Am Ende schnappt sich Miguel López nochmal das Mikrofon und legt los. „Es ist nicht Brüssel, es ist Berlin“, sagt der Vorstandsvorsitzende von Thyssenkrupp gleich mehrfach – und greift damit die Bundesregierung frontal an. Fast drei Stunden lang hat er zuvor mit Kommunalpolitikern zusammengesessen beim sogenannten „Zukunftsforum Rhein-Ruhr“ in der Villa Hügel in Essen, dem früheren Wohn- und Repräsentationsbaus der Familie Krupp. Thema: der Strukturwandel im Ruhrgebiet im Allgemeinen und der von Thyssenkrupp im Besonderen.

Immerhin arbeiten 34.000 der insgesamt 93.000 Beschäftigten des Traditionsunternehmens an 100 Standorten in Nordrhein-Westfalen, die meisten davon an Rhein und Ruhr. Und die Lage ist ernst: Zwar ist der Pott nach wie vor der größte Stahlstandort in Europa. Das industrielle Herz der Region schrumpft aber beständig und zuletzt auch immer schneller. Parallel dazu verharrt Thyssenkrupp seit etlichen Jahren in einer Art Dauerkrise.

López sucht nun den Dialog mit Oberbürgermeistern, Stadtdirektoren und Wirtschaftsförderern aus der Region, etwa aus Duisburg, Dortmund, Hagen, Bochum, Gelsenkirchen, Essen oder Mülheim an der Ruhr. Und von denen fordert er, laut zu werden in Berlin und beispielsweise auf bessere Rahmenbedingungen für die Industrie zu pochen, damit Arbeitsplätze in ihren eigenen Städten erhalten bleiben. „Jede Meinung, jede Äußerung aus den Kommunen ist wichtig“, sagt der Manager. „Wir brauchen Ihre Unterstützung.“ Gemeinsam könne man viel bewegen. „Und das müssen wir auch. Können ist nicht mehr ausreichend.“

Argumentationshilfe liefert López gleich mit. Insgesamt drei Forderungen hat er an die schwarz-rote Koalition in Berlin – da sind Klassiker-Themen wie Bürokratieabbau nicht mal dabei. Die erste betrifft die Strompreise. Die lägen hierzulande bei 18,3 Cent für die Industrie und damit 17 Prozent über dem EU-Schnitt. In den USA und China würden sogar nur etwa acht Cent fällig. „Das ist kein abstraktes Problem, das sind die Rahmenbedingungen, unter denen unsere Standorte im weltweiten Wettbewerb stehen.“ Der Preis müsse daher dringend runter, mittelfristig auf fünf Cent – und zwar unsubventioniert.

Denn den Konkurrenzkampf verliere die deutsche Industrie zunehmend. Thyssenkrupp zum Beispiel hat im Dezember vorübergehend die Produktion seiner Konzerntochter Thyssenkrupp Electrical Steel (TKES) in Gelsenkirchen gestoppt, die sogenanntes kornorientiertes Elektroband herstellt. Gebraucht wird dieser Werkstoff vor allem in der Energiewirtschaft, etwa für den Transport von Strom vom Kraftwerk bis in die Steckdose der Haushalte, vor allem aber in Transformatoren von Umspannwerken und Windkraftanlagen.

„Billigimporte aus Asien haben den Markt massiv unter Druck gesetzt“, begründet López die Pause, die Gelsenkirchens neue Oberbürgermeisterin Andrea Henze (SPD) nach eigener Aussage „erschrocken“ und „betroffen gemacht“ habe. „Mir ist das Herz stehen geblieben.“ Deshalb sei ihre erste Reaktion auch gewesen: „Was können wir tun?“ Und schon damals war der Wunsch von Thyssenkrupp, sich auch in Berlin für Unterstützung stark zu machen.

Zweite Forderung des Managers ist mehr Handelsschutz. „Die USA ziehen die Zollmauer hoch, Produkte aus China drängen damit verstärkt auf unsere Märkte – und das zu Preisen, die teils deutlich unter unseren Produktionskosten liegen.“ Brüssel habe das erkannt. „Brüssel gibt uns Schutz“, sagt López. „Berlin müssen wir adressieren.“

Dritter Punkt schließlich sei die Unterstützung der Autobranche. „Unser Stahl hängt zu 40 bis 50 Prozent an der Automobilindustrie.“ Die müsse stabilisiert und wieder ins Wachstum gebracht werden. Denn seit 2016 sei die Fahrzeugproduktion in Deutschland um fast 30 Prozent eingebrochen, von 5,7 Millionen auf nur noch 4,1 Millionen Autos. „Die Umstellung auf Elektromobilität stockt. Viele Hersteller treten auf die Bremse oder legen sogar den Rückwärtsgang ein – auch aufgrund unklarer politischer Vorgaben.“

