Rund 2000 Schiffe sitzen derzeit am Persischen Golf und rund um die Meerenge Straße von Hormus fest. Grund dafür ist der Krieg der USA und Israels gegen den Iran. Darunter sind 50 Schiffe von zehn deutschen Reedereien mit insgesamt etwa 2000 Menschen Besatzung an Bord, berichtete der Verband Deutsche Reeder (VDR) am Montag in Hamburg. Alle Besatzungsmitglieder seien derzeit wohlauf und ihre Versorgung sei gesichert, sagte VDR-Hauptgeschäftsführer Martin Kröger. Gleichwohl: „Die Gefahr, beschossen zu werden, ist real.“

Nicht nur am Persischen Golf ist die Schifffahrt derzeit ein heikles Geschäft. Auf Nord- und Ostsee werde die Navigation erheblich gestört, sagte VDR-Präsidentin Gaby Bornheim in Anspielung auf Russlands hybride Kriegsführung. Deshalb komme auf den Schiffen mittlerweile wieder „die gute alte Seekarte“ im Papierformat zur Anwendung. An der Taiwanstraße zeigt Chinas Marine massive Präsenz, das Land droht immer wieder mit einer Invasion Taiwans, das es als Teil des eigenen Territoriums sieht. In Roten Meer ist weiterhin Beschuss durch die mit Iran verbündete Huthi-Armee möglich. Und in verschiedene Weltgegenden herrsche weiter intensive Piraterie, etwa vor den Küsten Afrikas, sagte Bornheim.

Vor diesem Hintergrund sucht die deutsche Schifffahrt zuverlässiges Personal für den Ernstfall. Mit 1716 Schiffen aller Kategorien lag 2025 die insgesamt siebtgrößte Handelsflotte der Welt in der Kontrolle deutscher Reedereien, darunter die nach der Schweiz zweitgrößte Containerflotte. In der Containerschifffahrt dominiert die Schweiz derzeit wegen der stark gewachsenen Flotte der weltgrößten Reederei MSC.

Kröger und Bornheim forderten den Bund zur Einführung eines nationalen „Seedienstes“ auf, um Deutschlands maritime Präsenz als eine führende Außenhandelsnation auch angesichts weiter wachsender internationaler Spannungen sicherzustellen. Dieser Seedienst hätte aus Sicht des VDR drei Elemente: eine Präsenz junger Menschen an Bord im Rahmen des bestehenden freiwilligen Wehrdienstes – dieses eine Jahr könnte später auf eine maritime Ausbildung etwa als Schiffstechniker angerechnet werden; im Falle einer Dienstpflicht soll die Möglichkeit geschaffen werden, „einen Beitrag in der für die nationale Daseinsvorsorge unverzichtbaren Handelsschifffahrt zu leisten“; drittens sollen aktive Seeleute im Spannungs- und Verteidigungsfall weiter an Bord blieben dürfen, anstatt zur Deutschen Marine oder allgemein der Bundeswehr eingezogen zu werden.

Im vergangenen Jahr begannen nur 206 Menschen eine Ausbildung in der deutschen Seeschifffahrt. Nur 4700 Seeleute haben die deutsche Staatsbürgerschaft, insgesamt rund 7100 sind in Deutschland sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Insgesamt beschäftigt die deutsche Handelsflotte rund 60.000 Seeleute, die meisten von ihnen stammen aus asiatischen Staaten wie den Philippinen, bei den Offiziersrängen sind häufig Fachkräfte aus Polen oder der Ukraine an Bord. Beim Personal verzeichnet Deutschland deshalb mit Blick auf die mögliche weitere Eskalation internationaler Konflikte eine drastische Unterdeckung. Kröger sagte: „Eine resiliente Nation braucht Seeleute, die ihre Versorgung sichern.“

Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit mehr als 30 Jahren über die maritime Wirtschaft, über Schifffahrt, Werften und Häfen.

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