Bei strahlendem Sonnenschein schießt das graue Speedboot durch das Hafenbecken der Werft Blohm+Voss in Hamburg. Es wendet, beschleunigt, stoppt und fährt wieder an. Das etwa 8,5 Meter lange Fahrzeug, das von einem Dieselmotor angetrieben wird, soll künftig in großer Zahl die europäischen Seegebiete überwachen – ferngesteuert von Land oder von bemannten Schiffen aus. Es ist bis zu 35 Knoten schnell (65 Stundenkilometer).

Eine Woche nach der Übernahme der Werftgruppe Naval Vessels Lürssen (NVL) präsentiert Rheinmetall ein wesentliches Zukunftsgeschäft seiner neu erworbenen maritimen Sparte. Alle vier Werften von NVL in Hamburg, Wilhelmshaven und Wolgast bilden nun die Division Naval Systems bei Rheinmetall, dem größten deutschen Rüstungskonzern. Sämtliche Mitarbeiter und das gesamte Management wechselten vom Bremer Familienunternehmen Lürssen zu Rheinmetall.

Ein tiefgreifender Umbruch war allerdings schon vor der Übernahme im Gange. Im vergangenen Jahr hatte NVL mit dem britischen Unternehmen Kraken Technology Group das Gemeinschaftsunternehmen NVL Kraken gegründet. Kraken bringt dabei seine Erfahrungen aus dem Bootsrennsport ein, NVL die Expertise aus der Marinerüstung. Ziel von NVL Kraken ist eine Großserienproduktion ferngesteuerter Schnellboote zur Überwachung von Seegebieten. Zugleich arbeitet die neue Marinesparte von Rheinmetall auch an der Entwicklung komplett autonom fahrender Überwasser-Seedrohnen.

Blohm+Voss wird bei Rheinmetall das Endmontagezentrum für große Marineschiffe sein – so, wie bereits bei Lürssen. Fregatten, Korvetten und auch Aufklärungsschiffe – sogenannte Flottendienstboote – sollen in wachsender Zahl in Hamburg finalisiert und an die Deutsche Marine abgeliefert werden. Zugleich wird die Werft Blohm+Voss für Rheinmetall das Haupt-Produktionszentrum für unbemannte Seefahrzeuge sein. „Die Produktion des Systems Kraken K3 Scout hat in Großbritannien bereits begonnen, jetzt fahren wir sie auch bei Blohm+Voss hoch“, sagte NVL-Chef Tim Wagner, der nun Chef der Rheinmetall-Marinesparte ist. Man peile zunächst eine Produktion von 200 ferngesteuerten Schnellbooten im Jahr an, sagte Wagner. Allein dafür benötige man 50 Mitarbeitende. Derzeit haben NVL Kraken „150 Aufträge verschiedener Nato-Marinen“.

Die Zahl der Beschäftigten bei Blohm+Voss werde von derzeit rund 650 Menschen absehbar „auf bis zu 1000 Personen“ steigen, wenn der Bau von bemannten und unbemannten Überwasser-Marineschiffen wie geplant hochgefahren wird. Bei Blohm+Voss gibt es für die ferngesteuerten Boote laut Wagner ein Potenzial „von bis zu 1000 Einheiten im Jahr“.

Anlass für die Demonstration des unbemannten Kraken-Bootes war der Besuch von Christoph Ploß (CDU), dem maritimen Koordinator des Bundes. Ploß, Bundestagsabgeordneter aus Hamburg, startete am Montag seine Frühjahrstour zu maritimen Standorten in Norddeutschland. Er sagte, die Bundesregierung werde ihre Unterstützung für die maritime Wirtschaft umfassend verstärken. „Wir wollen diese Branche nach Kräften unterstützen. Ein starker maritimer Standort Deutschland ist wichtig für die Wirtschaft und auch für die Sicherheit unseres Landes.“ Ein neu geschaffener Arbeitsplatz bei Blohm+Voss schaffe „fünf weitere Arbeitsplätze bei Zuliefer- und Dienstleistungsunternehmen in der Region.“

WELT AM SONNTAG hatte am Wochenende exklusiv darüber berichtet, dass der Bund die deutschen Werften in sein sogenanntes Großbürgschaftsprogramm mit aufnimmt. Dabei werden Kredite von einem Volumen von 20 Millionen Euro an mit einem Anteil von bis zu 80 Prozent abgesichert, in einer Kooperation von Bund und Ländern. Dieses Instrument wird aus Sicht von Ploß vor allem den privatwirtschaftlichen, mittelständischen Werften in Deutschland dabei helfen, die Bauverläufe von zivilen Schiffen leichter und sicherer zu finanzieren: „Wir werden zudem auch die maritimen Forschungsprogramme stärken“, sagte Ploß.

Bei dem System der unbemannten, ferngesteuerten Schiffe will Rheinmetall als Dienstleister auftreten und mithilfe der Seedrohnen bestimmte Areale und Anlagen auf See engmaschig überwachen. Die Kraken-Boote könnten bis zu einem Jahr auf See bleiben, sagte Wagner, der limitierende Faktor hierbei sei vor allem der Kraftstoff an Bord. Sobald ein Boot zur Überholung und Betankung aus dem Einsatz genommen werde, könne man es künftig „sofort durch ein anderes ersetzen“.

Die mit 8,50 Meter relativ kleinen Abmessungen, die denen von Sportbooten entsprechen, sind aus Sicht von Wagner nur der Anfang der Entwicklung. Man werde voraussichtlich noch in diesem Jahrzehnt, unterstützt auch durch ein Forschungsprogramm der EU, ein ferngesteuertes Schiff von bis zu 60 Metern Länge sehen. Die Deutsche Marine setzt in ihrem Flottenentwicklungsprogramm, dem „Zielbild ab 2035“, dezidiert auch auf den verstärkten Einsatz von Drohnen auf dem Wasser, unter Wasser und in der Luft sowie auf Künstliche Intelligenz. Anders sind die anstehenden Verteidigungsaufgaben aus Sicht der kleinsten deutschen Teilstreitkraft schon allein personell nicht zu bewältigen.

Komplizierter ist bislang noch die Entwicklung völlig autonom fahrender Meeresdrohnen. „Es gibt heute noch keine autonom fahrenden Boote“, sagte Wagner. Für deren Entwicklung brauche man von der öffentlichen Hand zum Beispiel spezielle Genehmigungen, um sie in den eng befahrenen deutschen Seegebieten unter realistischen Bedingungen testen zu können. Auch darüber habe man am Montag in Hamburg mit dem maritimen Koordinator Ploß gesprochen.

Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit mehr als 30 Jahren über die maritime Wirtschaft, über Schifffahrt, Häfen und Werften.

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