Sturm und Eiseskälte und eine Million Menschen ohne Strom und Heizung. Das Orkantief Éowyn stürzte vor fast genau einem Jahr Irland tagelang ins Chaos. Derek Hynes, Chef des Stromnetzbetreibers „Northern Ireland Electricity Networks“ setzte einen europaweiten Hilferuf ab – und die Deutschen kamen sofort.
Rund 50 Techniker der E.on-Netzgesellschaften Avacon, HanseWerk und Westnetz packten umgehend Werkzeug in den Kofferraum ihrer privaten Pkw und fuhren los. Einige brachen dafür ihren Urlaub ab.
Die Düssseldorfer E.on-Zentrale schickte ein Vorauskommando im Flugzeug nach Dublin. Blackout – ein wenig bekannter Fall gelebter internationaler Solidarität.
Großflächige, ungeplante Stromausfälle gibt es immer wieder. In Berlin kappte die kriminelle „Vulkangruppe“ wiederholt Stromleitungen. Anfang Januar schickten die Linksterroristen dort rund 45.000 Haushalte fünf Tage in den Blackout. Die Polizei ermittelt noch.
Am 12. Mai vergangenen Jahres brach die Stromversorgung der gesamten iberischen Halbinsel für rund zehn Stunden zusammen. Sieben Todesfälle werden mit dem Blackout in Verbindung gebracht.
Der Verband europäischer Netzbetreiber „Entso-e“ will seine Ermittlungen in diesem Frühjahr abschließen und erklären, ob womöglich ein Mangel steuerbarer Kraftwerke und ein Übermaß an Solarstrom verantwortlich war.
Stromausfall wegen Energiewende?
Ob die Energiewende die Gefahr eines Stromausfalls erhöht, ist umstritten. Die Bundesnetzagentur verweist auf den internationalen „System Average Interruption Duration Index“ (Saidi).
Der Wert gibt an, wie lange die Bewohner im Schnitt unter ungeplanten Stromausfällen zu leiden haben. Mit 11,7 Minuten hat Deutschland einen der besten Werte der Welt.
Doch die Aussagekraft ist gering. Denn der Saidi-Wert misst nur Stromunterbrechungen, die länger als drei Minuten dauern. Dabei kann schon ein Flackern im Sekundenbereich die Leistungselektronik von Fabriken lahmlegen.
Als Anfang Februar in Stuttgart Ampeln ausfielen, Fahrstühle stecken- und die Stadtbahn stehen blieb, war dafür ein nur 0,06 Sekunden dauernder Spannungsabfall aufgrund eines Schaltfehlers im Umspannwerk schuld.
Auch die Bundesnetzagentur warnt: Der Saidi-Index sei „letztlich kein tauglicher Indikator für die Ankündigung einer Verschärfung der Versorgungssicherheitssituation“.
Denn der so beruhigende Wert ist nur ein Blick zurück, während die Gefahren in der Zukunft liegen: Das gesamte Stromsystem wird umgebaut, weg von zentralen, steuerbaren Großkraftwerken hin zu Millionen von dezentralen privaten, wetterabhängigen Kleinerzeugern.
Der Verband Entso-E berechnet in seinem sogenannten ERAA-Report, an wie vielen Stunden pro Jahr die erwartete Stromnachfrage größer sein wird als das Stromangebot. Diese Unterdeckung, genannt „Loss of Load Expectation“ (LOLE), steigt in den meisten EU-Ländern in den nächsten Jahren an.
„In ganz Europa bestehen erhebliche Versorgungsrisiken“, heißt es im jüngsten Bericht. Mit einer erwarteten Unterdeckung von bis zu 31 Stunden im Jahr 2030 wird in Deutschland der definierte Versorgungssicherheitsstandard von 2,77 Stunden am weitesten überschritten.
In diesen Stunden wird Deutschland zwingend auf Stromimporte oder auf die Abschaltung industrieller Großverbraucher angewiesen sein, wenn es nicht zum Blackout kommen soll.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ geschrieben.
Daniel Wetzel ist Wirtschaftsredakteur in Berlin. Er berichtet über Energiewirtschaft und Klimapolitik. Er wurde 2007 vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI) mit dem Robert-Mayer-Preis ausgezeichnet und vom Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität Köln 2009 mit dem Theodor-Wessels-Preis.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.