Rasseln, Klatschen und immer wieder Bahngeräusche im Hintergrund. Vor der Berliner Zentrale der DB Systel haben sich am Mittwochmorgen rund 150 Beschäftigte versammelt. Sie halten Schilder hoch, auf denen Parolen stehen wie: „Berlin sagt ‚Nein‘ zur Zerschlagung von DB Systel“. Währenddessen läuft aus den Lautsprechern der Karaoke-Klassiker „Don’t Stop Believin’“. Die Botschaft ist eindeutig: Vor dem Hintergrund eines Stellenabbaus bei der Informatiksparte der Bahn halten die Beschäftigten zusammen.
Die Kundgebung richtet sich gegen Maßnahmen, die aus Sicht der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) auf eine massive Schwächung der IT-Tochter der Deutschen Bahn hinauslaufen. Die Gewerkschaft warnt vor bisher nicht bestätigten Plänen, wonach bis zu zwei Drittel der Arbeitsplätze wegfallen könnten. An den Hauptstandorten Frankfurt, Berlin und Erfurt arbeiten insgesamt über 7000 Beschäftigte. An allen drei Standorten finden am Mittwoch Protestaktionen statt.
Die DB Systel ist eine hundertprozentige Tochter der DB AG und fungiert als interner IT-Dienstleister des Konzerns. Sie kümmert sich etwa um die Digitalisierung im Konzern. Auch der Bereich Cybersicherheit gehört dazu. Die DB Systel und ihre Mitarbeiter kommen dann zum Einsatz, wenn Hacker versuchen, auf die Daten des größten Bahnkonzerns Europas zuzugreifen. Und wie real diese Bedrohung ist, zeigte sich erst vor wenigen Tagen.
Cyberangriff auf Bahnsysteme
Bei einer sogenannten DDoS-Attacke auf die IT-Systeme der Deutschen Bahn schickten Hacker massenhaft Anfragen an das System und legten so die Website der Bahn und den DB-Navigator zeitweise lahm. Bahnfahrer konnten ihre Buchungen nicht einsehen oder Tickets kaufen. Die Attacke sei gezielt und in Wellen erfolgt, das Ausmaß erheblich gewesen, wie die Bahn mitteilte.
Die Bahn stand daraufhin im Austausch mit den Bundesbehörden. Auch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) wurde eingeschaltet. Wer hinter dem Angriff steckt, ist offiziell weiterhin nicht bestätigt. BILD (gehört wie WELT zu Axel Springer) berichtete über eine Spur, die nach Russland führe. Bereits in der Vergangenheit gab es ähnliche Hackerangriffe aus Russland, um kritische Infrastruktur in Nato-Ländern lahmzulegen.
Für die EVG ist der Cyberangriff ein Beleg dafür, warum eine starke, zentral organisierte IT-Struktur notwendig sei. Auf der Kundgebung wird argumentiert, die DDoS-Attacke habe gezeigt, wie wichtig es sei, wenn Gegenmaßnahmen zentral gesteuert würden und nicht auf verschiedene Dienstleister verteilt seien. Cybersicherheit ohne zentrale Struktur sei kaum zu gewährleisten.
Neben dem Stellenabbau warnt die EVG daher vor einer Zerschlagung der DB-Tochter. Unter dem Titel „Transformation der DB Systel“ plane der Konzern laut EVG, viele IT-Aufgaben zu dezentralisieren. In einer Stellungnahme formuliert die Gewerkschaft scharf: „Das ist kein Sparprogramm mehr – das ist ein Angriff auf die Funktionsfähigkeit des gesamten Systems Bahn.“ Ohne die IT-Fachkräfte seien „digitale Ticketverkäufe, Echtzeitinformationen und stabile IT im Betriebsablauf nicht zu halten“. Wer hier spare, produziere Störungen und Frust.
Besonders alarmierend sei, dass der geplante Personalabbau „komplett im Blindflug“ erfolge. Unklar sei, welche Teams künftig Projekte verantworten, wie Rufbereitschaften organisiert würden, wer im Notfall reagiere und wie zentrale Aufgaben erfüllt werden könnten. „Eine größere Einladung an Hacker und Ausfälle hat es in der deutschen Wirtschaftsgeschichte wohl selten gegeben“, heißt es weiter. Die Forderung: ein sofortiger Stopp der Pläne.
Die Deutsche Bahn weist die Vorwürfe zurück. Eine Zerschlagung der DB Systel sei – wie von der EVG heraufbeschworen – nicht geplant. „Digitalisierung und IT sind ein wesentlicher Schlüssel, um die Bahn pünktlicher, verlässlicher und wirtschaftlicher zu machen. Dafür brauchen wir einen starken internen IT-Dienstleister wie die DB Systel, um mit voller Kraft unsere Digitalisierungsprojekte zu treiben und zu unterstützen“, erklärt eine Bahnsprecherin. Auch die genannte Anzahl vom Abbau betroffener Stellen kann der DB-Konzern nicht bestätigen. Klar sei: „Wir werden nichts umsetzen, was die Betriebssicherheit unserer IT-Systeme gefährdet.“ IT-Services und Kundeninformationen hätten „weiterhin höchste Priorität und werden stetig verbessert“.
Zugleich macht der Konzern deutlich, dass er Strukturen überprüfen will. Man wolle und müsse „schlanker, schneller und kundenorientierter werden“. Das gelte auch für konzerninterne Dienstleister wie DB Systel. In den nächsten Monaten würden im Rahmen des Neustarts Zukunftskonzepte erarbeitet, „noch sind keine unternehmerischen Entscheidungen gefallen, auch nicht bezüglich der Standorte“. Der Austausch mit den Sozialpartnern sei wichtig, ein Grundsatzgespräch mit Konzernbetriebsrat, Gesamtbetriebsrat und EVG solle möglichst in der ersten Märzhälfte stattfinden. Seitens der Bahn nehmen daran die Vorstandsvorsitzende Evelyn Palla, Finanzvorständin Karin Dohm und Personalvorstand Martin Seiler teil.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Klemens Handke ist Wirtschaftsredakteur. Er schreibt über Verkehrspolitik, die Deutsche Bahn und steht für Business Insider auch vor der Kamera.
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