WELT: Herr Kümpel, Sie schreiben: Deutschland sitze auf riesigen Erdgas-Ressourcen, darf sie aber nicht nutzen. Wie kommt ein Land in so eine Lage?
Hans-Joachim Kümpel: Indem es sich politisch selbst fesselt. Fracking zur Förderung von Erdgas aus Tonsteinen und Kohleflözen ist in Deutschland gesetzlich verboten. Nicht, weil wir es nicht könnten, sondern weil das Thema in den 2010ern zu einem Symbolkampf gemacht wurde. Aus einem technisch beherrschbaren Verfahren wurde in der öffentlichen Erzählung eine Horror-Technologie. Und Politik folgt oft nicht dem besten Argument – sondern der größten Angst.
WELT: Sie sprechen von „riesigen Vorräten“. Wovon reden wir konkret?
Kümpel: Die vorhandenen Daten zeigen, dass in Deutschland aus dem Tiefenbereich 1000 bis 5000 Meter unkonventionelle Schiefergasmengen von 320 bis 2030 Milliarden Kubikmeter gewinnbar sind. Der realitätsnahe Mittelwert der Vorräte liegt bei 800 Milliarden Kubikmetern. Das ist 20-mal so viel wie die Menge des noch vorhandenen konventionellen Erdgases, die aufgrund laufender Förderungen um jährlich 10 Prozent zurückgehen. Jahresfördermengen von jährlich 20 Milliarden Kubikmeter erscheinen möglich, auf Jahrzehnte hinaus. Solange wir Gas brauchen, könnten wir ein Viertel unseres derzeitigen Bedarfs selbst fördern.
WELT: Wie lange würde es dauern, bis wir Erdgas aus unkonventionellen Lagerstätten fördern könnten?
Kümpel: Ein Bohrplatz ist in einem Monat errichtet. Ein 2000 Meter tiefes und sich über 2000 Meter horizontal erstreckendes Bohrloch kann heute ebenfalls in einem Monat erstellt werden. Rein technisch lässt sich eine Bohrstelle in wenigen Monaten zur Produktion bringen. Viel hängt vom politischen Willen ab, wie beschleunigte Genehmigungen beim Bau von LNG-Terminals 2021/2022 gezeigt haben.
WELT: Das Flüssiggas LNG, gefördert per Fracking, kauft Deutschland teuer ein.
Kümpel: LNG bedeutet: Das Gas wird in Übersee gefördert, extrem heruntergekühlt, über Ozeane verschifft und bei uns wieder regasifiziert – mit hohem Energieaufwand und damit Emissionen. Gleichzeitig machen wir uns abhängiger von Lieferländern und deren Förderstandards, auf die wir keinen Einfluss haben. Und wir verkaufen das als „vernünftig“, obwohl wir uns damit selbst teurer und verwundbarer machen.
WELT: In Deutschland herrscht große Angst vor dem Fracking in heimischen Landschaften, was entgegnen Sie Menschen, die Fracking grundsätzlich für riskant halten?
Kümpel: Man muss zwischen Bildern und Realität unterscheiden. Es wird nur genehmigt, wenn Grundwasserschutz, Bohrplatzsicherung, Verrohrung, Zementierung, Leckage-Überwachung, Abwasser-Handling – alles – nach strengen Vorgaben läuft. Die Schreckensszenarien sind ausgedacht und wurden politisch ausgeschlachtet. Etwa das Erdbeben-Narrativ: Bei unkonventionellen Lagerstätten entstehen keine großräumigen Druckunterschiede wie bei manchen konventionellen Förderungen – deshalb ist die Erdbebengefahr, die gerne beschworen wurde, zu vernachlässigen.
WELT: Große Popularität erzielte eine Video-Sequenz aus dem Film „Gasland“, die Feuer an einem aus dem Wasserhahn fließenden Wasserstrahl zeigt. Die Szene sollte beweisen, dass durch Fracking-Vorgänge Methan ins Grundwasser gelangt war.
Kümpel: Ein Fake, die Szene wurde filmisch mit einer Butangasflasche inszeniert. Isotopenanalytisch lässt sich der unterstellte Vorgang ausschließen. Risiken sind beherrschbar – aber in der Debatte wurde so getan, als wären sie prinzipiell unbeherrschbar.
WELT: Wie kam es politisch zum Fracking-Verbot?
Kümpel: Weil sich in den 2010ern eine ungesunde Interessen-Koalition gebildet hat – und weil emotionale Kampagnen stärker waren als nüchterne Sachkunde. Es gab Akteure, die von einer Nicht-Konkurrenz zum deutschen Erdgas profitierten. Es gab politische Lager, für die „Anti-Fracking“ identitätsstiftend wurde.
Und es gab eine mediale Dynamik, in der spektakuläre Bilder – brennender Wasserhahn und dergleichen – mehr Wirkung hatten als Bohrtechnik, Hydrogeologie, Gesteinsphysik oder Leckage-Monitoring. Das Ergebnis war eine Art politischer Kurzschluss: Verbot statt Regelwerk.