Thyssenkrupp fährt sein Werk für Fahrzeugkomponenten in Hagen daher schrittweise zurück. „Die schwache Autokonjunktur, stark gestiegene Energiepreise, hohe Lohnkosten und Konkurrenz aus China haben die Wettbewerbsfähigkeit so geschwächt, dass wir im Seriengeschäft keine neuen Aufträge mehr gewinnen“, begründet López, der von der Bundesregierung mehr Fokus fordert. „Wir brauchen nicht 20 Prioritäten.“

Es dürfte nicht der letzte schmerzhafte Eingriff sein in den kommenden Monaten und Jahren. Zumal das Management einen tiefgreifenden Konzernumbau angestoßen hat. Künftig soll die Zentrale in Essen nur noch eine Art Finanzholding sein – was dort absehbar zu einem spürbaren Abbau von Arbeitsplätzen führen wird. „Aces 2030“ heißt das entsprechende Programm, an dessen Ende die Eigenständigkeit aller Segmente stehen soll, wahlweise über Börsengänge oder Verkäufe.

Die Marine-Tochter TKMS ist bereits am Aktienmarkt – und dort aktuell sogar mehr wert als die Muttergesellschaft Thyssenkrupp, die 51 Prozent der Anteile hält. Folgen sollen noch die Stahlsparte TKSE, das Werkstoffgeschäft Material Services, die Autozuliefersparte Automotive Technology und Decarbon Technologies, wo das Geschäft mit grünen Technologien gebündelt ist, darunter die Mehrheitsbeteiligung an der börsennotierten Wasserstofftochter Nucera. Und López verteidigt diesen Schritt. „Wir betreiben diesen Umbau nicht leichtfertig. Aber nichts tun ist keine Option.“

„Sehr guten Angeboten werden wir uns nicht verschließen“

Das gilt vor allem für den Stahl, der seit Jahren defizitär arbeitet. Aktuell befindet sich Thyssenkrupp in Gesprächen mit dem indischen Konkurrenten Jindal Steel über einen Verkauf der Sparte mit Sitz in Duisburg. Ein Selbstläufer ist das indes nicht. Das macht ein Nebensatz von López beim Zukunftsforum deutlich. „Wir machen den Stahl fit für die Zukunft – ob mit oder ohne Jindal.“

Der Manager öffnet damit die Tür für weitere Optionen. Vielleicht, weil ihm die Gespräche mit Jindal zu lange dauern. Seit September schon gibt es den Kontakt zwischen beiden Seiten, also mehr als ein halbes Jahr. Denkbar scheint jedenfalls auch der Verkauf an ein anderes Unternehmen. „Sehr guten Angeboten werden wir uns nicht verschließen“, betont López am Rande der Veranstaltung in der Villa Hügel.

Ob damit der US-Investmentfonds Flacks Group gemeint ist, ließ der Manager offen. Die auf Krisenunternehmen spezialisierten Amerikaner haben jüngst Interesse bekundet. Man sei „bereit, ein Angebot abzugeben“, sollten die aktuellen Bemühungen von Thyssenkrupp scheitern, die Stahlsparte zu veräußern, sagt Flacks-Chef Michael Flacks. Gespräche hat es laut Thyssenkrupp noch nicht gegeben.

Klar sei indes, so betont es López: Man werde den Stahl nicht um jeden Preis verkaufen. „Ich habe immer gesagt, dass Stahl Zukunft ist und dass ich an den Stahl glaube.“ Kommt also die große Wende und die Keimzelle von Thyssenkrupp bleibt doch unter eigener Führung? Dazu passt jedenfalls die Aussage der TKSE-Chefin, die ihre Sparte „enkelfähig“ machen will.

Duisburgs Oberbürgermeister Sören Link (SPD) dürfte jede Lösung begrüßen, die möglichst viele Arbeitsplätze in seiner Stadt hält. Den Appell des Unternehmens, dafür in Berlin Druck zu machen, will er nachkommen. „Wir sind gerne das Sprachrohr für die Industrie im Ruhrgebiet“, versichert Link. Allerdings hätte er sich Vertreter der Bundespolitik auch beim Zukunftsforum gewünscht. Dabei fordert er den Zusammenhalt aller Städte. „Die größten Belastungen kann man stemmen, wenn man sie gemeinsam stemmt.“

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Carsten Dierig ist Wirtschaftsredakteur in Düsseldorf. Er berichtet über Handel und Konsumgüter, Maschinenbau und die Stahlindustrie sowie Mittelstandsunternehmen.

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