Es ging dann doch sehr schnell, nur wenige Wochen lagen zwischen den ersten Informationen zu einem Börsengang des Unternehmens Vincorion und der ersten Notierung an diesem Freitag. Das Rüstungs-Zulieferunternehmen mit Hauptsitz in Wedel fertigt elektronische und hydraulische Komponenten, etwa für den Kampfpanzer Leopard oder den Schützenpanzer Puma, die Stromversorgung für das Luftabwehrsystem Patriot oder auch Seilwinden für Hubschrauber.
Das Geschäft boomt, und der Haupteigner von Vincorion, der britische Finanzinvestor Star Capital Partnership, macht Kasse. Allerdings will Star Capital, das vor dem Börsengang rund 88 Prozent der Anteile hielt, mit nun 47,5 Prozent weiterhin größter Einzelaktionär von Vincorion bleiben. Die Börse bewertete Vincorion beim Ausgabekurs von 17 Euro mit insgesamt rund 850 Millionen Euro – Star Capital hatte seinen Anteil an Vincorion vor vier Jahren für 130 Millionen Euro gekauft.
In Wedel freut sich der Vorstandvorsitzende Kajetan von Mentzingen über den guten Start der Vincorion-Aktie, die mehrfach überzeichnet war und die am Freitag bei fast 20 Euro notierte: „Der Börsengang ist ein bedeutender Meilenstein für unser Unternehmen“, sagt er. „Wir sind davon überzeugt, dass dieser Schritt uns noch besser in die Lage versetzt, unseren erfolgreichen Wachstumskurs an unseren Standorten gemeinsam mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nachhaltig fortsetzen zu können.“
Bis 2022 war Vincorion – das damals noch nicht so hieß – die Mechatronik-Sparte des Hochtechnologie-Konzerns Jenoptik im thüringischen Jena. An seinen Standorten in Deutschland und in den USA beschäftigt Vincorion derzeit rund 900 Menschen, davon etwa 550 in Wedel. 2025 erwirtschaftete das Unternehmen rund 240 Millionen Euro Umsatz, mit stark wachsender Tendenz. „Wir haben unsere Marktposition weiter gestärkt“, sagt von Mentzingen. „Einen wichtigen Beitrag zu dieser positiven Entwicklung leistet unser Aftermarket-Geschäft: Wir begleiten Kundenplattformen über Jahrzehnte hinweg mit Ersatzteilen sowie Wartungs- und Überholungsleistungen. So sichern wir die langfristige Einsatzbereitschaft und den nachhaltigen Erfolg unserer Systeme.“
Ein Mechaniker bearbeitet bei Vincorion in Wedel ein Seitenrichtgetriebe für den Geschützturm des Panzers Leopard 2A7In den vergangenen Jahren gingen jeweils mehrere Tausend Bewerbungen bei Vincorion ein. Deutschlands größter Rüstungskonzern Rheinmetall wiederum, der von der Bremer Lürssen-Gruppe gerade vier norddeutsche Marinewerften übernommen hat, verzeichnete 2025 mehr als 20.000 Bewerbungen – in jedem einzelnen Monat. Die wachsende Rüstungsbranche gilt vielen mittlerweile offenbar als eine Art sicherer Hafen, gerade auch jüngeren Arbeitnehmern und vor dem Hintergrund, dass speziell die deutsche Automobilbranche derzeit Zehntausende Arbeitsplätze verliert.
In seinem bislang jüngsten Bericht vom Sommer 2025 nennt der Arbeitskreis Wehrtechnik Schleswig-Holstein eine Zahl von rund 9000 Beschäftigen bei 38 Unternehmen der Rüstungswirtschaft. Das sei der höchste Wert seit der deutschen Einheit. Zwischen 2015 und 2024 war die Zahl der Menschen in den Rüstungsunternehmen des Landes um 50 Prozent gestiegen, seit dem russischen Übefall auf die Ukraine im Februar 2022 um 20 Prozent. Hinzu kommen laut Bericht noch etwa 15.000 durch die Aufrüstung indirekt Beschäftigte in Schleswig-Holstein.
Die Wehrindustrie im Norden ist breit aufgestellt, von den Marinewerften bis zum Familienunternehmen Flensburger Fahrzeugbau, das Panzer repariert und umrüstet. Bei den einzelnen Spezialisierungen listet der Bericht den Marineschiffbau und die Herstellung von Landsystemen auf, die Luftfahrtindustrie und die Herstellung von Kommunikationssystemen, die Produktion von Waffen und Munition sowie auch Hersteller für Sensorik, Optik und Optronik.
Die Rüstungswirtschaft verzeichnet ein anhaltendes Wachstum. Rheinmetall etwa steigerte den Umsatz im vergangenen Jahr auf 9,9 Milliarden Euro von etwa 7,7 Milliarden Euro im Jahr 2024. Der Gewinn nach Steuern stieg um rund 27 Millionen Euro auf 835 Millionen Euro. Der Auftragsbestand von Rheinmetall wuchs um mehr als zehn Milliarden Euro auf 40,8 Milliarden Euro. Unter anderem betreibt der Düsseldorfer Konzern auch einen Standort in Flensburg für die Bearbeitung von Panzern. Einen großen zusätzlichen Schub erhofft sich das Rheinmetall-Management vom Einstieg ins Marinegeschäft.
Schleswig-Holstein, das industriell eher als eine strukturschwache Region gilt, beheimatet eine ausgeprägte und stark wachsende Rüstungsindustrie. Größter Arbeitgeber der Branche im nördlichsten Bundesland ist die mehrheitlich zu ThyssenKrupp gehörende Marinewerft TKMS in Kiel, Deutschlands größte Werft insgesamt mit rund 3700 Beschäftigten. Im vergangenen Oktober brachte ThyssenKrupp TKMS an die Börse, behielt aber 51 Prozent der Anteile. Zu Ende 2025 verbuchte TKMS einen Rekord-Auftragsbestand von 18,1 Milliarden Euro. Darin enthalten sind vor allem auch ein Dutzend der weltweit modernsten nicht-nuklear-getriebenen U-Boote der Klasse 212CD für die Marinen von Deutschland und Norwegen. Im zurückliegenden Geschäftsjahr 2024/25 erwirtschaftete TKMS rund 2,2 Milliarden Euro Umsatz und 127 Millionen Euro Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit).
Insgesamt arbeiten derzeit rund 9100 Menschen für TKMS, darunter die Beschäftigten des Marineelektronik-Herstellers Atlas Elektronik in Bremen. In Wismar übernahm TKMS 2022 die Schiffswerft nach der Insolvenz von MV Werften, um dort künftig ebenfalls vor allem U-Boote zu bauen. Auch an einer Übernahme der Marinewerft German Naval Yards (GNYK) in Kiel ist TKMS interessiert. Die Werft, die früher HDW Gaarden hieß, gehörte bereits bis 2011 zu TKMS.
Eine lange Geschichte beim Bau von Marineschiffen und bei Zulieferungen für die „grauen“ Schiffe hat auch die Werft Flensburger Shipyard (FSG), die seit Anfang 2025 zur Heinrich Rönner Gruppe in Bremerhaven gehört. Rönner hatte FSG nach dessen Insolvenz übernommen, zuvor gehörte die Flensburger Traditionswerft zum Investmentfonds Tennor von Lars Windhorst. Das Stahlbauunternehmen Rönner wiederum arbeitet unter anderem eng mit TKMS beim Bau von Marineschiffen für den Export zusammen, der sogenannten MEKO-Klasse.
Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit vielen Jahren auch über die Rüstungsindustrie und die Bundeswehr.
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