WELT: Sie nennen das russische Unternehmen Gazprom als einen Nutznießer. Was ist Ihr Punkt?
Kümpel: Mein Punkt ist: Wenn Deutschland als größter Abnehmer plötzlich eigene relevante Fördermengen aufbaut, schwächt das einen dominanten Lieferanten. Gazprom hatte, logisch betrachtet, kein Interesse daran, dass Deutschland sich unabhängiger macht. Dazu kommt, dass das Pipelineprojekt Nordstream 2 unterwegs war. Eine heimische Gasförderung wäre da ein Störfaktor gewesen – wirtschaftlich und geopolitisch. Ich behaupte nicht, man könne jede Entscheidung auf einen einzigen Drahtzieher reduzieren. Aber ich sage: Es ist naiv zu glauben, dass in einem so großen Energiegeschäft keine strategischen Interessen wirken.
WELT: Auch Ex-Kanzler Gerhard Schröder und SPD-Netzwerke bringen Sie ins Spiel – welche Rolle spielten sie?
Kümpel: Schröders Nähe zu Nordstream und Moskau ist bekannt, und er war direkt in Strukturen eingebunden, die vom Gasfluss aus Russland profitierten. Gleichzeitig fiel die Fracking-Entscheidung in eine Zeit, in der Deutschland seine Abhängigkeit von Russland nicht etwa reduzierte, sondern durch Nordstream 2 sogar vertiefen wollte. Wenn dann ausgerechnet die heimische Option politisch beerdigt wird, ist die Frage nach Einfluss und Motiven nicht „Verschwörung“, sondern Aufklärungspflicht.
WELT: Sie schildern auch einen mysteriösen Ressortwechsel: Plötzlich war fürs Fracking das Umweltministerium zuständig, nicht mehr das Wirtschaftsministerium. Was war da los?
Kümpel: Das Wirtschaftsministerium ist federführend, wenn es um Rohstoff- und Versorgungspolitik, um Technologie und Regulierung geht. Wenn das Umweltministerium übernimmt, wird es automatisch zum „Wasserschutz-Alarm“ – und die Debatte kippt. Mithilfe des Umweltbundesamtes wurde Schiefergasförderung als Hochrisiko gebrandmarkt, obwohl fachliche Einordnungen aus geowissenschaftlicher Perspektive die Einstufung überhaupt nicht rechtfertigen. Aber wer will schon gegen „Wasserschutz“ argumentieren?
WELT: Der Bundestag hätte laut eigenem Beschluss das Fracking-Verbot eigentlich anhand des Stands von Wissenschaft und Technik prüfen müssen – hat es aber nicht getan. Warum?
Kümpel: Weil Mut fehlte, einen einmal emotional aufgeladenen Mythos wieder einzufangen. Sobald ein Thema als „umstritten“ gelabelt ist, meiden Abgeordnete die Debatte. Man riskiert Schlagzeilen, Proteste, Angstkampagnen. Also lässt man es liegen. Nun bleibt Deutschland in einer Lage, in der es sich teuer auf dem Weltmarkt mit Erdgas eindecken muss.
WELT: Sie rechnen vor: Ohne das Fracking-Verbot wären in fünf Jahren 90 Millionen Tonnen CO₂ weniger ausgestoßen worden. Wie ist das möglich?
Kümpel: Weil es die moralische Selbsttäuschung offenlegt. Wir tun so, als sei „Anti-Fracking“ klimafreundlich, in Wahrheit ist das Gegenteil der Fall, wenn man dafür LNG importiert – mit höherem Energieaufwand und potenziell höheren Methanverlusten.
WELT: Sie schreiben, heimische Bohrungen könnten später für Energiegewinnung aus Geothermie genutzt werden. Wie kann das klappen?
Kümpel: Tiefe Bohrungen sind der teuerste Teil vieler Geothermie-Projekte. Wenn Bohrinfrastruktur vorhanden ist, reduzieren sich die Anfangsinvestitionen enorm – und in den Tiefen, in denen solche Bohrungen verlaufen, herrschen Temperaturen, die geothermisch nutzbar sind. Das heißt nicht, dass jede Bohrung automatisch ein Geothermie-Kraftwerk wird. Aber es heißt: Man hat Know-how und Infrastruktur, die später für erneuerbare Grundlast nutzbar sein kann. Das ist genau die Art Übergangsdenken, die Deutschland sonst ständig fordert – aber hier blockiert.
WELT: Wie lautet Ihr Resümee?
Kümpel: Dass Deutschland sich aus Angstkampagnen und Interessenpolitik heraus eine Option verbietet, die Versorgungssicherheit erhöht, Kosten senken kann und real Emissionen reduziert – und sich nun wundert, wenn es in kalten Wintern wieder eng wird. Das ist kein Naturgesetz. Das ist selbst gemacht.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.