stellt sich bereits ein Nebeneffekt ein, weil viele junge Menschen die Anmeldung zur Fahrschule aufschieben in der Hoffnung auf günstigere Konditionen.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ geschrieben.

Thomas Heuzeroth ist Wirtschaftsredakteur in Berlin. Er berichtet über Verbraucher- und Technologiethemen, Unterhaltungselektronik und Telekommunikation.

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